29.06.2007. Brunas Sturz. Überarbeitungen. Acheron. Stewardessen

13:07

Eigentlich wollte ich jetzt etwas wirklich Heftiges über heutige Manager schreiben, doch am Mittagstisch in der Kantine sprachen wir über weibliche Flight-Attendants, ein Thema, das mich wieder milde stimmte. Vor vielen Jahren verliebte ich mich sehr heftig in eine Ex-Stewardess, die den Körper einer Südländerin hatte und das Herz einer Schweizerin. Wir hätten uns sehr gut ergänzt, denn bei mir verhält es sich mit Körper und Herz genau umgekehrt. Das war, wie’s scheint, auch der Grund, weshalb sie mich dann doch nicht wollte. Das Auge sieht schärfer als das Herz.

07:11

Es brennt mir unter den Fingernägeln, eine Rezension zu Perkampus’ “Acheron” zu schreiben. Aber ich suche noch nach einem Ansatz, der den Vielschichten des Romans gerecht wird. Ich habe das Buch jetzt zweimal gelesen, ein drittes wird sicher nötig sein. Anders als ein Leser, der an die Lektüre mit der Hoffnung herangeht, unterhalten zu werden, habe ich mich dazu entschieden, davon auszugehen, es stecke weit mehr als Grosskotzigkeit hinter dem Anspruch des Autors, mit diesem Roman etwas Einmaliges geschaffen zu haben. Im Zweifel für den Angeklagten, hiess meine Devise. Aus dem Zweifel ist eine Überzeugung geworden und so viel lässt sich jetzt schon sagen: dass meine Einschätzung des “Acheron” ganz anders ausfallen wird als jene von Benjamin Stein. Das Schlimmste, was ich Perkampus vorwerfen kann, ist, dass er dem Roman keine Warnung vorangestellt hat, man solle ihn nicht in einem Zug lesen wollen. Das ist ein Buch, das man immer wieder wird hervorholen müssen, wenn man das dahinterliegende Schreibprinzip einmal begriffen hat. (Ich gestehe nur allzu gern, dass ich da als Leser möglicherweise einen kleinen Vorsprung habe: durch unser gemeinsames Projekt “Wendeltreppe” erhalte ich Einblick in Michaels Arbeitsweise, was mir bei der Lektüre des “Acheron” natürlich sehr gelegen kommt.)
Doch jetzt ran an das Kapitel “Pusteblume” für die “Wendeltreppe”, das ich Michael schuldig bin.

05:56

Mein Bändchen mit Erzählungen wird nicht - wie ich gehofft hatte - bereits für die Werkschau fertig werden. Möglicherweise reicht auch der für Ende Oktober angesetzte Termin nicht. Die Texte müssen intensiv überarbeitet werden, was ich mir in meiner Ungeduld bislang nicht eingestehen wollte. Das Beste am Büchlein ist bislang das Cover. Dafür ist ein anderes Projekt ganz gut unterwegs. Das gemeinsam mit Hartmut verfasste “urban studies” wird termingerecht fertig und spätestens Ende August lieferbar sein.

05:31

Kurz nach zehn gestern abend - ich war noch auf, weil ich eine Aktualisierung meiner Weblog-Software auf Skypaper vornahm, testweise, um - sollte alles reibungslos klappen - sie später auch hier zu installieren - erhielt ich eine Mail von Michael mit Cover-Vorschlägen für den Erzählband “Mandrake spielt Schach”, da rief ich ihn an, wir sprachen fast eine Stunde miteinander, ich kam erst nach elf ins Bett, erst um Mitternacht schlief ich ein - was sich heute morgen rächt: Ich bin müde. Sechs Stunden Schlaf brauche ich im Minimum, um gut durch den Tag zu kommen.
Neben mir liegen jetzt Fotos von Brunas Arbeitsunfall im Zirkuszelt. Es ist mir völlig unerklärlich, wie sie den Sturz vom Trapez, wie sie den offensichtlichen Genickbruch überleben konnte. Die Fotos sind grausig. Ron schwört, er habe sie begraben, habe den Clown mit der traurigen Schminke sogar noch das Gebet sprechen lassen, bevor er die gesamte Entourage entlassen habe. Ron schwört, er habe Bruna erst kürzlich wieder gesehen. Gänzlich unmöglich, sagte ich ihm, nachdem ich die Fotos gesehen hatte. “Bruna lebt”, schwörte er.
Michael und ich sprachen am Telefon auch über unseren gemeinsamen Roman “Wendeltreppe”. Bereits jetzt, nach wenigen geschriebenen Kapiteln, sind so viele Fäden ausgelegt, dass es scharfer Konzentration bedarf, um nicht in eine der zahlreichen Fallen zu geraten, die wir uns selbst gelegt haben. Man lese die einzelnen Kapitel wie abgeschlossene Erzählungen, so lautet unser Rat an den Leser.

Die Tage bis zur Ausreise |
Markus A. Hediger am 29.06.2007
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