Rio aus der Ferne
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Vor zwei Tagen machten wir einen kleinen Ausflug nach Niterói, das auf der gegenüberliegenden Seite der Guanabara-Bucht liegt. Kurz nach unserem Eintreffen in Brasilien waren wir schon einmal hier gewesen und hatten mit dem Gedanken gespielt, uns in dieser kleinen Stadt von knapp 500’000 Einwohnern niederzulassen.
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Dann aber hatte uns der Onkel meiner Frau unsere aktuelle Wohnung zur Verfügung gestellt und wir schlugen – vorschnell und von der Aussicht auf mietfreies Wohnen verführt – ein. Das Leben in Rio hat sich als unerträglich herausgestellt. Wer selbst schreibt, weiss, wie wichtig das Umfeld ist, in dem man eine Geschichte ansiedelt.
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Wenn aus der Nachbarschaft nächtlich Schüsse zu hören sind, wenn der Blick aus dem Fenster auf die eine Seite hin zur Christusstatue geht, auf der anderen Seite auf Slums fällt, ist die Fiktion, die man für das eigene Leben erschaffen will, vorgegeben. Bei so vielen Kugeln trifft es früher oder später wahrscheinlich auch mal mich.
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Ich selbst bin in einer Stadt auf dem Land aufgewachsen, in der ich auf der Strasse spielen, alleine an den nahe gelegenen See hinunter konnte. Meine Tochter muss in die Krippe, will sie andere Kinder sehen.
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Ein Haus sahen wir uns in Niterói an mit vier Suiten, drei Aufenthaltsräumen, mehr als 200 Quadratmeter Wohnraum, zuviel für uns und (ein bisschen) zu teuer, aber was mir sofort auffiel: Um das Haus und den Garten war keine Mauer, kein Stacheldraht, keine Überwachungskameras, nur ein hüfthoher Zaun.
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Am Samstag werden wir nochmals hinfahren, uns einige Häuser und Wohnung anschauen. Dass sich unsere monatlichen Ausgaben durch die Miete um einen Drittel erhöhen werden, ist ein kleiner Preis für das Privileg, Rio aus der Ferne sehen zu dürfen.
Rio aus 13 km Entfernung
Wie meine Hände nach ihren Flügeln
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Seelen, Geister, Dämonen, Götter wollen in den Körper, weil nur dort die Sprache ihre Erfüllung und ihr Ende findet.
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In seinem epischen Roman „Brasilien Brasilien“, beschreibt João Ubaldo Ribeiro, wie zur Zeit von Brasiliens Kolonialisierung Seelen wie Hühner auf einer Hühnerstange darauf warten, dass ein Körper frei wird, in den sie fahren können. Da sie keine Augen haben, sind sie blind. Die Blindheit macht sie auch ungeduldig, denn ohne Augen sehen sie nicht, was in der Welt vor sich geht. Die Zeit scheint nicht zu vergehen. Gelegentlich reisst einer Seele der Geduldsfaden, sie hüpft von ihrer Stange in die Welt hinein und fährt in den erstbesten, noch unbesetzten Körper. Das kann ein Stein sein, ein Baum, ein See, eine Welle, ein Regentropfen. Hat sie das ganz grosse Pech, fährt sie in eine Leiche und von dort weiter direkt in die Hölle. Zieht sie das ganz grosse Los, fährt sie in ein Neugeborenes.
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Im Körperlosen ist die Seele allein mit ihren Gedanken, die kein Ende finden, sich fortspinnen von Satz zu Satz, immer wieder zurückkehrend zu dem, was ihr Alptraum ist. Schafft sie es aber in ein Baby, beginnt das langsame Wachstum ins Bewusstsein hinein und mit ihm die lange Suche nach jener Tat, die sie erlöst. Geister benötigen einen Körper, durch den sie ihre Trunksucht besänftigen können; Dämonen sind auf Körper angewiesen, denn nichts ist verführerischer als Fleisch; Götter sind ohne Körper, durch den sie sprechen können, aufgeschmissen: Ohne Zunge, die für sie spricht, ist ihre Botschaft der Verdammnis nur ein Gedanke, gleichbedeutend, gleich unbedeutend wie das flüchtige Heil, das in einem Moment göttlicher Gnade ihr Gemüt besänftigt.
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Über die Menschwerdung von Engeln ist wenig bekannt. Man weiss nur, dass es gelegentlich vorkommt, kennt aber die Gründe nicht, die sie dazu bewegt. Engel sind Boten, die den Menschen Nachrichten übermitteln, sie warnen, ihnen Hoffnung geben. Der Botschafter muss die Botschaft nicht verstehen, um sie korrekt weitergeben zu können. Es ist nicht seine Aufgabe, sich über ihren Inhalt den Kopf zu zerbrechen. Er könnte ihre Sinnhaftigkeit hinterfragen.
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Ausgehend von ihrer Funktion wage ich die Schlussfolgerung, Engel seien keine sprachlichen Wesen. Sie reden, aber sie verstehen nicht. Sie überbringen den Befehl, warten aber nicht ihre Ausführung ab, denn sie sind nicht in der Lage, sie zu beurteilen.
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Als ich Patricia kennenlernte, nannte ich sie verliebt und ahnungslos einen Engel. Später, als ich sie umarmen durfte, erwischte ich mich dabei, wie meine Hände nach ihren Flügeln suchten. Sie sehnte sich nach Stille, nach einem Abschweigen der Sprache, die sie als Mensch hatte erlernen müssen. In der Depression fand sie den einzigen Weg zurück in die Sprachlosigkeit.
