Der Minutenmensch (1). Wer bin ich?
Ich erinnere mich, dass ich das Foucaultsche Pendel von Umberto Eco mit grossem Vergnügen dreimal las. Ich erinnere mich, dass ich den Wälzer das erste Mal nonstop las, an einem Wochenende und bis in die frühen Montagstunden hinein, und daraufhin völlig übernächtigt bei der Arbeit erschien. Ich erinnere mich aber nicht, wo und wann ich das Buch das zweite und dritte Mal las, erinnere mich bloss an die Verblüffung, die ich empfand, weil das Buch auch bei wiederholter Lektüre fesselnd und einnehmend war. An die vierte Lektüre erinnere ich mich nicht, weiss von ihr lediglich durch die mit Datum versehenen Notizen am Schluss des Buches. Ebensowenig erinnere ich mich an jede Seite des Buches, erinnere mich bloss in groben Zügen an die darin beschriebene Handlung und an die Emotionen, die die minutiöse Beschreibung obskurer Praktiken in mir hervorriefen. Gehe ich in meiner Erinnerung zurück zu jenem Buch, genügen wenige Minuten, um das, was mir von seinen Lektüren geblieben ist, ins Bewusstsein zu rufen. (Lest, wenn ihr das Buch noch nicht kennt, zumindest jene Passage, in der Lia Casaubon anhand des menschlichen Körpers die Magie der Zahlen erklärt. Der schönste Abschnitt des Buches, die Schlüsselstelle des Schmökers, sehr erdig - >>>Hier, auf Seite 232, im letzten Abschnitt geht’s los.)
Dennoch werde ich den Verdacht nicht los, meine Erinnerungen an Ecos Pendel seien umfangreicher als jene an mein eigenes Leben. Was weiss ich schon über mich? Woran erinnere ich mich? Blicke ich zurück, erscheint mir mein Leben sehr dicht, voller Erlebnisse, Bilder scheinen in meinem Kopf auf, Gefühle werden wach und lösen ihrerseits eine lange Kette an Erinnerungen aus, worin gewisse Lebensabschnitte besser dokumentiert scheinen als andere, Jahre gibt’s, von denen weiss ich nur, wo ich sie verbracht habe, aber leer sind sie. Picke ich mir jedoch eine Erinnerung im Speziellen heraus, zum Beispiel die, in der ich mit den Kollegen an der Uni im grosszügigen Foyer der Theologischen Fakultät im Grossmünster zusammenhocke, um ein Fest (die Theologen wissen, wie man Feste feiert!) zu planen, da sehe ich meinen lieben und verwirrten Freund Willi am Tischkopf sitzen, pausenlos Ideen in die Runde werfend, neben ihm die schöne und üppige Assistentin Daria, die verzweifelt versucht, Ordnung in den Ideenschwall meines Freundes zu bringen (andere waren auch da, aber ich sehe sie nicht), sehe nur dieses eine Bild, eine Momentaufnahme, die den Bruchteil einer Sekunde festhält. Nicht mehr.
Von meiner frühen Kindheit wiederum sind mir sehr viele Bilder geblieben. Damals machte mein Vater noch sehr ausgiebigen Gebrauch von seiner Kamera, Hunderte von Dias lagern sorgfältig geordnet in den Schränken seines kleinen Büros in der Schweiz. Im Lauf der Jahre habe ich diese Bilder immer wieder angeschaut, so oft, dass sie ein Teil von mir geworden sind, so sehr, dass ich überzeugt bin, mich an die Ereignisse zu erinnern, die der Projektor an die Wand wirft. Im Alter von sechs Jahren gings dann ab ins Internat, zu gross war die Entfernung von der väterlichen Kamera, als dass Bilder von jener Zeit hätten gemacht werden können. Usw.
Erinnerungen sind Bilder, die ich - alle zusammengenommen - wahrscheinlich in wenigen Minuten vor dem inneren Auge vorbeiflimmern lassen kann. Aber es sind Bilder, um die herum ich mir Geschichten erzähle. Was an ihnen ist wahr? Was verifizierbar? Echt sind - so mein Verdacht - nur die Gefühle, die sie in mir hervorrufen.
Die nicht von Slums überbauten Hügel in Rio sind von einer saftig grünen Flora überwuchert. Aber dort, wo ein Stück nackte Erde zwischen Bäumen, Sträuchern, Gräsern durchscheint und ich mir die Mühe mache, mich zu bücken und an ihr zu riechen, rieche ich dieselbe Erde, die meine Kindheit prägte: den von der Dürre aufgerissenen Boden des brasilianischen Nordostens.
