Leben, entdecke ich

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Auch wenn die Dinge nicht immer so laufen, wie man sie sich wünscht (oder gerade deshalb): Geschäftige Ernüchterung.

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Nun hat die Lungenentzündung, die mich im Januar (oder war’s Februar?) plagte, sich im kleinen Brustkorb unserer Tochter eingenistet. Flecken wie heitere, lockere Wolken auf dem Röntgenbild, die sie böse husten machen. Sorge und Weh um das eigene Kind setzen mir zu.

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Gestern Nachmittag – die Kleine durfte trotzdem in die Krippe, da die Antibiotika bereits Wirkung zeigen und eine Ansteckungsgefahr nicht gegeben sei – gönnten sich meine Frau und ich seit langem wieder einmal eine Kinovorstellung. „Street Kings“, mit Keanu Reeves und Forest Whitaker. Meine Frau mag Action-Streifen, echt.

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Was mir vom Film blieb: dass die Schüsse, die wir gelegentlich aus den Slums in der Nachbarschaft hören, bei weitem nicht so dramatisch tönen wie im Kino. Dolby Surround oder DTS ist in Wirklichkeit nicht: In Rio pufft es mehr als dass es knallt.

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Vor einigen Nächten brach der Wassertank auf dem Dach des Nachbarhauses. Ein gewaltiger Wasserschwall donnerte in unseren Innenhof. Seither tropft es die Wand hinunter. Wir haben Meldung erstattet, nichts geschieht. Der einzige Trost: Dengue-Mücken mögen fliessendes Wasser nicht. Auch als wir wegen dem Husten mit der Kleinen im Spital waren – noch immer lange lange Schlangen fiebriger, dehydrierter Menschen. Es müssen jetzt schon über 100’000 sein, die allein in diesem Jahr allein in Rio am Dengue-Fieber erkrankten. Wenigstens scheinen jetzt weniger daran zu sterben, seit auf allen Kanälen intensiv Aufklärungsarbeit geleistet wird. Auf Plakaten heisst es in der ganzen Stadt: Kämpft gegen Dengue!

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Gegen die Mücken hat man keine Chance. Sinnvoller wäre es, für Hygiene zu werben. In den Gärten und unbebauten Grundstücken liegt Müll, in dem sich Pfützen bilden, in denen sich die Larve der Aedes aegypti ausgesprochen wohl fühlt.

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Es lässt sich in Rio leben, entdecke ich. Man hat auch hier so seine kleinen Sorgen. 


Markus A. Hediger am 19.04.2008
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Podcast der Lärmenden Akademie und weitere gute Nachrichten

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Dieser Tage häufen sich die guten Nachrichten.

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Es freut mich ausserordentlich, den ersten gemeinsam mit Michael Perkampus produzierten Podcast ankündigen zu können. Der Pod-z-Blitz Nr.9, erstmalig unter dem Label der Lärmenden Akademie produziert, ist online! (Mit freundlicher Genehmigung der Lärmenden Akademie wird der Pod-z-Blitz auch auf SkyRadio gesendet.)
In dieser Sendung beschränkt sich mein Part noch auf den eines Sprechers, alles andere hat Michael dazugetan. Für die nachfolgenden Sendungen bin ich angehalten worden, mich stärker einzubringen, was ich natürlich gerne tun werde. “Herr Palomar im Aufnahmestudium” wird in Gänze aus meiner Feder stammen, Produktion und Schnitt jedoch von dem besorgt, der es nach wie vor am Besten kann.

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Es scheint, als ob wir innerhalb der nächsten fünf Tage die Schlüssel für Büro und Atelier im Nachbarhaus erhalten werden. Auch das sagenhaft gute Nachrichten. So langsam kommen wir hier in Rio in die Gänge.


Markus A. Hediger am 17.04.2008
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Nullrunde

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Nullrunde.

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Platz für Ankündigungen.

