“Rádio Bancoc” - das Vorspiel (5)

Wollen Sie den Brasilianer von der Strasse ins Wohnzimmer locken, geben Sie ihm Liebe. Die Darstellerinnen von „Rádio Bancoc“ schminkten Lolamungos Gesicht mit ihren Küssen, der es ihnen mit einer Deftigkeit danke, die in nichts der Heftigkeit nachstand, mit der er sich am Mikrofon hinter die Militärs gestellt hatte. „Rádio Bancoc“ vollzog den Wechsel von der Politsatire zum Schwank mit Bravour: so gerne der Brasilianer sich in der Kritik an der eigenen Regierung übt, noch lieber lacht er über seinesgleichen. Einzig Marcelo Gado, Lolamungos artistische Verkörperung, war mit den Wandlungen, denen seine Figur unterzogen worden war, nicht glücklich. Vom Zentrum der Telenovela zu einem blossen Mitdarsteller unter vielen degradiert (Affären rücken ganz automatisch auch andere ins Scheinwerferlicht, denn nie bleiben Gehörnte und Betrogene von ihr unberührt), entwendete Gado, der Viehtreiber, eines Nachts nach Drehschluss den verlotterten VW-Bus samt Sendeequipment aus dem Requisitendepot der Fernsehanstalt, fuhr mit ihm auf einen Hügel hoch über Rio und setzte sich vors Mikrofon. Die Macher von „Rádio Bancoc“, zunächst wenig erfreut über das Eigenleben, das einer ihrer Darsteller zu führen beschlossen hatte, beruhigten sich jedoch und förderten den Piratensender sogar, als ein Anthropologe und Soziologe über die enorme Bedeutung dieser Telenovela in den Abendnachrichten sprach: „Rádio Bancoc“ war nun nicht länger (wie viele Telenovelas vor dieser auch) bloss Inspiration für Vaterlandsliebe und Liebesverrat – „Rádio Bancoc“ hatte mit Marcelo Gados Sendungen auf illegalen Frequenzen nun definitiv den Sprung vom Bildschirm ins wahre Leben geschafft. Oder, anders ausgedrückt: Das Leben war eine Telenovela geworden. Das Ende von „Rádio Bancoc“ kam, als ich Gados verlotterten VW-Bus auf einem Parkplatz auf einem Hügel hoch über Rio entdeckte und ihn dem Schauspieler abkaufte.


Markus A. Hediger am 14.12.2007
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“Rádio Bancoc” - das Vorspiel (4)

Wie jeder guten Telenovela fehlte es auch „Rádio Bancoc“ nicht an Anspielungen auf aktuelles Geschehen. Zwar hielt sich der Plot streng an historische Gegebenheiten und geisselte denn auch nur, was das Militärregime sich tatsächlich hatte zuschulden kommen lassen, doch es war schon merkwürdig, wie gewisse Züge des Militärs sich in der pompösen Gestik und theatralischen Mimik aktueller Politiker wieder erkennen liessen. G. K. Chestertons Werke wurden neu aufgelegt, Father Browns Kriminalfälle hielten sich über Monate zuoberst auf den Bestsellerlisten, die Lehrer waren begeistert (Schüler wie Eltern lasen wieder), und die katholische Kirche – sonst eher harsche Kritikerin der in den Telenovelas ausgiebig dargestellten Promiskuität – freute sich über einen markanten Rückgang in den Austrittszahlen ihrer Mitglieder. In ihrer Euphorie versuchten die Kirchenoberen den Prozess sogar umzukehren und neue Mitglieder von den boomenden Freikirchen abzuwerben, indem sie ihre Priester in Wesen und Postur Father Browns ausbilden liessen. Sonntags also strömte das Volk in die Kirche, unter der Woche versammelte es sich kurz vor neun Uhr abends vor dem Fernseher, um am nächsten Morgen die von Marcelo Lolamongo hochgepreisten Machenschaften der Politiker auf der Strasse anzuprangern. Die Innenstädte füllten sich mit wütenden Menschen, der Verkehr kam zum Stillstand, das Militär – in einer beängstigend realistischen Nachinszenierung einer Szene aus der Telenovela – marschierte auf, um den Volksaufstand niederzuschlagen. Dies war der Punkt, an dem man in der Redaktion der für „Rádio Bancoc“ verantwortlichen Anstalt beschloss, das Geschehen innerhalb der Telenovela vom Politischen weg und ins Persönliche zu verlegen. „Womit schreibt der weise Mann seine Kritik?“ fragte der Autor der Novela. Und der Ethikrat des Senders antwortete: „Mit dem Lippenstift seiner Geliebten.“