Etwas verloren
Es ist schon komisch, wenn sich Erwartungen erfüllen. Wenn der Schritt, den man so lange geplant hatte, tatsächlich auch dahin führt, wohin man gelangen wollte. Brasilien. Während den siebzehn Jahren die ich in der Schweiz verbrachte, hatte ich immer wieder mit dem Gedanken gespielt, nach Brasilien zurückzukehren. Den Auswirkungen der Schweiz auf mein Wohlbefinden, auf mein Denken (immer enger, immer beengender, immer beengter), auch auf meinen Körper (gesättigt), hielt ich ein immer imaginäreres Bild eines Lebens in Brasilien entgegen, das bis in die Erinnerungen meiner frühen Kindheit durchschlug, die ebenfalls immer imaginierter, erzählerischer wurden. Durch die Heirat einer Brasilianerin und ihren Umzug in die Schweiz wurde aus dem Spiel bitterer Ernst: Ich sah an einer mir sehr lieben Person die Auswirkungen der Schweiz auf ein Wesen, sah, wie einschneidend ein Land einen Menschen verändern kann. Es ist eben doch von wesentlicher(!) Bedeutung, an welchem Ort auf dieser Welt man sein Leben verbringt.
Nun sind wir also hier, sieben Wochen erst, aber die enormen Auswirkungen des Ortwechsels sind bereits deutlich spürbar: Ich habe Mühe, mich zu wieder zu finden. In meinem Denken, das weiter, unbesorgter geworden ist, in meinem Körper, der an Volumen verloren und beweglicher geworden ist (es drängt ihn hinaus, raus auf die Strassen, die sich hier in Rio in miserablem Zustand befinden, und, will man den Zeitungen glauben, gefährlich sind - und wenn schon: die gesteigerte Bedrohung des Körpers bewirkt eine Erheiterung der Seele). Brasilien ist, wie ich es gekannt und wie ich es mir vorgestellt hatte. Und doch weiss ich nicht, wo ich mich finden kann.
Erst heute ist mir - während ich eine Zigarette auf der Terasse mit Blick auf eine sehr bewegte und hässliche Strasse weitab von den wunderschönen (sie sind es wirklich) Stränden Rios rauchte - der Verdacht gekommen, es könne an den Bildern und Geschichten liegen, die ich mir von meiner Kindheit gemacht hatte: erinnere ich mich heute, von brasilianischem Boden aus, zeigen sich mir meine Kindheits- und Jugendjahre anders. Vieles, womit ich während der letzten 17 Jahren gehadert hatte, spielt hier keine Rolle mehr. Ich muss mich neu erfinden.
Bevor ich also an die Realisierung literarischer Projekte gehe, werde ich hier mein Leben neu aufrollen und versuchen, mich neu zu finden. Diesmal mit einfacheren, unprätentiöseren Mitteln als in bisherigen Versuchen.
Zettelkrankheit
Es ist ein Zwicken in der linken Brust, nicht das Herz ist es, ganz sicher nicht, denn der kleine Kneifer treibt seine Zangen zwischen Haut und Rippen (nicht dahinter) ins weiche Fleisch. Es ist nicht das Herz, aber beruhigend wirkt diese Erkenntnis keineswegs - zuerst denkt Heleninha natürlich, es sei das Herz, als es das erste Mal zwickt, doch als sie sich mit der Hand an die Brust fährt und sich durch das dünne Baumwollkleid hindurch abtastet, findet sie bald den winzigen Bösewicht, nicht grösser als ein Käfer, jetzt direkt in der Vertiefung zwischen der 8. und 9. Rippe, sich hinaufarbeitend in Richtung 7. Heleninha lokalisiert ihn, ermittelt tastend seine Form und notiert jede Einsicht und Erkenntnis, jedes Empfinden (Angst ist da vor allem, eine panische Angst zu sterben) auf einem kleinen Zettel, den sie dann an der Stelle, an der sie das Zwicken das erste Mal bemerkte, auf den Boden klebt. Erst dann führt sie ihre Hand zurück an die Brust, sich sanft massierend fährt sie von der Brust hinauf in Richtung Hals, da ist er! und zerdrückt den Eindringling nicht ohne Bangen zwischen Daumen und Zeigefinger. Sie spürt in sich hinein, ein leichtes Brennen ist jetzt da, das sich innert Minuten zu einem regelrechten Brand entwickelt. Sie rennt in die Küche, öffnet den mit Zetteln beklebten Kühlschrank, füllt Eis in einen Beutel und - während die Linke das kalte Paket an die Brust drückt - füllt die Rechte bereits einen weiteren Zettel mit minutiösen, beklemmenden Protokollen ihres Empfindens.
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