Kein Frankreich, kein Kolumbien, kein Vietnam

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Als ich mit meiner Kolumne auf P.-’s Veranda begann, ahnte ich nicht, in welche Situation sie mich bringen würde. Nach nur etwas mehr als einem Monat schreibe ich mich bereits um Kopf und Kragen, die Nerven liegen blank und ich habe nicht den blassesten Schimmer, wie ich da wieder hinausfinden soll.

2
Auf seinem Turmsegler schrieb Benjamin Stein kürzlich, dass er in meinen Kolumnen “den Autor durchaus als so etwas wie eine literarische Figur” verstehe. Natürlich ist er (bin ich) das - allein die Form, deren durchnummerierte Absätze eine fiktive Ordnung vorgeben, stellt eine Literarisierung dar. Wer sich dort zu erkennen gibt, das bin nicht ich. Wer mich kennt, weiss das. Wenn ich nicht am Computer sitze, bin ich nicht in der Lage, einen druckreifen Satz von mir zu geben. Ich denke Sätze nicht zu Ende. Das Ich meiner Kolumne existiert nur dort.

3
Das Ich meiner Kolumne darf sehr viel selektiver in seiner Wahrnehmung sein als ich. Für ihn ist es irrelevant, dass ich heute meinen fünften Hochzeitstag feiere. Er darf es vergessen, ohne Konsequenzen fürchten zu müssen. Im Gegenzug versetzt ihn die Reduzierung seiner Welt auf einige wenige Aspekte in die Lage, diese gezielt ins Auge zu fassen und schreibend zuzuspitzen. Diese “arme” Welt ist alles, was er hat, und so hat er gar keine andere Wahl, als aufs Ganze zu gehen. Wenn er von Brasilien erzählt, geht es ihm um die Welt, denn für ihn gibt es kein Frankreich, kein Kolumbien, kein Vietnam. Wenn er über seinen religiösen Hintergrund schimpft, tut er das aus ganzem Herzen, denn er kann sich (vielleicht noch) kein Ich vorstellen, das unverkrampft mit seinem christlichen Erbe umzugehen wüsste. Wäre Benjamin Stein noch einen Schritt weiter gegangen und hätte er behauptet, der Autor, der sich in meinen Kolumnen zu erkennen gibt, sei eine fiktive Figur, ich hätte ihm sofort zugestimmt.

4
Fiktion ist kein Kinderspiel. Die Folgen, die dieses fiktive Ich für mich hat, sind bitter. Letzte Nacht schreckte es mich nach vier Stunden Schlaf um drei aus dem Bett. Ich war todmüde, aber an Schlaf war nicht zu denken. Die Entlarvung grosser Teile meiner Biographie als realitätsfremdes Konstrukt hat alle Pläne, die ich für mein Leben in Brasilien hatte, über den Haufen geworfen. Aber auch das muss ich sagen: So stelle ich mir Fiktion vor. Wie sie kraftvoll in die Realität hineingreift und sie verändert. Ich beklage mich nicht. Dass es mir gelungen ist, eine Figur zu schaffen, die mein Leben auf den Kopf zu stellen vermag - darauf bin ich auch ein wenig stolz.

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Hanging Lydia ist ein fiktiver Raum, ursprünglich so konzipiert, dass sich darin ein fiktives Ich als gleichwertige Figur unter fiktiven Freunden, Feinden und Statisten entfalten könnte. Während den letzten Monaten hat sich dieses Konzept leider etwas aufgeweicht. Ich habe so getan, als bilde sich hier bisweilen Wirkliches ab. Das ist natürlich Unsinn. Sie lesen hier ganze Sätze.

Rio Rumble |
Markus A. Hediger am 16.03.2008
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„Die Geschichte des Uhrenträgers“ von Michael Perkampus

Die Geschichte des Uhrenträgers führt in einem wilden Ritt aus einem Dorf im Schwarzwald voller kunstvoller Uhren und tickender Gestalten bis nach Strassburg. Wirkliches geht nahtlos über in Traumhaftes, wo der Realität Schnippchen geschlagen werden, damit sich verwirklicht, worum sich die Zeiger aller Uhren immer drehen sollten: die Liebe. Natürlich geht es auch um die Zeit, die in diesem Büchlein von 120 Seiten rasant vergeht. Es ist ein ausgesprochen gut gelauntes Buch, dicht und knapp erzählt, auch wenn es darin, wie oft bei Perkampus, um alles geht: Mit Nebukadnezar erreicht die Quantenphysik endlich auch den Schwarzwald.

Rhythmus spielt in Perkampus’ Geschichten immer eine wichtige Rolle. Das gilt auch für diese Erzählung. Es ist wichtig, dass der Leser nicht nur liest, sondern auch Perkampus’ Takt findet. Erst dann erschliesst sich auch die Grimmsche Sprache, in der hier von Franz Anton und Elise erzählt wird. Die Uhren des Uhrenträgers sind das Metronom, zu dem hier jazzig aufgespielt wird. Wer Perkampus schon einmal live an einer Lesung erlebt hat, hat sicher auch schon die Erfahrung gemacht, dass sich ein Text aus seiner Feder erst durch seinen Vortrag ganz erschliesst. Bei der Lektüre dieses Büchleins aber dachte ich zum ersten Mal: Diese Geschichte funktioniert hervorragend auch ohne ihn.

Lesen Sie es, gönnen Sie sich dieses Vergnügen.

Michael Perkampus, „Die Geschichte des Uhrenträgers“, 126 Seiten, nur EUR 9.90

Varia |
Markus A. Hediger am 14.03.2008
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Das Fieber, zwischen zwei Hügeln wie Nebel in einer Mulde gefangen, schleicht sich durch Ritzen im Mauerwerk, schlüpft unter Türen hindurch in Häuser und Paläste, hüpft durchs Dachfenster, das man für die armen Seelen offen hält, tropft in Tränen den Sterbenden aus den Augen den Lieben in die klagenden Mäuler, verschleimt die Gaumen, vergiftet das Blut. Wie verlassen liegt der Stadtteil, in dem das Fieber wütet, kein Mensch wagt sich aus anderen Quartieren hinein, und hinaus darf ohnehin längst keiner mehr. Die Polizei hat alles abgeriegelt, zwischen diese zwei Hügel trabt kein Pferd, kein Arzt in seinem Sattel. Liebhaber und Geliebte, Diebe und Diebesgut, die hier vor wenigen Wochen noch einander fanden, suchen sich nicht mehr. Es wird gefiebert in Dosmorros. Küsst nicht die noch heissen Lippen der Gestorbenen! Vermischt nicht eure Tränen mit ihrem Schweiss! Zu spät… Es wird gestorben in Dosmorros.

[Bild: Carla Zacheu]

Avenida Perdida |
Markus A. Hediger am 11.03.2008
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