Wer an Dämonen glaubt, glaubt nicht

1
Orszula hatte mich weit nach Mitternacht angerufen, soeben war sie von einem Konzert in St. Gallen oder Zürich heimgekehrt, wo sie mit dem Stadtorchester aufgetreten war, und brauchte Liebe. Wir sassen in ihrem kleinen Wohnzimmer zwei Stockwerke über der Altstadt und assen Truffes von Lindt & Sprüngli. Sie erzählte von ihrem Bratschenspiel und von ihrer Gewissheit, vom Orchester nach Ablauf ihres Probejahres fest angestellt zu werden. Vorsichtig versuchte ich ihr klarzumachen, dass ich Stimmen aus dem Orchestergraben gehört hatte, die anderes vermuten liessen. Noch hatte ich nicht ausgesprochen, knallte sie, völlig unvermittelt, mit dem Kopf auf den Boden.

2
Sie war nicht einfach in sich zusammengesackt. Von der sitzenden Position heraus, in der wir uns befanden, schlug sie mit derartiger Wucht auf dem Holzboden auf, dass es schien, als sei sie von fremder Hand umgestossen worden. Ich sprang zu ihr. Ihr Körper zuckte heftig und hart war der Ausdruck auf ihrem Gesicht, obwohl ihre Augen geschlossen waren. Ich sprach sie an, doch sie reagierte nicht.

3
Zum Glück hast du die Ambulanz nicht kommen lassen, sagte sie, als sie wieder zu sich kam.
Was war das? fragte ich.
Wie lange war ich weg? wollte sie wissen.
Fünf Minuten, die mir wie eine Ewigkeit vorkamen? Ich weiss es nicht. Puls und Atmung aber waren während dem Anfall in Ordnung gewesen.
Es war kein Anfall, sagte sie.
Das kam schon häufiger vor?
Ich hätte dir davon erzählen sollen…
Hast du das untersuchen lassen?
In Polen, von einem Spezialisten.
Die Diagnose?
Orszula sprach von ihrem Wesen fremden Energien, weigerte sich aber, näher darauf einzugehen.

4
Orszula, glaube ich, glaubte, sie sei besessen.

5
Wer an Dämonen glaubt, glaubt nicht an die Freundschaft zwischen Mann und Frau. Als Patricia mir zu meinem Geburtstag einen Blumenstrauss schenkte, sah Orszula in ihr das Böse, das meinen Körper wollte. 

Rio Rumble |
Markus A. Hediger am 23.03.2008
(0) Kommentare • (0) TrackbacksPermalink

Nur meine Hand

1
Schönheit ändert ihre Gestalt jedes Mal, wenn wir uns aufs Neue verlieben. Schön war Daria, die dunkle Tessinerin, bis Lea sich in einem Proseminar neben mich setzte. Für jemanden, der den grössten Teil seiner Zeit allein mit seinen eloquenten Gedanken verbringt, ist Nähe ein betörendes Ereignis. Lea berührte mich nicht. Sehr stilvoll sagte sie mir Hallo. In Gedanken rückte ich ihren Stuhl näher an mich heran.

2
Was ich mir nicht alles ausmalte. Leas Haut, die in der Erinnerung ja immer etwas verblasst, Leas Stiefel, die sich sehr vorteilhaft auf ihre Körperhaltung auswirkten, Leas leise Stimme, die durch den Raum trug. Sie war immer nah. Liebe, und mit ihr die Schönheit, die mit ihr kommt, bewirkt, dass Gedanken sich neu gruppieren, neu anordnen, neue Prioritäten setzen. Die Welt, in der man lebt, wird auf den Kopf gestellt. Man ist verwirrt. Dies ist auch der Grund, weshalb es mehr braucht als nur Gedanken, um eine Liebe zu erobern.

3
Ich schwärmte laut von Lea. Die Theologische Fakultät ist klein. Einmal in der Woche assen die Theologiestudenten gemeinsam zu Mittag, abwechselnd kochten wir füreinander, setzten uns an einen langen Tisch. Lea setzte sich mir gegenüber, ass. Ich, um mir meine Verlegenheit nicht anmerken zu lassen, plauderte mit Simone. In einem dieser Momente, wo es plötzlich still wird und die Gespräche gemeinsam innehalten, legte Lea ihr Besteck beiseite und sagte: „Ich habe gehört, du seist verliebt in mich.“ Während mir das Blut in den Kopf schoss, schob sie langsam ihre Hand über den Tisch zu mir herüber. Lea hatte mit mir gesprochen und verzweifelt rang ich nach Worten, damit das Gespräch weitergehen mochte.

