Mein Bild, liebe Alice

Liebe Alice

Heute las ich in der Zeitung von der Ortschaft Flagstaff in Arizona und ich erinnerte mich an die wenigen Tage, die ich dort in der Jugendherberge verbrachte, nachdem ich zwei Wochen lang durch die Wüsten von Arizona, Kalifornien und Utah geirrt war, von Alptraum in Alptraum fallend, entsetzt nach einer Antwort suchend, irre werdend in der brütenden Hitze vereinsamter Motels. Da warst Du schon nicht mehr da, warst weit weg, von Depressionen dieser Welt entrückt, und ich vermisste Dich. Da begann Schnee zu fallen im Reservat der Navajo und ich, unterwegs mit einem Auto ohne Winterreifen, schlitterte südwärts, vorbei an verunfallten Jeeps, vorbei an Indianern, die den schneeunerprobten Amerikanern aus ihren Autowracks halfen, vorbei an schneebedeckten Wüsten, südwärts glitt ich auf dem Schnee nach Flagstaff, wo die Strassen so glattvereist waren, dass ich die Kontrolle über den Wagen verlor, schlitternd bei Rot über eine Kreuzung, haarscharf vorbei an mich kreuzendem Verkehr, zitternd dann Unterkunft im Youth Hostel von Flagstaff fand, wo eine sonnengebräunte Alice mich mit Southern Comfort empfing und mich in der Kälte einer winterlichen Sommernacht unter alkoholdurchtränkte Laken zog.
Es brauchte - denke ich jetzt im Rückblick - dieses Äusserste, um mich - sobald die Sonne aufging - aus Alice’ Zimmer auf die Stufen zu treiben, die zur Herberge hinaufführten, wo ich mit schwerem Kopf dann sass, allein mit dem ekelerregendem Bild, das ich mir von mir selbst machte. Und da geschah es, dass die Sonne zwischen den Dächern der Stadt aufblitzte und wie eine Offenbarung sich mir der Sinn des Gebotes offenlegte: “Du sollst dir kein Bildnis machen” heisst es von Gott -
Und ich verstand, das galt auch für mich.
Ich weiss nicht, wie ich es dir erklären soll, liebe Alice: In jenem Moment veränderte sich mein Leben. Ein Leben lang war ich einem Bild hinterhergejagt, einem Wunschbild, das ich von mir hatte, vergeblich, ganz umsonst, denn was ich war, war jammerhaft im Vergleich zu dem, was ich sein wollte. In dem Augenblick, in dem ich dieses Bild aufgab, wurde ich ganz zufrieden mit mir. Endlich war ich, was ich war. Glücklich.
Heute las ich in der Zeitung von der Ortschaft Flagstaff in Arizona und ich musste an Dich denken, liebe Alice. Wie Du auf unserer gemeinsamen Reise durch Nordamerika glücklich warst und wie Du mich in jedem Motel, in dem wir übernachteten, haben wolltest. Wie Du mich, selbst wenn wir nach einer langen Fahrt durch die Wüste völlig übermüdet und ungebadet (weil das Wasser aus der Dusche kochend heiss war) in die Betten sanken, nahmst. Es gibt kein Glück, das nicht die Schöpfung will. Glücklich waren wir in Flagstaff, liebe Alice. Weisst Du noch?

Dein
M.

Liebe Alice |
Markus A. Hediger am 03.09.2007
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Bilder der Werkschau 3 in Bern

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Postkarten an die isla volante.

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Die Maske, hinter der sich die Bildermacherinnen verstecken: Anton Rittiner.

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Der Meister, vor seinem Siegeszug.

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Der Meister, lesend, nichts von den ihn erwartenden standing ovations ahnend. Seine Lesung war eine Lektion in Sachen Vortrag. Eine Demütigung für alle anwesenden Schriftsteller, anders kann man es wohl kaum bezeichnen. Was sich aus einem ohnehin hervorragenden Text durch professionellen Vortrag zusätzlich machen lässt - das war die sechs Stunden, die ich gestern im Auto verbrachte allemal wert.

Michael Perkampus wird auch an unserem Abschiedsfest am 6. Oktober in Zürich (Froschaugasse 4, ab 16.00 Uhr, lesen.)
Nicht verpassen!

Varia |
Markus A. Hediger am 02.09.2007
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