8. Juni 2007. Abschied (1)
Ich habe mir vorgenommen, in der Zeit, die mir in der Schweiz noch bleibt, nach und nach all die Plätze - vor allem in Winterthur und Umgebung -, die mir während den letzten siebzehn Jahren bedeutend wurden, nochmals aufzusuchen und mich von ihnen zu verabschieden. Eine Loslösung in Raten, sozusagen, nichts Heftiges.
Heute lief ich mit meinem Hund an der Töss entlang in den Wald hinein, der gleich hinter den Eisenbahnschienen beginnt, zurück an jene Stelle, an der ich vor einem Jahr im Unterholz nahe am Waldweg eine Manesse-Ausgabe von Rudyard Kiplings Meistererzählungen aus dem Jahre 1996 fand. Es war früher Frühling, noch sprossen Bäume und Büsche nicht. Mein Hund, neugierig wie immer, kam vom Weg ab, scharrte etwas im wintermorschen Laub herum und förderte besagtes Buch zu Tage. Zu gebrauchen, geschweige denn zu lesen, war es nicht mehr. Seine Seiten waren zu einer einzigen Masse verklebt. Nur dank des hervorragend verarbeitenden Einbands liess sich der Titel gesäubert entziffern. Ich habe mir das Buch neu beschafft. Es ist mir lieb geworden.
Wie wirft man ein solches Buch einfach weg?
Heute hatte ich auf meinem Spaziergang Italo Calvinos “Der Baron auf den Bäumen” dabei. Immer wieder habe ich dieses Buch während meinen Schweizer Jahren gelesen und noch immer kann ich es nicht auswendig dahersagen. Wenn ich es wiederlese, erlaubt es mir nicht, auf seine Worte zu achten. Es hebt mich von der Erde in die Bäume. Von dort oben schauen Worte aus wie Viola und wie Cosimos Liebschaften sonst noch alle hiessen. Einmal versuchte ich, dieses von mir zerlesene Buch einer guten Freundin zu schenken. Sie schlug es auf, hob es an ihre Nase, roch daran, schlug es zu, und gab es mir zurück mit den Worten: “Es riecht zu sehr nach dir.”
Lange habe ich auf meinem heutigen Spaziergang nach einer Stelle gesucht, an der ich den “Baron” unbeabsichtigt in die Büsche werfen konnte. Viele Hunde benutzen diesen Waldweg und so stehen die Chancen gut, dass eine feine Spürnase meinem Duft erliegt.