Markus A. Hediger am 12.12.2007
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“Rádio Bancoc” - das Vorspiel (3)

Marcelo Lolamungo, Sprecher und Inhaber des Piratensenders „Rádio Bancoc“, pflegte seine Sendungen mit Zitaten aus G. K. Chestertons „Father Brown“-Geschichten aufzupfeffern. „Wo versteckt der weise Mann ein Blatt?“ fragte er immer wieder ins Mikrofon, worauf seine Hörer, die gebannt die Empfänger im Fussballstadion, am Strand, in der Bar oder im Bett ans Ohr gepresst hielten, flüsterten: „Im Wald.“ „Und“, fragte Lulamongo dann, „was tut der weise Mann, wenn er auf einer grünen Wiese steht und nirgends ein Wald zu sehen ist?“ „Dann pflanzt er sich einen Wald auf der grünen Wiese“, antworteten seine Hörer gespannt. Worauf Lolamungo einen Lobgesang auf den General anhob und ihn pries für seine Weisheit, die darin bestand, für die Bestattungskosten seiner Kritiker auf dem Gottesacker aufzukommen.


Markus A. Hediger am 11.12.2007
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“Rádio Bancoc” - das Vorspiel (2)

„Rádio Bancoc“ spielte in den 70er-Jahren, in jenen Jahren also, da die Militärdiktatur das Land eisern im Griff hatte und jede Opposition rücksichtslos niederschlug. Mário Lolamungo, gespielt vom Frauenschwarm Marcelo Gado, von der Boulevardpresse liebevoll auch „Viehtreiber“ genannt, lebte in seinem verlotterten VW-Bus, Jahrgang 62, von denen es heute kaum noch welche auf den Strassen Rios gibt und entdeckte ich einen, kaufte ich ihn sofort seinem Besitzer ab und restaurierte ihn liebevoll, und aus dem heraus er auf wechselnden Frequenzen seine Sendungen von Rios Hügeln hinab in die Stadt ausstrahlte. Was „Rádio Bancoc“ auszeichnete, war die ausgesprochen regierungsfreundliche Haltung des Sprechers. Kein kritisches Wort, kein vorsichtig angebrachter Rat ans Militär, dieses oder jenes doch eher so oder so durchzusetzen, kein Bedauern über diese oder jene negative Folge dieser oder jener Massnahme für die Intellektuellen des Landes – ganz im Gegenteil: Lolamungo lobte ausdrücklich die Zensur, befürwortete die Folter, von der das Volk ja nur hinter vorgehaltener Hand sprach, befürwortete die Tortur, der die Regierungskritiker unterzogen wurden, und freute sich, wenn einer nach seiner nächtlichen Gefangennahme durch den Geheimdienst nicht mehr auftauchte. So stumpf unkritisch war seine promilitärische Haltung, dass im Volk schon bald erste Zweifel an Lolamungos Aufrichtigkeit aufkamen. Die staatliche Zensur, wie immer etwas langsamer, wurde erst hellhörig, nachdem Lolamungo ihr Angebot, auf einer legalisierten Frequenz zu senden, ausschlug.


Markus A. Hediger am 11.12.2007
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Rio Rumble (3)

>>> Mandrake Superstar. Das dritte Kapitel der gefährlichen Suche nach einer literarischen Figur in Rio.

Mandrake |
Markus A. Hediger am 09.12.2007
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