Überzeugende Schönheit der Möglichkeiten
1
Nun also Emília.
Vor ihr aber war Dorinda.
2
Der Bekannte, aus dessen Mund Emílias Arabesken flossen, wird nun sehr wahrscheinlich Mitherausgeber der brasilianischen Literaturzeitschrift, von der ich seit meiner Ankunft hier in Brasilien träume.
3
Dorinda, ich liebe dich in der überzeugenden Schönheit der Möglichkeiten, liebe dich wie das Licht, das die Ecken und Kanten fürchtet. Dorinda, Mädchen der breiten und duldsamen Hüften…
4
Seit langem verfolge ich seine Arbeit auf dem Weblog mit dem wunderschönen Namen „uanabilontra“. Er publiziert selten, oft monatelang ist nichts Neues von ihm zu lesen, dann plötzlich eine leise Explosion der Bilder,
5
Ich verlangte nach dir auf ausgetretenen Pfaden, Sandalen und Liebe alle Tage.
6
ein schweigsamer Zeitgenosse, stellte ich mir vor, mit einem Innenleben, das sich der Sprache entzieht, aber gegen Sprache kommt keiner an, auch er nicht, so dass er, wenn er ihr seine Niederlage eingesteht, es verdichtet aus ihm spricht.
7
Der Körper glüht, die Zunge schenkt aus.
8
Meine Damen und Herren, ich stelle vor: Luiz Alberti.
9
Ein Otter, meine Liebe!
Emília mit dem langen Haar
1
Emília mit dem langen Haar, violettes Rankenornament, das deine Züge nachzeichnet, wie Schriften entlang einer toten Wand, dem Schild.
2
Emília gehört nicht mir, Emília ist der Name im Mund eines Bekannten, Emília gehört ihm, Emília ist seine Liebe, sein Schmerz. Als er mir von ihr erzählte
3
Emília, Mädchen des gemessenen Schrittes, der Kadenzen, der kindlichen Angst, der Gesänge in der Stille, der bemühten Zurückhaltung, und stolz
4
empfand ich nichts für sie, obwohl dieser Bekannte sich Mühe gab, sichtlich nach Worten rang, sein Auge leuchtete und vielleicht war es eine Träne in seinem Blick, worin das Licht sich brach,
5
Emília, ewiges Lächeln, ein Leben gemacht und ungemacht, zweifelnd im Ursprung schon, diese
Schweigende Emilia, die sich von der ewigen Liebe, von der ewigen Leidenschaft ihrer Dinge bewegen lassen will.
6
und dann erzählte er mir auch weshalb, weshalb er weinte, und weshalb er mir nicht alles erzählen könne
7
Emília, die Moderne, denkt sich irgendwas und es interessiert mich nicht, denn sie vergisst mich, denkt sich verführt und wieder vom urbanen Leben.
8
Es interessierte mich nicht, denn es fehlte mir der Höhepunkt, es fehlte mir das Wort, das sich nach dem Zenit streckte, es fehlte mir der Gaumen voller Emília, Emília, sagte er,
9
Schönheit aus den Fugen der Zeit, Herrin der Hände, mutig und unerschrocken, auf meiner Zunge sammelst du Erinnerungen: Emília, zukünftige Frucht meines Leids, notwendige Liebe, unausweichlicher Tod, Falter am heissen Licht.
10
Mein Freund, sagte ich, du leidest verfrüht. Es soll nur leiden, wer etwas verlor. Du aber hast Emília nie gehabt, sie will dich nicht. Lass sie flattern, bis sie stirbt.
11
Heute sah ich Emília aus dem Fenster heraus an der Bushaltestelle. Und Emília lachte und Emílias langes Haar war genau so, wie er es mir beschrieben hatte, alles an ihr war Emília, ein Wort im Mund eines Mannes, den ich kaum kannte, und jetzt, plötzlich, wusste ich, dass es ihr an gar nichts fehlte, dass ich es war, der das letzte Notwendige nicht hatte hinzutun können: Ich sah Emília und ich liebte sie dennoch nicht.
Leben, entdecke ich
1
Auch wenn die Dinge nicht immer so laufen, wie man sie sich wünscht (oder gerade deshalb): Geschäftige Ernüchterung.
2
Nun hat die Lungenentzündung, die mich im Januar (oder war’s Februar?) plagte, sich im kleinen Brustkorb unserer Tochter eingenistet. Flecken wie heitere, lockere Wolken auf dem Röntgenbild, die sie böse husten machen. Sorge und Weh um das eigene Kind setzen mir zu.
3
Gestern Nachmittag – die Kleine durfte trotzdem in die Krippe, da die Antibiotika bereits Wirkung zeigen und eine Ansteckungsgefahr nicht gegeben sei – gönnten sich meine Frau und ich seit langem wieder einmal eine Kinovorstellung. „Street Kings“, mit Keanu Reeves und Forest Whitaker. Meine Frau mag Action-Streifen, echt.
4
Was mir vom Film blieb: dass die Schüsse, die wir gelegentlich aus den Slums in der Nachbarschaft hören, bei weitem nicht so dramatisch tönen wie im Kino. Dolby Surround oder DTS ist in Wirklichkeit nicht: In Rio pufft es mehr als dass es knallt.
5
Vor einigen Nächten brach der Wassertank auf dem Dach des Nachbarhauses. Ein gewaltiger Wasserschwall donnerte in unseren Innenhof. Seither tropft es die Wand hinunter. Wir haben Meldung erstattet, nichts geschieht. Der einzige Trost: Dengue-Mücken mögen fliessendes Wasser nicht. Auch als wir wegen dem Husten mit der Kleinen im Spital waren – noch immer lange lange Schlangen fiebriger, dehydrierter Menschen. Es müssen jetzt schon über 100’000 sein, die allein in diesem Jahr allein in Rio am Dengue-Fieber erkrankten. Wenigstens scheinen jetzt weniger daran zu sterben, seit auf allen Kanälen intensiv Aufklärungsarbeit geleistet wird. Auf Plakaten heisst es in der ganzen Stadt: Kämpft gegen Dengue!
6
Gegen die Mücken hat man keine Chance. Sinnvoller wäre es, für Hygiene zu werben. In den Gärten und unbebauten Grundstücken liegt Müll, in dem sich Pfützen bilden, in denen sich die Larve der Aedes aegypti ausgesprochen wohl fühlt.
7
Es lässt sich in Rio leben, entdecke ich. Man hat auch hier so seine kleinen Sorgen.