Von Deinen die Erste, liebe Alice

Liebe Alice,

Du schreibst: “Angenommen, es ist kein Zufall, dass Deine Lieben (mit einer Ausnahme) alle Alice hiessen, dann muss es Gründe für diese Annahme geben. Weshalb beginnst Du nicht damit, mit dem Anfang also? Wer war Alice?”
Ich lernte Alice an einem Fest am Ufer eines Stausees kennen. Es war ein warmer Sommerabend, sie lag im Wasser, mit den Füssen hielt sie sich am Landesteg fest. Wie ich mir hätte denken können, war sie Spanierin, ich verliebte mich in diese iberische Halbinsel in einem Schweizer See, in Schweizer Wassern liebten wir uns ganz mediterran. Von aussen betrachtet muss das ganz natürlich ausgesehen haben, ein Körper findet da in den anderen und beide bereiten einander Freude. Für mich aber war es das erste Mal, dass ich meinen Kopf verlor. Ich, der ich immer ganz Kopf gewesen war, verlor in jener Nacht alles, was ich je zu besitzen geglaubt hatte. Eine eigentümliche Ruhe befalle jene, die alles verloren haben, heisst es, doch die erste nasse Nacht mit Alice markierte das Ende meiner ruhigen Nächte, denn sie nahm mir zwar meinen Kopf, bewies mir aber auf eindrückliche Art, dass ich etwas anderes besass, von dessen Existenz ich bislang nichts geahnt hatte: Alice nahm mir meinen Kopf und gab mir dafür meinen Körper. 
Mit ihrer Hitze entfachte sie das Feuer in mir, kopflos rannte ich herum und setzte selbst alles in Brand. Wir kehrten an den See zurück, Alice wollte, dass ich meinen Kopf wiederfände ("Nur so ganz Körper, das hältst du nicht lange durch, denk doch mal"). Am Ufer beim Steg fanden wir eine Wasserleiche. Ich weinte um den Toten, Alice mit den Angehörigen des Toten. Deutlicher hätte sich der Abgrund zwischen uns beiden nicht auftun können: Alice wandte sich den Lebenden zu, ich mich dem Leben. 

Es war eine schwierige Zeit, liebe Alice. Mit der Verbannung der Bilder aus ihren Kirchen hat der Protestantismus jeder Sinnlichkeit abgeschworen. Wer als Protestant aufwächst, ist schlimmer dran als der Katholik, dem die Angst vor dem Fegefeuer den Schlaf raubt. Der Protestant glaubt nicht an das Fegefeuer, weil er sich nicht vorstellen kann, wie schlimm es ist, wenn der Leib in Flammen steht. Als Alice mich mit ihren heissen Lippen küsste, glaubte ich mich in der Hölle. (Das Wort, für sich genommen, ist immer wahr.)

Verzeih, liebe Alice, wenn ich heute nicht weiter schreiben mag und Dich und Deine Frage auf morgen vertrösten muss. Nur so viel noch: Meinen Kopf fand ich wieder, der Tote im Wasserbad hatte sich ihn unter den Arm geklemmt.

Dein
M.

Liebe Alice |
Markus A. Hediger am 29.08.2007
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50 Jahre ohne Gott: Mutter Teresa

Ein sehr eindrücklicher Beitrag über Mutter Teresas bitterste Erfahrung. Auf Time.com
Eine ganz und gar verrückte und in seiner göttlichen Gnadenlosigkeit herzzerreissende Geschichte.

Von Göttern |
Markus A. Hediger am 29.08.2007
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Mein Schweigen, liebe Alice

Liebe Alice,

Mein erster Brief war, zugegebenermassen, ein unbeholfener Versuch, mein langes Schweigen zu brechen. Deine Antwort auf meine erste, zaghafte Kontaktaufnahme nach so vielen Jahren, hat mich dann doch etwas erstaunt. Dass Du so heftig auf meine Bitte um Verzeihung reagierst, hat mich fragen lassen, ob ich den Brief tatsächlich auch an die intendierte Alice adressiert hatte und nicht etwa an die erste Alice meines Lebens, deren Gesicht sich anklagend immer wieder in den Gerichtssaal meiner Träume drängt.
So gerechtfertigt Alicens Anschuldigungen gegen mich auch sein mögen - Du hast immer grossherzig über meine Schwächen und Mängel hinweggesehen und (hätte der Brief Dich und nicht Alice erreicht) hättest mich sicherlich gefragt: Wofür sollte ich dir verzeihen?
Insgeheim hatte ich natürlich gehofft, dass Du diese Frage stellst, denn sie gibt mir Anlass, weit auszuholen. So viel ist zwischen uns geschehen, seit wir uns das letzte Mal gegenübersassen und Du mir sagtest, es sei aus zwischen uns, unsere Beziehung am Ende, weil Du am Ende warst. Ich habe es damals nicht begriffen, danach auch nie verstanden. Gelegentlich habe ich mich zwar damit abgefunden - aber wirklich nachvollziehen konnte ich Deine Entscheidung nie. Wie hätte ich auch - denn erst heute weiss ich: Dich hat es wirklich gegeben.
Ich habe versagt, weil ich während all den Jahren, die wir miteinander teilten, immer davon ausgegangen war, dass Du nicht mehr warst als das Bild, das ich mir von Alice machte.

Sollte dieser Brief wirklich in die beabsichtigten Hände - Deine Hände - fallen, wirst Du verstehen, was ich damit meine. Du hast - jetzt erst erinnere ich mich - immer wieder versucht, mir genau das zu erklären. Ein Bild lässt sich retuschieren, ein Mensch nicht.
Das wirft eine Menge Fragen auf. Ich werde sie alle beantworten, sofern Du sie stellen magst.

Dein
M.

Liebe Alice |
Markus A. Hediger am 28.08.2007
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