In Orszulas Schoss
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Ein Leben ganz im Kopf kennt keine Verbindlichkeit ausser jener, sich selbst eine gute Geschichte zu erzählen. Alles ist in Gedanken möglich, ich kann sterben und auferstehen, ich kann mir einen schönen Grabstein meisseln und ihn mit einem Wort zerbrechen. Ich kann tausend Frauen lieben in einer Nacht, ohne dass mir die Hoden davon schmerzten. Nur der Kopf schmerzte mir danach.
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Denn woher sollte ich mir tausend Frauen nehmen, wenn nicht aus meinen eigenen Gedanken? Denk nach, du lüsterner Knabe, aus Worten lässt sich jede machen, die du dir wünschst. Und so denke ich sie mir aus, eine nach der anderen, treib es wild mit ihnen, hinein in ihren schlüpfrigen Schoss. Doch wozu?
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So ganz im Kopf krieg ich keinen hoch.
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„Die Bewohner von Entre Morros“, erklärt Artur Peixoto in seinem Buch, „meiden jeden Gedanken, der ihr Geschlecht bewegen könnte. Sie wollen nicht daran erinnert werden, dass sie, so gemütlich sie es sich in ihrem Schädel auch eingerichtet haben mögen, doch einen Körper besitzen. Hätten sie keinen, hätten sie auch keinen Kopf, in dem sie hausen könnten. Also befriedigen sie ihn nur mit dem Allernötigsten, ein Schlückchen Wasser, ein Bisschen was vom Tisch, um ihn möglichst still zu halten.
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Das Kirchenbuch, in dem die Namen der Epidemieopfer verzeichnet sind, wurde von der Kirche in die Bibliothek verlegt, wo es jetzt neben Romanen und Lyrikbänden zu finden ist. Man hat den Tod zur Fiktion erklärt. Die Toten starben nie wirklich, sie starben nur auf dem Papier, eine amüsante Betrachtungsweise, sicherlich. Doch wie ernst es den Bewohnern von Entre Morros damit ist, lässt sich auch am Umstand erkennen, dass der Christus in der Kirche vom Priester, der die Epidemie ebenfalls überlebte, vom Kreuz gehoben wurde und jetzt als Vogelscheuche im Garten von Sepp Trümperli die Krähen mit seinem traurig geneigten Blick verjagt. Als mir all dies zu Ohren kam, fragte ich Agata Poera, die schöne Grossköpfige mit durchscheinendem Mund, die, so weit ich glücklich verstand, seit mehr als zwanzig Jahren nicht mehr mit einem Mann verkehrte, ob bei meinem Anblick denn nicht das Blut ihre Lippen füllte. Da sagte sie mir: Ich spräche wie ihr Mann. Ob ich ihr sagen könne, wo ihr Mann zu finden sei.“
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Nichts, nichts, keine andere Tätigkeit, so raffiniert wir sie uns auch denken, bereitet so viel Vergnügen, versetzt uns in einen so tiefen Rausch wie die Vereinigung mit einem anderen Körper. Aber auch keine andere Tätigkeit ist in der Lage, so viel Schmerz auszulösen wie die Berührung durch einen anderen Menschen. Deshalb, auch deshalb stiess ich mit aller Kraft in Orszulas Schoss.
El libro de las cosas
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Nach der heftigen Krise der letzten Tage, begleitet zudem durch eine an den Kräften aller zehrenden Krankheit unserer Tochter und einer Grippe, die nun auch mich erwischt hat, scheint es langsam aufwärts zu gehen. Solche Krisen, inklusive heftiger Selbstanklage, scheinen unausweichlich, wenn man sich auf Veränderungen einlässt. Sie sind ein Anzeichen dafür, dass man nicht stehen bleibt, auch wenn in der Krise selbst diese Zuversicht fehlt. Fällt man, soll man sich fallen lassen. Zweifelt man, soll man an allem zweifeln.
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Als ich während den ersten Monaten in der Schweiz (es muss 1991 gewesen sein, als die Schweiz 700 Jahre Eidgenossenschaft feierte) einen guten Freund meines Vaters besuchte und ihm von meiner Glaubenskrise erzählte, hörte er sich alles stille an und meinte, als ich mich ausgesprochen hatte: Weiche deinen Zweifeln nie aus. Das von einem überzeugten Christen zu hören, war Gold wert. Er sagte nicht: Du musst am Wort Gottes festhalten. Er sagte auch nicht: Deine Zweifel sind eine Versuchung des Teufels. Er meinte nur: Wenn du zweifelst, zweifle.
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Auf diese Unterredung folgten vier lange, verzweifelte Jahre. Bis ich mich daran gewöhnte und im Zweifel selbst eine Art Boden fand. Einen Boden, der sich zwar ständig entzog, mich aber so zugleich zwang, einen Schritt vorwärts zu tun.
