Ein Viadukt und kein Wort dafür
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Wieder da, wo ich begonnen hatte.
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Am Punkt, wo mir die Worte fehlen. Doch diesmal schlage ich (es muss ja weiter gehen, nicht wahr?) eine andere Richtung ein. Statt dem einfachsten Weg zu folgen und der deutschen Sprache nachzugeben, werde ich mein Leben neu aufrollen. Auf Portugiesisch, diesmal. In holprigen, schwerfälligen Sätzen wahrscheinlich, so unvertraut wie mir die Sprache meiner Kindheit während den Jahren in der Schweiz geworden ist.
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Was für ein dummer, dummer Fehler (so idiotisch, dass ich mich dafür schäme) anzunehmen, man könne sich einem Land in einer diesem fremden Sprache nähern. Auf deutsch habe ich mich in den vergangenen Wochen vielleicht, wenn überhaupt, mir, der ich auf deutsch denke und schreibe, genähert, bin aber Rio und dem Leben in dieser Stadt damit keinen Schritt näher gekommen. Vielleicht auch deshalb meine Abneigung gegen diese Stadt: Ich plaudere auf deutsch auf sie ein und wundere mich darüber, dass sie mich nicht versteht.
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Wundere mich darüber, dass ich sie nicht verstehe.
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Rio de Janeiro, cidade maravilhosa.
Rio de Janeiro, wunderbare Stadt.
Sage ich es auf deutsch, glaubt mir das niemand.
Fahren wir ans Meer
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Der Besuch des Botanischen Gartens vorgestern
nach meinem Absturz in die Ratlosigkeit hat gut getan. Mit Frau und Kind verbrachte ich den Nachmittag unter Palmen und Urwaldriesen. Die Kleine genoss das üppige Grün, meine Frau und ich erholten uns in einem überraschend gut und liebevoll gepflegten Park, sprachen über meine Hilflosigkeit, über all die Fragezeichen, die uns im Moment die Sicht verstellen, auch über eine mögliche Rückkehr in die Schweiz.
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So unangenehm sie sind, so sehr man sich auch gegen sie wehrt – solche Tiefpunkte sind heilsam. Man streckt die Waffen. Gibt das letzte bisschen Euphorie auf, vergisst, woher man die Zuversicht nahm, die einem vor etwas mehr als einem Jahr die Kraft gab, das damals ungeheuerlich erscheinende Projekt Auswanderung in Angriff zu nehmen. Unter Palmen denkt man nicht ans Morgen.
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So sehr ich mir das auch gewünscht hätte: mir ein Morgen vorstellen zu können, mir vorstellen zu können, dass ich am Abend einschlafen würde, um am nächsten Morgen wieder zu erwachen.
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Unter Palmen bei einer Tasse köstlichen Kaffees gab es für mich keine Zukunft.
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Am nächsten Morgen dann die Frage, wie es so weit überhaupt hatte kommen können. Natürlich die Blauäugigkeit, die sich weigert, den sich anbahnenden Schwierigkeiten ins Auge zu sehen. Natürlich die Blauäugigkeit, die sich die Welt schönsieht, damit ein solcher Schritt von einer Welt in die andere überhaupt gemacht werden kann.
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In meinem Fall kam dann noch hinzu: die über die Kolumne intensiv geführte Auseinandersetzung mit meiner Vergangenheit hier in Brasilien, das Aufdecken alter Alpträume, die Beerdigung fast ebenso alter Träume. Die Entlarvung der eigenen Biographie als Fiktion, die nicht standhält: Schlecht konzipiert, unsauber durchdacht.
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Mit dieser Arbeit einhergehend, die Isolation, in die ich mich durch das Vertiefen in die eigenen Fiktion (Arbeit an der Sprache, letztlich, an der deutschen Sprache) hineinmanövriert hatte: Ich kann mich nicht erinnern, je so intensiv mich dem Fluss des Deutschen hingegeben zu haben.
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Während hier das Brasilianische an die Strände brandet.
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Heute fahren wir ans Meer.
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Einigen brasilianischen Freunden habe ich nun meine Absicht mitgeteilt, eine Literaturzeitschrift nach dem Vorbild von spa_tien zu gründen. Zeitschriften über Literatur, also Gescheites von Literaturprofessoren und –kritikern zur brasilianischen Literatur gibt es eine ganze Menge, aber nicht eine, die Autoren ausschliesslich mit ihren Texten sprechen lässt. Also los.
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Die Schweiz, meinte meine Frau, kann warten.