Blick auf die Sterne (3)



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Vinícius steht an der Kreuzung und blickt auf die Finsternis, die sich wie eine undurchdringliche Wand zwischen ihn und seine wohlverdiente Ruhe schiebt. Vielleicht, durchfährt es ihn da, ist der Tod keine zeitliche, sondern eine räumliche Grösse. Vielleicht ist er nicht etwas, das dich ereilt, wenn deine Zeit gekommen ist, sondern etwas, in das du hineingehst. Etwas, wohinein du dich verläufst, wenn du nicht achtgibst. An einer Kreuzung stellt sich dir der Tod in den Weg, und du, deinem gewohnten Schritt vertrauend, läufst direkt in ihn hinein. Der Mensch stirbt aus Gewohnheit und nicht, weil er für das Leben zu alt würde.

Sieht so der Tod aus? Er hat ihn sich anders vorgestellt, grell und schrill, wie die Intensivstation, auf der seine Frau starb. Sie war auf dem Heimweg vom Supermarkt angefahren worden und es hatte gedauert, bis Freunde Vinícius gefunden und zu seiner Frau gebracht hatten. Als er im Spital eintraf, lag sie bereits im Sterben, es reichte gerade noch für einen letzten Händedruck, dann schloss sie die Augen und schrie ein letztes Mal auf. Vinícius erinnert sich vor allem an die Hektik, die im weiss gekachelten Raum herrschte, an die nackten Glühbirnen, die von der Decke hingen, an die nervösen Rufe der Ärzte, an das hektische Treiben der Krankenschwestern und wie sie blutdurchtränkte Tücher und Verbände auf die Wunden seiner Frau pressten. Der Tod, war er von da an überzeugt, kommt nicht leise. Unüberhörbar und unübersehbar kündigt er sich an. Laut ereilte er seine Frau. Das da, was ihn da auf der anderen Strassenseite erwartet, sieht nicht wie der Tod aus. Und doch.

Vinícius richtet den Blick über die lichterlosen Häuserzeilen hinaus in den Himmel hinauf und sieht, was das Leuchten der Stadt sonst nie preisgibt. Vinícius sieht Sterne. Bislang kannte er sie nur aus der Astrologiesektion der Zeitung, die er täglich zum Frühstück liest. Und soviel hat er aus seiner Lektüre gelernt: Selten verheissen Sterne etwas Gutes.


finis terrae |
Markus A. Hediger am 19.09.2008
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So gut wie seine eigene Hosentasche (2)



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Vielleicht wäre es besser, er wiche heute von seiner üblichen Route ab und suchte sich einen beleuchteten Umweg. Der Stromausfall ist sicherlich lokal begrenzt, ausgelöst durch einen Kurzschluss in einer der alten und seit Urzeiten nicht mehr renovierten Wohnungen. Vinícius blickt nach links, dann nach rechts: Auf seiner Strassenseite erstreckt sich die Lichterkette in beiden Richtungen in den Tumult des feierabendlichen Verkehrs hinein. Doch gegenüber verliert sich die Dunkelheit in der Ferne. Kein Licht, kein Lämpchen, kein Blitzen, nicht einmal ein Glimmen.

Vinícius kennt seinen Heimweg so gut wie seine eigene Hosentasche. Eigentlich könnte es ihm egal sein, ob die Lichter brennen oder nicht. Selbst im Schlaf wäre er in der Lage, den Schlaglöchern am Strassenrand auszuweichen. Er weiss, an welchen Stellen der Asphalt aufgerissen ist, wo eine geplatzte Wasserleitung den Belag unterspült hat. Zehn Minuten, ganze lächerliche zehn Minuten trennen ihn vom Depot, in dem er seinen rollenden Laden über Nacht einzustellen pflegt und über dem seine kleine Wohnung liegt. Aber dennoch zögert er.

Also steht er weiter an der Ampel und beobachtet den Verkehr, der an ihm vorbeizieht: blendend helle Scheinwerfer, die das Heck des voranfahrenden Autos beleuchten. Dunkle Scheiben, hinter denen sich der Schatten eines Kopfes erkennen lässt, manchmal auch das Aufglimmen einer Zigarette. Wie an einer unsichtbaren Schnur zieht es die Menschen in ihren Wagen nach Hause, eine nicht enden wollende, rollende Lichterkette. Erst jetzt fällt ihm auf, dass keines der Fahrzeuge aus dem Verkehr ausschert und in das dunkel daliegende Quartier abbiegt. Kein einziges Auto, das den Blinker setzt, und dann, als der Fahrer die Finsternis bemerkt, in die er im Begriff ist hineinzufahren, von seinem Vorhaben ablässt. Es ist, als ignorierte der gesamte Verkehr diesen in Dunkelheit getauchten Stadtteil, als existierte er überhaupt nicht. Und das, obwohl es an normalen Nächten da nur so von Leben brummt.


finis terrae |
Markus A. Hediger am 18.09.2008
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Kalt gelassen



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07:07:
Jetzt ist der Winter tatsächlich noch nach Rio gekommen. 17° bitterkalt ist es am frühen Morgen und die Aussichten auf einen Temperaturanstieg im Laufe des Tages sind äusserst gering. Seit drei Tagen hängen dicke Wolken über der Stadt und immer wieder fällt aus ihnen Regen. Erste Anzeichen einer sich ankündigenden Depression sind zu beobachten: Lustlosigkeit, Müdigkeit, Sehnsucht nach Frühling. Gestern dankte ich meiner Frau dafür, dass sie, als wir in der Schweiz unsere Sachen packten, darauf beharrte, dass ich meine leichten Pullis mit nach Rio nähme. Letzte Woche bewegten sich die Temperaturen noch an der 40° Grenze. Das Wetter ist tief gefallen.
Nicht einmal der tiefe Fall altehrwürdiger Finanzinstitute in Amerika und in der Schweiz vermag die Seele des carioca zu erhitzen. Macht ihn das Wetter frieren, lässt ihn auch alles andere kalt.


tempo / tempo |
Markus A. Hediger am 17.09.2008
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