Aber dort, wo Rio schön ist…

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Wegen solcher Tage kam ich her (nach Wochen fast pausenlosen Regens endlich wieder ein Sonnentag).

Die Tage seit der Einreise |
Markus A. Hediger am 10.02.2008
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Rio ist nicht nur schön

Rio ist nicht überall schön. Schön ist Rio an seinen Stränden, ist schön auf dem Zuckerhut und zu Füssen der Christusstatue auf dem Corcovado, und an manchen Orten ist Rio nur schön, wenn man sich die Nase zuhält. Hinter dem Quartier von Ipanema liegt eine grosse Lagune, um die sich die nobelsten Viertel Rios drängen und in die hinein sämtliche Anwohner ungefiltert ihre Abwässer leiten. Eine 7.5km lange Joggingbahn führt um die verbrackte und verdreckte Lagune herum, an windigen Tagen ist ein Spaziergang um den See auszuhalten. An stickigen, windstillen Tagen jedoch verschlägt es einem den Atem, atemberaubend auch ist der Blick auf die wunderschönen Felsen und Hügel, die sich in die Stadt hinein- und ans Meer schieben.

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Der Zustand der Strassen wird, sobald man die nobelsten Quartiere hinter sich lässt, immer desolater, es ist gut beraten, wer den Luftdruck der Autopneus regelmässig überprüfen lässt. Die Schlaglöcher setzen den Wagen arg zu. Vor wenigen Wochen las ich in der Zeitung, die Stadt habe mehr als eine Milliarde flüssige Mittel für Investitionen zur Verfügung, letztes Jahr seien jedoch nur 33 Millionen in die Infrastruktur der Stadt investiert worden. Man versteht die Welt nicht. Rio könnte die schönste Stadt der Welt sein. Nicht nur am Strand, nicht nur von oben besehen.
Gestern kauften wir Kühlschrank und Waschmaschine für unsere Wohnung, die wir bis Ende Monat hoffentlich werden beziehen können. Wir hatten Glück und fanden beide Artikel im Sonderangebot. 1000 Franken für den Kühlschrank, 600 für die Waschmaschine. Für vieles sind die Preise hier in Brasilien vergleichbar mit jenen in der Schweiz. Krankenkasse (die hier nicht obligatorisch ist) kostet in etwa gleichviel, allerdings wird sie hier öfter in Anspruch genommen. Die Behandlung fürs Denguefieber und die anschliessende Lungenentzündung haben die bislang bezahlten Krankenkassenprämien jedoch bereits jetzt zu einem guten Geschäft gemacht. Die Versicherung fürs Auto kostet horrend viel. Allein die Diebstahlrisikoprämie verschlingt mehr als 1500 Franken im Jahr. Ab März, wenn wir nicht länger bei meinen Schwiegereltern leben werden, werden sich die Kosten für uns hier in Brasilien vervielfachen. Breitbandanschluss (in etwa doppelt so teuer wie in der Schweiz), Kabelfernsehen (wir überlegen uns ernsthaft, ein Leben ohne TV-Gerät zu versuchen), Garagenmiete für das unerlässliche Auto, etc etc. Billig ist in Brasilien nach wie vor das Fleisch. Auch die Weiterbildung meiner Frau an einer Privatuni kostet uns lediglich 120 Franken im Monat.
Wie jemand mit einem Mindestsalär von 250 Franken über die Runden kommt, ist mir ein Rätsel. Aber auch das: Wie jemand in der Lage sein kann, in diesem Land so viel zu verdienen, dass er für die Abzahlung seiner Luxuswohnung monatlich 20’000 Franken aufbringen kann (Reiche gibt es hier eine ganze Menge, man staunt). Um uns einen mittelständischen (unteres Spektrum) Lebenswandel zu ermöglichen, werden wir ca. 4000 Franken monatlich benötigen. Eine Zahl, die mir bisweilen schlaflose Nächte bereitet.

Die Tage seit der Einreise |
Markus A. Hediger am 10.02.2008
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Der Minutenmensch (2). Bildloses

Mit dem Wechsel vom Elternhaus ins Internat im Alter von sechs Jahren bricht die Flut an Bildern, die mein Leben dokumentieren, ab. Vater mit seiner Kamera ist 2000 Kilometer entfernt, er schiesst weiter Bilder, aber nicht von mir. Es liegt eine Verletzung in diesem Bruch, nicht nur im kindlich empfundenen Verlassensein von den Eltern, auch und vor allem im Fehlen von Bildern, in denen ich mich wiedererkennen könnte. Für die Zeitspanne einiger weniger Jahre bin ich ganz auf meinen Geist angewiesen und ich traue ihm nicht. Wo nur Wort ist, tendiert es dazu, sich von der Welt zu lösen. Ich mag das nicht, mag auch die Tatsache nicht, dass dennoch Erinnerungen aus dieser Zeit da sind, ausgefeilte Geschichten, an die ich mich nicht gerne erinnere, die ich noch weniger gerne schreiben werde. Und doch ist da etwas geschehen, ob wahr oder nicht, was mit dazu beitrug, dass sich eine Kluft auftat zwischen der Erde und dem Wort. Und was mich dazu bewog, mich auf die Seite des Wortes zu schlagen. Nicht gut, denke ich jetzt, das solltest du überdenken, neuschreiben, nimm jenen Jahren das Drama. Aber wie, ohne Bilder, in denen ich mich wiedererkennen könnte? Selbst wenn es Bilder wären, die den verschreckten Jungen mitten in der Nacht in der Tür des Schlafsaales zeigten - dem wäre Zuneigung abzugewinnen. Aber Worten?

Der Minutenmensch |
Markus A. Hediger am 05.02.2008
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