Die Sachen wieder
1
Es geht mir nicht gut heute. Ich bin entmutigt, ausgepumpt, stehe mit dem Rücken zur Wand. Ich bringe die Kraft nicht auf, mich aufzurappeln und den entscheidenden Schritt zu tun. Den Computer auszuschalten und aus der Tür zu treten.
2
Vor wenigen Stunden noch habe ich versucht, mir Mut zuzureden. Davon ist nichts mehr geblieben, und jetzt, zum ersten Mal, seit wir im November hier ankamen, zweifle ich an der Richtigkeit unseres Umzugs nach Brasilien. Fünf Monate und eine Menge Menge Kohle für die Katz.
3
Ich bin wütend, weil ich mich nicht zu der Klarheit durchringen kann, die ich benötige, um in dieser Stadt aktiv werden zu können. Ich bin wütend, weil ich mich konfus machen lasse von einer Umgebung, die ich nicht verstehe. Gehässigkeit steht mir nicht gut, aber im Moment bin ich ihr ziemlich rat- und hilflos ausgesetzt. So mag ich mich nicht.
4
Ich frage mich auch, ob ich nicht vorschnell ein Kapitel begonnen habe. Habe meine Sachen gepackt und habe die Schweiz verlassen, obwohl ich in der Rekonstruktion meines Lebens noch kaum in der Schweiz angekommen bin. Mindestens fünfzehn Jahre, die ich dort verbrachte, wären noch zu erzählen. Aus jedem Kapitel ergibt sich das nächste, jeder Autor weiss das, woher also nahm ich die Gewissheit, eine Rückkehr nach Brasilien sei nun das Gescheiteste? Vielleicht werde ich, sind die fehlenden Kapitel geschrieben, zum Schluss kommen, dass die Geschichte einen anderen Verlauf verlangt und einem Geschehen zustrebt, das nicht in Brasilien stattfindet?
5
Die Sachen packen? Die Sachen wieder packen?
Zufällig tragen sie denselben Namen
1
Gestern, während einem Probelauf für ein Streitgespräch mit Michael Perkampus für das Spelunkentribunal, fielen immer wieder die Begriffe „Wirklichkeit“, „Realität“ und „Fiktion“, immer wieder sprachen wir von Begebenheiten, politischen, gesellschaftlichen, als setzten wir diese als „real“ voraus, gleichzeitig beteuerten wir beide im selben Atemzug den fiktionalen Charakter solcher Geschehen. Ich wurde im Verlauf des schriftlichen Hin und Hers immer gereizter – was nicht an meinem Gesprächspartner lag.
2
Seit ca. sechs Wochen arbeite ich intensiv an einer Fiktionalisierung meiner Biographie und damit an der Konstruktion einer literarischen Figur mit der Bezeichnung „Ich“. Mein Ziel ist es, so weit zu kommen, dass ich, wenn ich an mich denke (pausenlos also), in einen Roman eintauche, in der ich nicht unbedingt Protagonist, aber doch eine der handelnden Figuren bin.
3
Das Problem dabei: Ein Roman hat einen Autor. Wenn das eigene Leben der Roman sein soll, wer kommt da als Autor in Frage? Gott jedenfalls nicht. Wo kämen wir da denn hin. Ich will nicht metaphysische Parabel sein. Beispiel einer gescheiterten Existenz des Ungläubigen. Oder Witzfigur, ein Don Quixote, der gegen Windmühlen ankämpft, während Gott sich ins Fäustchen lacht: Was für ein Idiot, der die Windmühlen mit Mir verwechselt! Wenn nicht Gott, dann also die Wirklichkeit?
4
Wer meine Kolumne auf P.-’s Veranda mitverfolgt hat, weiss, wie schwer ich mich mit dem Begriff tue. Dass ich Wirklichkeit nicht als etwas Gegebenes, Unveränderliches betrachte, sondern als etwas, das von meiner Wahrnehmung bestimmt ist und von ihr abhängt. Ich nehme selektiv wahr, ich nehme wertend wahr, ich gewichte, was ich wahrnehme.
