Nur meine Hand

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Schönheit ändert ihre Gestalt jedes Mal, wenn wir uns aufs Neue verlieben. Schön war Daria, die dunkle Tessinerin, bis Lea sich in einem Proseminar neben mich setzte. Für jemanden, der den grössten Teil seiner Zeit allein mit seinen eloquenten Gedanken verbringt, ist Nähe ein betörendes Ereignis. Lea berührte mich nicht. Sehr stilvoll sagte sie mir Hallo. In Gedanken rückte ich ihren Stuhl näher an mich heran.

2
Was ich mir nicht alles ausmalte. Leas Haut, die in der Erinnerung ja immer etwas verblasst, Leas Stiefel, die sich sehr vorteilhaft auf ihre Körperhaltung auswirkten, Leas leise Stimme, die durch den Raum trug. Sie war immer nah. Liebe, und mit ihr die Schönheit, die mit ihr kommt, bewirkt, dass Gedanken sich neu gruppieren, neu anordnen, neue Prioritäten setzen. Die Welt, in der man lebt, wird auf den Kopf gestellt. Man ist verwirrt. Dies ist auch der Grund, weshalb es mehr braucht als nur Gedanken, um eine Liebe zu erobern.

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Ich schwärmte laut von Lea. Die Theologische Fakultät ist klein. Einmal in der Woche assen die Theologiestudenten gemeinsam zu Mittag, abwechselnd kochten wir füreinander, setzten uns an einen langen Tisch. Lea setzte sich mir gegenüber, ass. Ich, um mir meine Verlegenheit nicht anmerken zu lassen, plauderte mit Simone. In einem dieser Momente, wo es plötzlich still wird und die Gespräche gemeinsam innehalten, legte Lea ihr Besteck beiseite und sagte: „Ich habe gehört, du seist verliebt in mich.“ Während mir das Blut in den Kopf schoss, schob sie langsam ihre Hand über den Tisch zu mir herüber. Lea hatte mit mir gesprochen und verzweifelt rang ich nach Worten, damit das Gespräch weitergehen mochte.

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Wenig später, als Lea das Theologiestudium abbrach und zu den Psychologen wechselte, meinte Willi zu mir: Es hätte keine Worte gebraucht, du Idiot. Nur deine Hand.

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Deshalb legte mir Orszula bisweilen einen Finger auf meinen Mund, hiess mich schweigen und legte meine Hand auf ihren Bauch. In der Vorstellung allein wird man ganz verrückt, wenn man sich die Möglichkeiten vorstellt, die sich einer so platzierten Hand eröffnen. Orszula aber war erfahren genug, um sich nicht meiner Vorstellung zu überlassen. Meine Hand auf ihrem festen Bauch wusste, wohin sie muss.

Rio Rumble |
Markus A. Hediger am 22.03.2008
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Während sie sprach, ein bisschen tote Haut

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Agata Poera, wie sie da aus der halbverfallenen Villa in den Abend von Entre Morros vor die Augen des gescheiten Artur Peixoto trat, erinnerte mich an Orszula. Vielleicht, weil ich mich von Peixotos überschwenglicher Beschreibung jener sonderlichen Gestalt blenden liess und in Agata die schöne Frau sehen wollte, die Orszula für mich gewesen war.

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Will man den Worten Peixotos glauben, hatte Agata mit Orszula nur die Zierlichkeit ihrer Gestalt gemein. Die schmale Taille, sanfte Hüften, üppig auch nicht an der Brust. Aber wo Orszula immer die neueste Mode trug, geschmeidige Tücher selbst im Winter, war Agata ungewaschen. Wo Orszula duftete, dass nicht nur Männer ihr nachschmeckten, wenn sie an ihnen vorüberging, lag Dreck auf Agatas Haut. Im schwindenden Licht schien Peixoto die Frau, die ihm da entgegenkam, unsicher auf den Beinen wie eine steife Marionette, behangen mit Wäsche in Übergrösse aus der Mottenkiste, verstaubt, muffig. Eine ungepflegte, unattraktive Erscheinung insgesamt, wäre da nicht Agatas Kopf gewesen.

3
Der so gänzlich anders war als Orszulas. Orszulas Kopf hätte man problemlos auf die Nachbildungen griechischer weiblicher Torsos aufsetzen können: Über den Hals übers Kinn zur Nase und hinauf zur Stirn setzte sich die Eleganz ihres Körpers fort. Sinnlich ihre Lippen, zum Anbeissen schön ihre Wangen, wild und dunkel ihre Augen. Bei Agata jedoch war alles Fleisch aus dem Mund gewichen, durch die Haut auf ihren Zähnen schimmerten diese dunkel durch, über ihren Augen hingen schwer die Augenlider, Wimpern von altem Staub verkrustet, die Stirne unverhältnismässig hoch.

4
Entzückt verbeugte sich Peixoto vor dieser absonderlichen Gestalt. „Guten Abend, Senhora“, sagte er. Kurz zwang Agata ihre Augen einen spaltweit auf. „Haben Sie meinen Mann gesehen?“ fragte sie und ihre Stimme klang wie in dichten Nebel gesprochen, körperlos. „Man sagt mir, er sei verreist. Aber wohin? Wo ist mein Mann?“ Von ihren Wangen blätterte, während sie sprach, ein bisschen tote Haut, dann schloss sich ihr Mund und ohne eine Antwort abzuwarten, schritt sie an ihm vorbei auf den Boulevard hinaus, wohin unterdessen auch andere märchenhaft verstellte Figuren gefunden hatten.

