Abigails Nacktheit
Eine Minute ist zu lang. Niemand verliert sein Leben in einer Minute. Der Tod bahnt sich ein ganzes Leben lang an. Und schlägt dann zu. Nicht in einer Minute. In einer Sekunde. Vielleicht braucht der Tod sogar noch weniger. Aber etwas Kürzeres als eine Sekunde kennt die Sprache nicht: “Don’t lose your life in a second.”
Esthers Kindheit ist perfekt. Sie lebt auf dem Land auf einer kleinen Farm. Ihre Mutter Abigail verbringt die Tage draussen auf dem Feld zwischen den Rindern und lässt sich von der Sonne bräunen. Abigail ist nackt. Esther hat sie nie anders gesehen. Die Kinder besorgen den Haushalt. Sie singen dazu Lieder der Freude. Es sind immer dieselben Lieder und Esther mag sie nicht mehr hören. Aber sie singt mit. Beim Abendessen sagt Esthers 18-jähriger Bruder Chuck: Mama, du hast schöne Brüste. Abigail lächelt und meint: Diese schönen Brüste haben dich ernährt. Chuck wurde adoptiert, als er fünf war. Jeder am Tisch weiss das. Ich wurde adoptiert, als ich fünf war, sagt Chuck. Bob, Esthers Vater, blickt kurz auf und die anderen halten den Atem an. Da sagt die dreijährige Sara: Mama, du hast schöne Brüste. Abigail lächelt und meint: Diese schönen Brüste haben dich ernährt. Das stimmt, denkt Esther und so denken auch die anderen und essen weiter. Esthers Gedanken lösen sich von Abigails schönen Brüsten, wandern durch den Wald und vor dem Schild bleiben sie wieder stehen. “Verlier dein Leben nicht in einer Minute”, steht da. So ein Unsinn, denkt Esther.
Das Schild
"Verliere dein Leben nicht in einer Minute”, steht auf dem Schild. “Don’t lose your life in a minute.”
Es macht keinen Sinn.
Ampeln, Strassenschwellen, Verkehrsschilder erlangen Sinn durch die Umgebung, in der sie errichtet werden. Eine Ampel irritiert, wo keine Kreuzung ist. Eine Strassenschwelle auf der Autobahn ist nicht nur unsinnig, sondern auch gefährlich. Auf einer Autobahn machte das Schild, von dem hier die Rede ist, hingegen durchaus Sinn. Aber nicht hier.
“Verliere dein Leben nicht in einer Minute”, steht auf dem Schild.
Esther lebt auf dem Land. Um zur Bushaltestelle zu gelangen, muss sie einen kleinen Wald durchqueren. Es macht ihr nichts aus. Er jagt ihr keine Angst ein. Mit ihm ist sie aufgewachsen, zwischen seinen Bäumen hat sie gespielt und in der Dunkelheit seiner Büsche sich vor ihren Geschwistern versteckt. Wenn sie zur Bushaltestelle geht, folgt sie nicht dem Pfad, den ihr Vater in den Wald geschlagen hat. Sie kennt eine Abkürzung. Es ist ihr privater, geheimer Weg durch den Wald und sie liebt ihn. Einzig das Schild zwischen den Bäumen verwirrt sie ein bisschen. “Verliere dein Leben nicht in einer Minute”, steht da. Jeden Tag, wenn es sich ihr wieder in den Weg stellt, bleibt sie kurz stehen und fragt sich, was das Schild hier soll. “Es macht keinen Sinn”, denkt sie. Wie kommt das Schild hierher? Verdankt es seine Lage einem Planungsfehler, einem unsorgfältig erstellten Beschilderungsplan? Oder der Misslaune eines unterbeschäftigten Beamten? Oder ist es gar ein göttliches, ein vom Himmel gefallenes Zeichen?
Jeden Tag bleibt sie kurz vor dem Schild mitten im Wald stehen und versucht, sein Geheimnis zu enthüllen. Sie merkt natürlich, dass sie so jeden Tag eine Minute ihres Lebens verliert und es macht sie traurig. Aber sie lächelt. Sie kann nicht anders.
Sweet Valley und die harte Schale. I
Wenn so viel im Innern abgeht, dass eines dem andern widerspricht. Wenn die Gefühlswelt der Aussenwelt nicht entspricht. Wenn das, was sich zeigt und sichtbar ist, anderen Regeln folgt als das, was man fühlt. Wenn alles nur Fassade ist, hinter der sich ein ganz anderes Bild zeigt. Wenn es keine Möglichkeit gibt, das Innere im Aussen abzubilden.
Dann bildet sich das Innere auf eine Art und Weise aus, dass es zu Missbildungen kommt.
Dann erzeugt das Oberflächenspannungen, unter denen das Innere leidet.
Dann bleiben die Katastrophen unbemerkt.
Notiz zu “Sweet Valley”