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Nachdem ich nach langer Arbeit die Erzählung “Der rote Kolibri” fertigstellen konnte und hoffentlich damit endlich auch die Dämonen versöhnt habe, die mich mit diesem Stoff jetzt doch schon einige Jahre lang bedrängt haben, ist jetzt Zeit für anderes: Ich hatte Michael Perkampus schon vor einiger Zeit eine Langerzählung für die Reihe Prosa-Inseln seiner Edition Neue Moderne versprochen, kam aber nie dazu, sie zu schreiben. Jetzt sind die ersten acht Absätze als Podcast auf SkyRadio zu hören. Weitere Absätze folgen in unregelmässigen Abständen. (Der Text wird diesmal nicht als PDF zur Verfügung gestellt. Es handelt sich hierbei ja nicht um die definitive Version. Die können Sie sich kaufen, sobald das Büchlein fertig ist. “Der rote Kolibri” übrigens wird online gar nicht verfügbar gemacht, weder in gesprochener noch in geschriebener Form. Ihm ist ein exklusiver Platz zwischen zwei Buchdeckeln zugedacht. Auch dieses Buch werden Sie sich kaufen können. Weiteres dazu, wenn’s dann so weit ist.)

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Heute ebenfalls erschienen: das erste “Lesezeichen” mit den besten Beiträgen der LitbloggerInnen der letzten drei Monate.


Markus A. Hediger am 15.04.2008
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Möglicherweise ein wunderbares Leben

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Vor einigen Wochen waren wir schon einmal hier gewesen, an einem Sonntag, hatten aber keinen Parkplatz finden können. Kilometer um Kilometer Autos dicht an dicht. Und der Strand voller Menschen. Meine Frau meinte: Versuchen wir’s doch an einem Samstag.

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Ich packte die Strandtasche ohne grosse Zuversicht. Samstag oder Sonntag, wo war da der Unterschied? Das Wochenende ist bekanntlich zwei Tage lang. Aber es drängte mich hinaus, an die Sonne, die endlich, nach einer Woche kühlen Regens (wohltuend kühl, aber eben doch nass), wieder an einem wolkenlosen Himmel stand.

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Tags zuvor hatten wir uns im Nachbargebäude eine kleine 3-Zimmer-Wohnung angeschaut, für bescheidene 500 Franken monatlich. Wir suchen Arbeitsräume, ein Atelier für meine Frau, ein Büro für mich. Also fuhren wir in den zweiten Stock hinauf und betraten lichtdurchflutete Räume, sagenhaft hell und mit von Hochhäusern unverstelltem Blick auf die Dächer des Quartiers, sogar die wunderschöne Barockkirche am Fuss der Christusstatue ist von dort aus zu sehen.

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Wir sind auf der Suche nach jemandem, unter dessen Namen wir die Wohnung mieten können. Hier in Rio wird von Mietern ein Erwerbsnachweis verlangt, den können weder meine Frau noch ich erbringen. Der Hinweis, dass auf einem Schweizer Konto unser Erspartes liegt, reicht nicht. Heute also Gespräche und Verhandlungen mit der Gebäudeverwaltung und mit Freunden.

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Heute wurden zudem die Regeln festgeschrieben, die ich bei der Neuerfindung meines Lebens zu beachten habe: An sogenannten hard facts soll nicht gerüttelt werden. Geburtsurkunde, Name der Eltern, Farbe des Passes, die geographischen Stationen meines Lebens bleiben unverändert. Es ist mir jedoch untersagt, den christlichen Glauben und damit verbundene Krisen zur Begründung irgendwelcher Ereignisse oder Entscheidungen anzuführen. Ich darf von Kirchen erzählen, wenn sie als Gebäude für die Geschichte unerlässlich sind, ich darf von Gläubigen schreiben, wenn sie in Gestalt z.B. der schönen Tochter eines Gemeindeältesten daherkommen. Ich selbst jedoch darf mich nicht als religiösen Menschen beschreiben. Ob ich das hinkriege – keine Ahnung. Es bedeutet, den Blick auf das zu richten, was ich bislang unbeachtet links liegen liess.

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Nur langsam freunde ich mich mit dem Gedanken an, möglicherweise ein wunderbares Leben gehabt zu haben, das nun hier in Rio seine Fortsetzung findet. Wir fuhren ans Meer, an der Strasse standen zwar bereits einige wenige Wagen, aber es war Platz, viel Platz für unseren kleinen Clio, der Sand war sauber, das Wasser auch und kühl, die Strömung stark, aber das wussten wir ja.

