Auf breiten Schultern
Die Tage vergingen und allmählich füllte Raimaran seine kleine Welt mit Dingen, die er in seinem Garten fand. Er wählte sie mit Sorgfalt aus, doch mit jedem Gegenstand, den er in seine Welt hineintrug, wurde das Lachen aus dem Keller immer lauter. Ob es nun ein vertrocknetes Ahornblatt, ein verrosteter Nagel oder ein aufgebrochener Vogelkäfig war – mit keinem Objekt gelang es Raimaran, das Gelächter verstummen zu machen. Verzweifelt stieg er in den Keller hinab. Vielleicht spielten ihm die Nachbarskinder ja einen Streich. Zuzutrauen war es diesen kleinen Teufeln. Doch was Raimaran im Keller fand, liess keinen Zweifel daran, dass die Strolche diesmal ihre Finger nicht mit im Spiel hatten. Missgelaunt untersuchte er die grosse Steinfigur, die in breitem Nacken und auf gekrümmtem Rücken den Boden seiner kleinen Wohnung trug. Das Gesicht des behauenen Steins war entspannt und seine Mundwinkel waren deutlich sichtbar nach oben gebogen. Atlas lachte.
Die Unschuld des Schöpfers
Der Fernseher blieb in Raimarans kleiner Welt. Als Erinnerung daran, dass keine Welt erschöpfend alle möglichen Welten zu beschreiben vermochte.
Da ging Raimaran hinaus in seinen Garten, betrat ein frisch gedüngtes Beet und klaubte einen Mistkäfer zwischen den Erdschollen hervor. Zurück in seiner Wohnung, setzte er das nervöse Tier auf den Tisch und betrachtete seine harte Schale, seinen gebogenen Rücken, die Sandkörner an den Beinen, seine tiefe, dunkle Farbe. Raimaran roch am Käfer. Mit seinen nach Dung riechenden Händen lockte er den Käfer quer über die Tischplatte, hin und her, bis es am Abend starb. Er trieb eine Stecknadel durch den Kadaver und befestigte es auf einem Styroporplättchen. Raimaran legte den Käfer neben sich auf die Pritsche und schlief ein.
Kriterien einer Schöpfung
Seine Welt mit wenigen Schritten durchmessend, berechnete Raimaran, dass 85 kleine Dinge darin Platz fänden. Das war nicht viel. Für einen kurzen Moment erfasste ihn Panik, als ihn der Gedanke streifte, die 85 Dinge, aus der sich seine Welt ergeben sollte, wollten aus der unendlich grossen Auswahl, die ihm zur Verfügung stand, sorgfältig und überlegt ausgewählt sein. Doch Raimaran war ein pragmatischer Mensch. Er glaubte an den Zufall und an die Neugierde. So trat er vor die Tür und an den Haufen Krempel, den er tags zuvor hinausgeschafft hatte, und holte den Fernseher wieder herein. Auf Discovery Channel, erinnerte er sich, wurden alle Dinge dieser Welt gezeigt. Eine elegante Methode, dachte er, den räumlichen Beschränkungen seiner Welt ein Schnippchen zu schlagen und die Erde und alles, was auf und in ihr war, in seine Wohnung zu holen. Er schaltete das Gerät ein, legte sich auf seine Pritsche und sah sich erst eine Sendung über Erdmännchen an, dann eine andere über die gewaltigsten Stürme der Erdgeschichte. Als schliesslich Bilder verschiedener Entwicklungsstadien des menschlichen Embryos über den Bildschirm flatterten und Raimaran sich gewahr wurde, dass er das, was über die Erdmännchen eine Stunde zuvor gesagt worden war, bereits wieder vergessen hatte, merkte er, dass das nicht die Welt war, wie er sie sich wünschte. Er wollte sie um sich haben, sie anfassen und jederzeit beschauen können. Das aber, erkannte er, würde ihn zwingen, sich zu beschränken und seiner Auswahl Selektionskriterien zugrundezulegen. Denn Wolken, zum Beispiel, hatten keinen Platz in seiner Welt.