Nicht meinem Selbstbild
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Als Orszula wieder zuckend auf dem Boden lag, in der zur Faust geballten Hand, den Blumenstrauss, den ich von Patricia erhalten hatte, spielte ich mit dem Gedanken, Beschwörungsformeln über ihr zu sprechen, nur um den Dämon sprechen zu hören, der von ihrem Körper Besitz ergriffen hatte. Vielleicht auch um ihren Verdacht zu widerlegen. Was mich letztlich aber davon abhielt, war nicht der Respekt vor der Anderswelt, nicht die Ehrfurcht vor dem Namen Gottes, den ich als Ungläubiger und somit mit für mich unabsehbaren Folgen in den Mund nähme.
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Ich reichte Ferien ein und kaufte mir ein Ticket. Der Anflug auf Phoenix, Arizona, war gespenstisch. Der Himmel blau, die Luft rein, unter mir sah ich Phoenix, Sun City, Youngtown, Scottsdale, die White Tank Mountains im Westen, im Norden hinauf bis nach Flagstaff. Es ging ein harter Wind aus Nordosten, der Pilot hielt das Flugzeug in einem weiten Winkel, ich sah die Landebahn aus meinem Fenster.
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Während ich am Förderband der Gepäckabgabe stand, trat eine elegant gekleidete Dame zu mir. „Ich bin 72“, sagte sie mit einem freundlichen Lächeln, „kein Grund also, sich vor mich zu fürchten.“ Etwas konsterniert lächelte ich zurück. Sie heisse Diana, erzählte sie weiter, und sei Balletttänzerin gewesen. Ah. „Weisst du“, fuhr sie fort, „sie schicken deiner Seele Postkarten. Immer und immer wieder. Aber wenn du sie nicht liest, legen sie dir irgendwann eine Paketbombe in deinen Briefkasten.“ „Sie?“ „Deine Freunde.“
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Zwei Wochen lang fuhr im mit einem Mietwagen alleine durch die Wüsten von Arizona, New Mexico, Colorado und Utah. Bei Sonnenaufgang setzte ich mich in meinen Wagen, gegen zehn frühstückte ich, fuhr weiter durch endlose Dürre, dachte dabei unentwegt an die Schulden, die sich auf meiner Kreditkarte akkumulierten. Gegen Abend hielt ich nach einem Motel Ausschau, billig sollte es sein, weit und breit aber nur ein einziges. Langgezogene, einstöckige Gebäude, in geschwungenen Reihen, dazwischen grosszügige Parkplätze. Ich war, glaube ich, der einzige Gast, die Nacht kostete 80 Dollar. Bevor ich zu Bett ging, besuchte ich die nahegelegene Höhle und das Dinosaurier-Museum gleich nebenan, ein schreckliches Ungetüm im Nirgendwo, mit übergrossen, dilettantisch bemalten Skeletten aus Kunststoff.
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Wach liege ich im Bett. Kämpfe gegen die Müdigkeit an. Irgendwann fallen mir die Augen zu und es wird dunkel in meinem Geist. Schreckliche Alpträume lassen mich mehrmals in der Nacht den Fernseher anschalten, kein Gedanke mehr an Orszula, ab und an denke ich an Patricia, die von furchtbaren Depressionen geplagt den Telefonhörer nicht abnimmt. Taumle zurück in einen unruhigen Schlaf, in dem ich von furchterregenden Gestalten vor den Spiegel gezerrt werde und dort einen Menschen sehe, der nicht meinem Selbstbild entspricht.
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Zwei Wochen lang wiederholten sich die Tage, wiederholten sich die Nächte. Meine Kreditkarte tat widerstandslos mit. Ich rechnete und rechnete. Die Rechnung, die mich Ende Monat in der Schweiz erwarten würde, wuchs ins Monströse.
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Ich beschloss, die Reise abzubrechen. Zu spät, sagten mir die gesammelten Kartenbelege in der Brieftasche. Ich befand mich nordwestlich von Flagstaff, es war Nachmittag, ich fuhr durch das Navajo-Reservat. Es begann zu schneien. Der Mietwagen, mit Sommerreifen ausgestattet, schlitterte an umgestürzten Jeeps vorbei, wie aus dem Nichts tauchten Indianer aus der verschneiten Wüste auf und halfen den Verunglückten aus den Wracks. In den Süden, dachte ich, im Süden ist es wärmer. Der Schneefall wurde geringer, die Strassen trockneten. Kurz vor Flagstaff fiel wieder Schnee. Immer wieder trat ich auf die Bremse, die Reifen hielten. Dann, schon in der Stadt, eine rote Ampel, davor ein paar Autos. Ich ging vom Gas auf die Bremse, die Reifen blockierten und mit unverminderter Geschwindigkeit rutschte ich auf die Kreuzung zu, irgendwie gelang es mir, den Wagen an der stehenden Kolonne vorbeizulenken, mitten auf die Kreuzung hinaus. Ich wartete auf den Knall, doch da war rechts von mir schon eine Tankstelle, mit rasendem Herzklopfen manövrierte ich den Wagen an die Zapfsäulen und fragte nach einem nahen Motel.
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Das Foyer war dunkel, muffig. Widerstandslos zuckte ich die Kreditkarte, als mir die freundliche Dame am Empfang den Preis nannte. Er interessierte mich nicht.