4
Wenig später, als Lea das Theologiestudium abbrach und zu den Psychologen wechselte, meinte Willi zu mir: Es hätte keine Worte gebraucht, du Idiot. Nur deine Hand.

5
Deshalb legte mir Orszula bisweilen einen Finger auf meinen Mund, hiess mich schweigen und legte meine Hand auf ihren Bauch. In der Vorstellung allein wird man ganz verrückt, wenn man sich die Möglichkeiten vorstellt, die sich einer so platzierten Hand eröffnen. Orszula aber war erfahren genug, um sich nicht meiner Vorstellung zu überlassen. Meine Hand auf ihrem festen Bauch wusste, wohin sie muss.

Rio Rumble |
Markus A. Hediger am 22.03.2008
(2) Kommentare • (0) TrackbacksPermalink

Während sie sprach, ein bisschen tote Haut

1
Agata Poera, wie sie da aus der halbverfallenen Villa in den Abend von Entre Morros vor die Augen des gescheiten Artur Peixoto trat, erinnerte mich an Orszula. Vielleicht, weil ich mich von Peixotos überschwenglicher Beschreibung jener sonderlichen Gestalt blenden liess und in Agata die schöne Frau sehen wollte, die Orszula für mich gewesen war.

2
Will man den Worten Peixotos glauben, hatte Agata mit Orszula nur die Zierlichkeit ihrer Gestalt gemein. Die schmale Taille, sanfte Hüften, üppig auch nicht an der Brust. Aber wo Orszula immer die neueste Mode trug, geschmeidige Tücher selbst im Winter, war Agata ungewaschen. Wo Orszula duftete, dass nicht nur Männer ihr nachschmeckten, wenn sie an ihnen vorüberging, lag Dreck auf Agatas Haut. Im schwindenden Licht schien Peixoto die Frau, die ihm da entgegenkam, unsicher auf den Beinen wie eine steife Marionette, behangen mit Wäsche in Übergrösse aus der Mottenkiste, verstaubt, muffig. Eine ungepflegte, unattraktive Erscheinung insgesamt, wäre da nicht Agatas Kopf gewesen.

3
Der so gänzlich anders war als Orszulas. Orszulas Kopf hätte man problemlos auf die Nachbildungen griechischer weiblicher Torsos aufsetzen können: Über den Hals übers Kinn zur Nase und hinauf zur Stirn setzte sich die Eleganz ihres Körpers fort. Sinnlich ihre Lippen, zum Anbeissen schön ihre Wangen, wild und dunkel ihre Augen. Bei Agata jedoch war alles Fleisch aus dem Mund gewichen, durch die Haut auf ihren Zähnen schimmerten diese dunkel durch, über ihren Augen hingen schwer die Augenlider, Wimpern von altem Staub verkrustet, die Stirne unverhältnismässig hoch.

4
Entzückt verbeugte sich Peixoto vor dieser absonderlichen Gestalt. „Guten Abend, Senhora“, sagte er. Kurz zwang Agata ihre Augen einen spaltweit auf. „Haben Sie meinen Mann gesehen?“ fragte sie und ihre Stimme klang wie in dichten Nebel gesprochen, körperlos. „Man sagt mir, er sei verreist. Aber wohin? Wo ist mein Mann?“ Von ihren Wangen blätterte, während sie sprach, ein bisschen tote Haut, dann schloss sich ihr Mund und ohne eine Antwort abzuwarten, schritt sie an ihm vorbei auf den Boulevard hinaus, wohin unterdessen auch andere märchenhaft verstellte Figuren gefunden hatten.

5
Was der junge Peixoto in Agata sah: Vermutlich dasselbe wie ich an Orszula. Wer den überaus grössten Teil seiner Zeit in seinem eigenen Kopf verbringt, ist ein einsamer Mensch und sehnt sich nach dem, was als Einziges diese Einsamkeit beenden kann. Artur Peixoto wollte Liebe. Und Liebe, das weiss man, schert sich einen Dreck um Äusserlichkeiten.

Avenida Perdida |
Markus A. Hediger am 21.03.2008
(0) Kommentare • (0) TrackbacksPermalink
Seite 2 von 6  <  1 2 3 4 >  Letzte »