Der Minutenmensch (2). Bildloses
Mit dem Wechsel vom Elternhaus ins Internat im Alter von sechs Jahren bricht die Flut an Bildern, die mein Leben dokumentieren, ab. Vater mit seiner Kamera ist 2000 Kilometer entfernt, er schiesst weiter Bilder, aber nicht von mir. Es liegt eine Verletzung in diesem Bruch, nicht nur im kindlich empfundenen Verlassensein von den Eltern, auch und vor allem im Fehlen von Bildern, in denen ich mich wiedererkennen könnte. Für die Zeitspanne einiger weniger Jahre bin ich ganz auf meinen Geist angewiesen und ich traue ihm nicht. Wo nur Wort ist, tendiert es dazu, sich von der Welt zu lösen. Ich mag das nicht, mag auch die Tatsache nicht, dass dennoch Erinnerungen aus dieser Zeit da sind, ausgefeilte Geschichten, an die ich mich nicht gerne erinnere, die ich noch weniger gerne schreiben werde. Und doch ist da etwas geschehen, ob wahr oder nicht, was mit dazu beitrug, dass sich eine Kluft auftat zwischen der Erde und dem Wort. Und was mich dazu bewog, mich auf die Seite des Wortes zu schlagen. Nicht gut, denke ich jetzt, das solltest du überdenken, neuschreiben, nimm jenen Jahren das Drama. Aber wie, ohne Bilder, in denen ich mich wiedererkennen könnte? Selbst wenn es Bilder wären, die den verschreckten Jungen mitten in der Nacht in der Tür des Schlafsaales zeigten - dem wäre Zuneigung abzugewinnen. Aber Worten?
Acker und Behandlungszimmer. Bio (5)
Dass meine Eltern nicht nur den Mund auftaten und das Wort Gottes predigten, sondern auch Hand anlegten und auch in ganz profanen Dingen der Bevölkerung halfen (mein Vater, indem er den Bauern half, ihre Kräfte zu bündeln und Genossenschaften zu gründen,
meine Mutter, indem sie kleinere Leiden behandelte - obwohl, ein Bild ist mir geblieben, das sich nicht unter den Dias meines Vaters befindet, das einer Frau, die sich mit einer vom Krebs völlig zerfressenen Brust bei uns einfand, ein anderes von einem Mann, dessen Gesicht von Lepra schon grässlich entstellt war
). Kam ein Bettler vorbei, war für ihn an unserem Tisch immer ein Platz frei.
Später, als ich in eine heftige Krise mit dem Glauben meiner Eltern geriet, waren die Erinnerungen an ihre Liebe zu den Einheimischen möglicherweise DER Grund, weshalb ich den Kontakt zu ihnen nicht ganz abbrach. Die Nähe zu den Brasilianern, die ich durch unsere Familie in den frühesten Jahren erlebte, ist möglicherweise auch DER Grund, weshalb ich heute wieder in diesem Land lebe.

Ich erlebte meine Eltern (und mich) in diesen Jahren glücklich. Die Menschen kamen oft auf ihren Eseln und Maultieren zur Behandlung und banden ihre Tiere an das Tor vor unserem Haus. Als ich gross genug war, aufs Tor und von dort auf die Tiere zu klettern, unternahm ich manchen unerlaubten Ausflug in das Städtchen. Wenn Vater am frühen Morgen auf die Felder zu den Bauern hinausging, begleitete ich ihn, um nach getaner Arbeit heimzukehren und gemeinsam zu frühstücken.
Später, als mein Vater in die Missionsleitung nach Belém berufen wurde und er vor allem Büroarbeit zu erledigen hatte, war diese Magie weg. Erst gegen Ende ihrer Tätigkeit, wenige Jahre vor ihrer Pensionierung, als sie wieder vermehrt im Landesinnern unterwegs waren (diesmal auf den Flüssen und in den Wäldern des Amazonas) blühten sie noch einmal auf.
Stimmungen. Reisen. Bio (4)
Eine Kindheit voller Abenteuer. Neugierde, die mich gelegentlich in Teufels Küche brachte. Geschichten, an die ich mich nur teilweise erinnere, andere, die mir derart lebhaft vor Augen stehen, dass ich schwören könnte, sie seien passiert. Sind sie nicht, meinen meine Eltern, zumindest nicht so, wie du glaubst. Andere wieder sind so oft von verschiedenen Leuten wieder und wieder erzählt worden, dass sie in meine eigene Erinnerung eingegangen sind. Eine tückische Sache, das, aber davon soll heute nicht - später schon noch - die Rede sein.
Denn wichtiger als die Erinnerung an konkrete Ereignisse ist die Stimmung, die sich über die Erinnerung meiner ersten sechs Lebensjahre legt. Sie ist positiv, leicht und fördert Bilder hauptsächlich von Reisen zu Tage. Wir reisten viel, die Einsatzorte meiner Eltern (er als Missionar und Prediger, sie als Krankenschwester in einer Region, wo es kaum Ärzte gab) lagen weit verstreut. Ich liebte die Reisen, die oft Tage dauerten: Tage in sengender Hitze auf den harten Rücksitzen des Jeeps, der vollbepackt mit Medizin und Nahrungsmitteln sich auf miserablen Strassen durch den trockenen Busch mühte. Rast machte man, wenn man einen Ort fand, an dem man etwas Kochen konnte, oder etwas Schatten fand, oder an einem Wasserloch vorbeikam.
Was mir jetzt, da ich diese Zeilen schreibe, auffällt: Die Erinnerungen an die ersten Jahre bilden, obwohl sehr vielfältig und durchaus nicht immer positiv (wie oben angedeutet schrammte ich mehrmals aufgrund meines waghalsigen Leichtsinns am Tod vorbei), ein kompaktes, solides Paket. Ein seltsames Gefühl. So als: Dieses Kind ist unerschütterlich fröhlich (was natürlich nicht stimmt. Es gibt einige Fotos, die mich weinerlich bzw. weinend zeigen. Ich sehe es heute in meiner Tochter wiederholt: Ein rundum glückliches Kind, das aber einige Male am Tag Tränen in den Augen hat, weil es mit dem Kopf wiederholt anstösst (mal an der Wand, mal an den Eltern). Es kommt auf den Augenblick an, in dem man auf den Auslöser drückt.)