Der Teufel, liebe Alice

Die Ratlosigkeit, mit der Du auf meinen letzten Brief reagiertest, zwingt mich, in jene Zeit zurückzukehren, da ich die iberische Halbinsel noch nicht betreten hatte. Ich tue es ungern, verbinde ich mit jenen langen Jahren ungute Gefühle, Gefühle der Schuld und der Schludrigkeit. Sie zwingt mich, wieder ganz Kopf zu werden und zu vergessen, dass ich auch Körper bin. Unangenehm ist es auch für Dich, da es - willst Du mich denn verstehen - von Dir verlangt, weniger in meine Haut (was ein Leichtes wäre) als vielmehr in meine Worte zu schlüpfen.

Ganz Kopf, liebe Alice, ist der religiöse Mensch. Der religiöse Mensch, fragt man ihn, woran er denn glaube, antwortet mit den auswendig gelernten Statuten seines eingetragenen Vereins. Kein Gläubiger, dem ich je begegnete und dem ich diese Frage stellte, schaffte es, sich das Wort zu verkneifen, zu schweigen und mich so zu bekehren. Ohne Wort geht in der Religion gar nichts. Aus Worten wird ein selbstreferentielles System von Lehr- und Glaubenssätzen erstellt, wobei jedes Wort sich aus dem vorigen ableitet und dieses gleichzeitig begründet. Ein Wort spricht da dem anderen das Wort. Das System ist ein geschlossenes. Da aus Geist gemacht, sieht es seinen grössten Feind im Fleisch. Es wird gepredigt und getobt gegen das, was dem Körper Freude macht. Tanzen ist verboten, Befriedigung (wenn sie nicht ausschliesslich dem anderen dient) ist verboten, Lust nur innerhalb jener Grenzen erlaubt, die eine Lust, die sich so nennt, nie anerkennen kann.
Dass das Fleisch der grösste Feind des Glaubens sein sollte, hat mir - selbst als ich noch glühender Anhänger einer solchen Religion war - nie richtig einleuchten wollen. Denn das einzige, was das Wort wirklich bedrohen kann, ist ein anderes Wort. Der Teufel, liebe Alice, steckt im Wort.
Diese Religion nennt sich Religion des Wortes. Sie behauptet, es zu verehren und es zu ehren. Das ist die grösste Lüge, denn wäre dem Christentum das Wort auch nur einen Pfifferling wert, wäre Christentum Kunst. Das Wort will alles und drängt in die Welt.
Es ist kein Zufall, dass ich Alice traf, als ich mit dem Schreiben begann. Die Entdeckung, dass das Wort nicht nur eine Bedeutung besitzt, weckte in mir den Verdacht, dass auch die Welt nicht nur eine Wahrheit kennt. So entdeckte ich Lippen, die nicht nur die Fingerkuppe zu nässen wissen, und eine Zunge, die nicht nur die Bibel lesen sondern auch schlecken und lecken kann.
Dass ich damit in Teufels Küche kam, davon soll im nächsten Brief die Rede sein.

Dein
M.

Liebe Alice |
Markus A. Hediger am 30.08.2007
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Die Postkarten an der Berner Werkschau.

Die über die letzten Monate hinweg von Rittiner & Gomez gemalten und von mir geschriebenen Postkarten werden am 1. September in Bern an der Werkschau zu sehen sein. Rittiner und Hediger in persona natürlich auch.
Ausserdem aus dem litblogs-Universum in Bern mit dabei:
Hartmut Abendschein und Michael Perkampus.

El viaje |
Markus A. Hediger am 30.08.2007
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Happy End. Carla. Die 20. Postkarte

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Liebste Mama,

Meine Reise neigt sich dem Ende zu. Soeben haben wir die Inseln von Fernando de Noronha (die Legende sagt, hier überwinterten die Sirenen, Gott sei Dank schliefen sie, als wir die Inseln passierten) hinter uns gelassen und nehmen Kurs auf Isla Volante. Carla und ich lieben uns und wollen uns sputen, damit wir Dein Hochzeitsfest nicht verpassen und mit den Vorbereitungen für das unsere beginnen können. Ich bin sehr gespannt auf meinen neuen Vater. Hoffe aber, dass es in Deinem Leben weiterhin Platz haben wird für zumindest einen weiteren Mann –

Deinen Sohn

[Bild Rittiner & Gomez]

El viaje |
Markus A. Hediger am 30.08.2007
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