5
Was der junge Peixoto in Agata sah: Vermutlich dasselbe wie ich an Orszula. Wer den überaus grössten Teil seiner Zeit in seinem eigenen Kopf verbringt, ist ein einsamer Mensch und sehnt sich nach dem, was als Einziges diese Einsamkeit beenden kann. Artur Peixoto wollte Liebe. Und Liebe, das weiss man, schert sich einen Dreck um Äusserlichkeiten.

Avenida Perdida |
Markus A. Hediger am 21.03.2008
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Zum Abschied ihren Nacken

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Radio Krakau. Bratschistin des Stadtorchesters im Probejahr. Eine Polin, verheiratet mit einem deutschen Chemiker, aus beruflichen Gründen getrennt lebend. Sie in der Schweiz, er in den Niederlanden. Sie, ein feuriges, schlankes, aufreizendes Plappermaul. Ihn kannte ich nicht, lernte ihn auch nie kennen, was meine Skrupel deutlich minderte.

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Orszula. Schmeidiges Haar, seidenes Sommerkleid. An jenem Abend sassen wir in einem Gartenrestaurant, das halbe Orchester hatte sich hier versammelt. Aus Orszulas Mund plärrte Radio Krakau und ich, als Literat mehr an Worten als an Musik interessiert, beugte mich weit über den Tisch möglichst nah an ihre Lippen. Ich begleitete sie nach Hause und küsste zum Abschied ihren Nacken.

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Wenn von Fiktion die Rede ist, muss man auch von der Liebe reden. Während der Tod die Ordnung der Hinterbliebenen durcheinander bringt, stellt die Liebe das Leben des Sterbenden auf den Kopf. Meine Lieben – ich zähle nur jene auf, die ich küssen durfte – hiessen Patricia, Ines, Franziska, Patricia, Judith, Lukrezia, Claudia, Orszula, Nadja und schliesslich Carla, meine Frau.

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Natürlich liebte ich noch andere Namen. Da waren auch Angela, Dawn, Caroline, Andrea, Lea (die schöne Theologiestudentin), Daria, die Germanistikstudentin, deren Namen ich nie erfuhr, und die vielen anderen, die mir nie über die Lippen kamen. Doch sie zählen nicht. Erst der Kuss macht aus einer Phantasie eine Fiktion. In der Vorstellung des Verliebten küsst es sich in allen Varianten an jedem See, an jedem Strand, in jedem Wald, in jedem Lift, in jeder Gasse, in jeder Nacht, in jedem Bett. In der Fiktion gibt es einen ganz spezifischen Ort für jeden Kuss.

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Orszulas Lippen küsste ich in der Toskana. Ich war die Nacht durchgefahren, um sie im Hotel zu treffen. Im Morgengrauen traf ich ein, schlaftrunken umarmte sie mich. Niemand durfte von unserer Liebe wissen, zwei Tage lang umschwärmte ich sie aus der Ferne, während sie Bratsche spielte auf den Bühnen eines kleinen Dorfes. Zwei Nächte lang erkundete ich die Spezifikationen unserer Fiktion. Lippen, lernte ich, springen auf in der toskanischen Schwüle.

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Da unsere Liebe eine verbotene war und niemand davon wissen durfte, bestimmte sie, wann ein Kuss gestattet war. Mitten in der Nacht rief sie bisweilen an, hauchte ins Telefon „Ich habe uns neue Bettwäsche gekauft, willst du sie sehen?“, dann rief ich ein Taxi und fuhr zu ihr. Bettwäsche aus Satin.

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Orszulas Probejahr neigte sich seinem Ende zu. Bald würde das Orchester in einer Abstimmung darüber befinden, ob sie würde bleiben dürfen oder nicht. Orszula sprach von nichts anderem mehr. Ich erfuhr, dass das Orchester ein Schlangennest war, in dem jeder gegen jeden intrigierte. Orszula hatte Feinde. Da ich mit einigen Musikern damals eng befreundet war, drang Orszula in mich und flehte mich an, meinen Einfluss geltend zu machen.

8
Freundschaften, sagte ich, missbraucht man nicht. Liebe, lernte ich, schert sich einen Dreck darum. Was wäre eine Fiktion ohne Intrige und Verrat?

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Orszula merkte zu spät, dass ich das Spiel nicht verstand. Damals glaubte ich, Fiktion und Wirklichkeit folgten ihren je eigenen Gesetzen. Sie verlor die Abstimmung, ich verlor Orszula. Wenige Tage nach der Abstimmung sah ich sie mit einem jungen Knaben aus dem Orchester einer benachbarten Stadt. Der Jüngling hängte an ihren Lippen, Radio Krakau vermeldete lachend die Koordinaten einer neuen Fiktion. Beschwingt liess sie mich stehen, ging an mir vorbei, ich sah ihr nach. Sie hob ihr Haar zum Abschied und zeigte mir ihren Nacken.

Rio Rumble |
Markus A. Hediger am 20.03.2008
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