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Markus A. Hediger am 14.04.2008
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Jede Geographie verlangt eine eigene Biographie

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Jede Geographie verlangt eine eigene Biographie.

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Seit ich damit begonnen habe, auf Portugiesisch nach meinen Erinnerungen zu suchen, stelle ich fest, dass es ein anderes Leben ist, das ich beschreibe. Ein bisschen hat es mich schon überrascht, wie vehement sich die hiesige Sprache einer Übersetzung meiner deutschsprachigen Autobiographie widersetzt. Erzwinge ich sie, ist das Resultat ein nichtssagendes Leben.

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Ich suche nach Gründen.

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Vielleicht liegt es tatsächlich an der Sprache, die in sich anders strukturiert ist als das Deutsche. Beginne ich mit einem Satz und folge der Logik oder dem Reiz seiner Aussage oder seines Klangs, folge ich anderen Wegen als wenn ich dieselbe Strategie im Deutschen anwende. So führt mich der Satz „Ich wurde als Sohn eines Missionarsehepaars geboren“ im Deutschen unmittelbar ins exotische und von der Militärdiktatur geprägte Brasilien der späten 60er, im Portugiesischen aber zu einer längeren Reflexion über meine Eltern auf der Suche nach einer Antwort auf die Frage, weshalb sie das (damals schon) recht gemütliche Schweizer Ländchen verliessen, um in einem Haus im tiefsten Land zu wohnen, das nur ein Plumpsklo besass.

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Vielleicht liegt es am kulturellen Umfeld, in das hinein ich mein Leben erzähle. Anders als in der Schweiz, wo überzeugte Christen (oder überhaupt tiefreligiöse Menschen) eine Ausnahmeerscheinung sind, ist der brasilianische Alltag von Religion durchtränkt. Missionare sieht man überall, ob es nun Mormonen sind, die in Zweierteams mit den schwarzen Schildchen am weissen Hemd und je mit einem kleinen Rucksack durch die Strassen ziehen, oder der Deutsche, der in der Baptistengemeinde neben der Krippe unserer Tochter seinen Gottesdienst verrichtet. Zu sagen, ich sei Missionarssohn – damit kann ich (anders als in der Schweiz, wo es mir nebst skeptischen Blicken immerhin einen Exotenbonus einbrachte) hier nicht punkten. Es interessiert in Brasilien keinen.

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So sehe ich mich vor die etwas unerwartete Herausforderung gestellt, für einmal mein Leben nicht vor einem religiösen Hintergrund zu beschreiben. Es ist eine recht ungewohnte Lage, in die mich das Portugiesische damit bringt, war doch die christliche Folie der Dreh- und Angelpunkt, von dem aus ich mich bis anhin beschrieb – und sei’s auch bloss als in Opposition zum Christentum. (Es gibt kein bestimmenderes Element im Leben als ein Feind, dem man den Krieg erklärt hat.)

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Ehrlich gesagt macht mich das etwas hilflos. Ich weiss nicht, wo ich beginnen soll. Das Portugiesische hat mir meinen Feind genommen. Ich stehe in Waffen auf dem Schlachtfeld, aber der Feind hat sich nicht wie verabredet zum Krieg gemeldet.

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Es muss komisch aussehen, wie ich bis zu den Zähnen bewaffnet und in schwerer Rüstung im Urwald steh. Mit jedem Schritt, den ich tue, verheddere ich mich im Unterholz und verfange mich in Lianen. Die deutschsprachige Fiktion meines Lebens hat mich in Brasilien handlungsunfähig gemacht.

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Zeit, die Waffen abzulegen.

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(Für einmal eine Geschichte mit Moral. Man sehe es mir nach. Auf Portugiesisch hätte die Geschichte wahrscheinlich ein ganz anderes Ende genommen. Ein Grund mehr, meine Biographie neu zu schreiben.)


Markus A. Hediger am 10.04.2008
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