5
Damit rückt Wirklichkeit in eine gefährliche Nähe zur Fiktion, denn Fiktion ist doch vor allem das: Gestaltung durch Selektion und Anordnung von Material unserer Wahrnehmung. Fiktion wird jedoch gemeinhin als Erfindung verstanden, das zwar von der Wirklichkeit zehren kann (eine fiktive Geschichte kann zum Beispiel in einer Stadt angesiedelt sein, die es „gibt“) – niemand käme aber auf den Gedanken, zu glauben, das darin Geschilderte sei tatsächlich geschehen. Der Autor einer Fiktion hat alle Freiheiten, Ereignisse zur Wirklichkeit hinzuzuerfinden, die Wirklichkeit bis zur Unkenntlichkeit zu verformen.
6
Und da stellt sich mir die Frage: Wenn ich mein Leben tatsächlich fiktionalisieren kann, weshalb bin ich nicht in der Lage, Rio als jene Stadt zu beschreiben, in der ich leben möchte? Weshalb ist es mir nicht möglich, die nächtlichen Schüsse wegzuschreiben? Weshalb bereitet mir die Vorstellung, meiner Tochter könnte in dieser Stadt Böses zustossen, schlaflose Nächte?
7
Weil ich einen Denkfehler begehe.
8
Eine Unsauberkeit, die mir in jeder akademischen Arbeit einen bösen Verweis des Professors eingetragen hätte: Ich verwechsle den Autor mit dem Ich-Erzähler meines Lebens. Nur zufällig tragen sie denselben Namen.
Rio aus der Ferne
1
Vor zwei Tagen machten wir einen kleinen Ausflug nach Niterói, das auf der gegenüberliegenden Seite der Guanabara-Bucht liegt. Kurz nach unserem Eintreffen in Brasilien waren wir schon einmal hier gewesen und hatten mit dem Gedanken gespielt, uns in dieser kleinen Stadt von knapp 500’000 Einwohnern niederzulassen.
2
Dann aber hatte uns der Onkel meiner Frau unsere aktuelle Wohnung zur Verfügung gestellt und wir schlugen – vorschnell und von der Aussicht auf mietfreies Wohnen verführt – ein. Das Leben in Rio hat sich als unerträglich herausgestellt. Wer selbst schreibt, weiss, wie wichtig das Umfeld ist, in dem man eine Geschichte ansiedelt.
3
Wenn aus der Nachbarschaft nächtlich Schüsse zu hören sind, wenn der Blick aus dem Fenster auf die eine Seite hin zur Christusstatue geht, auf der anderen Seite auf Slums fällt, ist die Fiktion, die man für das eigene Leben erschaffen will, vorgegeben. Bei so vielen Kugeln trifft es früher oder später wahrscheinlich auch mal mich.
4
Ich selbst bin in einer Stadt auf dem Land aufgewachsen, in der ich auf der Strasse spielen, alleine an den nahe gelegenen See hinunter konnte. Meine Tochter muss in die Krippe, will sie andere Kinder sehen.
5
Ein Haus sahen wir uns in Niterói an mit vier Suiten, drei Aufenthaltsräumen, mehr als 200 Quadratmeter Wohnraum, zuviel für uns und (ein bisschen) zu teuer, aber was mir sofort auffiel: Um das Haus und den Garten war keine Mauer, kein Stacheldraht, keine Überwachungskameras, nur ein hüfthoher Zaun.
6
Am Samstag werden wir nochmals hinfahren, uns einige Häuser und Wohnung anschauen. Dass sich unsere monatlichen Ausgaben durch die Miete um einen Drittel erhöhen werden, ist ein kleiner Preis für das Privileg, Rio aus der Ferne sehen zu dürfen.
Rio aus 13 km Entfernung