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Der Schritt vorwärts: Heute habe ich meinen ersten Beitrag für mein portugiesisches Weblog „El libro de las cosas“ (der Titel ist spanisch, weil er einfach schöner ist als das portugiesische „O livro das coisas“, das etwas despektierlich daherkommt) geschrieben und werde täglich weiter dafür schreiben, bis ich in der Sprache meiner neuen Heimat meine neue Heimat gefunden haben werde.
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(Es ist ein kleiner Schritt. Aber man vergesse nicht, dass Worte Menschen versetzen können.)
Ein Viadukt und kein Wort dafür
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Wieder da, wo ich begonnen hatte.
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Am Punkt, wo mir die Worte fehlen. Doch diesmal schlage ich (es muss ja weiter gehen, nicht wahr?) eine andere Richtung ein. Statt dem einfachsten Weg zu folgen und der deutschen Sprache nachzugeben, werde ich mein Leben neu aufrollen. Auf Portugiesisch, diesmal. In holprigen, schwerfälligen Sätzen wahrscheinlich, so unvertraut wie mir die Sprache meiner Kindheit während den Jahren in der Schweiz geworden ist.
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Was für ein dummer, dummer Fehler (so idiotisch, dass ich mich dafür schäme) anzunehmen, man könne sich einem Land in einer diesem fremden Sprache nähern. Auf deutsch habe ich mich in den vergangenen Wochen vielleicht, wenn überhaupt, mir, der ich auf deutsch denke und schreibe, genähert, bin aber Rio und dem Leben in dieser Stadt damit keinen Schritt näher gekommen. Vielleicht auch deshalb meine Abneigung gegen diese Stadt: Ich plaudere auf deutsch auf sie ein und wundere mich darüber, dass sie mich nicht versteht.
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Wundere mich darüber, dass ich sie nicht verstehe.
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Rio de Janeiro, cidade maravilhosa.
Rio de Janeiro, wunderbare Stadt.
Sage ich es auf deutsch, glaubt mir das niemand.
Fahren wir ans Meer
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Der Besuch des Botanischen Gartens vorgestern
nach meinem Absturz in die Ratlosigkeit hat gut getan. Mit Frau und Kind verbrachte ich den Nachmittag unter Palmen und Urwaldriesen. Die Kleine genoss das üppige Grün, meine Frau und ich erholten uns in einem überraschend gut und liebevoll gepflegten Park, sprachen über meine Hilflosigkeit, über all die Fragezeichen, die uns im Moment die Sicht verstellen, auch über eine mögliche Rückkehr in die Schweiz.
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So unangenehm sie sind, so sehr man sich auch gegen sie wehrt – solche Tiefpunkte sind heilsam. Man streckt die Waffen. Gibt das letzte bisschen Euphorie auf, vergisst, woher man die Zuversicht nahm, die einem vor etwas mehr als einem Jahr die Kraft gab, das damals ungeheuerlich erscheinende Projekt Auswanderung in Angriff zu nehmen. Unter Palmen denkt man nicht ans Morgen.
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So sehr ich mir das auch gewünscht hätte: mir ein Morgen vorstellen zu können, mir vorstellen zu können, dass ich am Abend einschlafen würde, um am nächsten Morgen wieder zu erwachen.
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Unter Palmen bei einer Tasse köstlichen Kaffees gab es für mich keine Zukunft.
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Am nächsten Morgen dann die Frage, wie es so weit überhaupt hatte kommen können. Natürlich die Blauäugigkeit, die sich weigert, den sich anbahnenden Schwierigkeiten ins Auge zu sehen. Natürlich die Blauäugigkeit, die sich die Welt schönsieht, damit ein solcher Schritt von einer Welt in die andere überhaupt gemacht werden kann.
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In meinem Fall kam dann noch hinzu: die über die Kolumne intensiv geführte Auseinandersetzung mit meiner Vergangenheit hier in Brasilien, das Aufdecken alter Alpträume, die Beerdigung fast ebenso alter Träume. Die Entlarvung der eigenen Biographie als Fiktion, die nicht standhält: Schlecht konzipiert, unsauber durchdacht.
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Mit dieser Arbeit einhergehend, die Isolation, in die ich mich durch das Vertiefen in die eigenen Fiktion (Arbeit an der Sprache, letztlich, an der deutschen Sprache) hineinmanövriert hatte: Ich kann mich nicht erinnern, je so intensiv mich dem Fluss des Deutschen hingegeben zu haben.
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Während hier das Brasilianische an die Strände brandet.
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Heute fahren wir ans Meer.
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Einigen brasilianischen Freunden habe ich nun meine Absicht mitgeteilt, eine Literaturzeitschrift nach dem Vorbild von spa_tien zu gründen. Zeitschriften über Literatur, also Gescheites von Literaturprofessoren und –kritikern zur brasilianischen Literatur gibt es eine ganze Menge, aber nicht eine, die Autoren ausschliesslich mit ihren Texten sprechen lässt. Also los.
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Die Schweiz, meinte meine Frau, kann warten.