Woche 35
Neben den unsäglichen Ereignissen im Büro vollzieht sich ein anderes, leises Spektakel.
>>> Ich staune.
Neben den unsäglichen Ereignissen im Büro vollzieht sich ein anderes, leises Spektakel.
>>> Ich staune.
Die Ratlosigkeit, mit der Du auf meinen letzten Brief reagiertest, zwingt mich, in jene Zeit zurückzukehren, da ich die iberische Halbinsel noch nicht betreten hatte. Ich tue es ungern, verbinde ich mit jenen langen Jahren ungute Gefühle, Gefühle der Schuld und der Schludrigkeit. Sie zwingt mich, wieder ganz Kopf zu werden und zu vergessen, dass ich auch Körper bin. Unangenehm ist es auch für Dich, da es - willst Du mich denn verstehen - von Dir verlangt, weniger in meine Haut (was ein Leichtes wäre) als vielmehr in meine Worte zu schlüpfen.
Ganz Kopf, liebe Alice, ist der religiöse Mensch. Der religiöse Mensch, fragt man ihn, woran er denn glaube, antwortet mit den auswendig gelernten Statuten seines eingetragenen Vereins. Kein Gläubiger, dem ich je begegnete und dem ich diese Frage stellte, schaffte es, sich das Wort zu verkneifen, zu schweigen und mich so zu bekehren. Ohne Wort geht in der Religion gar nichts. Aus Worten wird ein selbstreferentielles System von Lehr- und Glaubenssätzen erstellt, wobei jedes Wort sich aus dem vorigen ableitet und dieses gleichzeitig begründet. Ein Wort spricht da dem anderen das Wort. Das System ist ein geschlossenes. Da aus Geist gemacht, sieht es seinen grössten Feind im Fleisch. Es wird gepredigt und getobt gegen das, was dem Körper Freude macht. Tanzen ist verboten, Befriedigung (wenn sie nicht ausschliesslich dem anderen dient) ist verboten, Lust nur innerhalb jener Grenzen erlaubt, die eine Lust, die sich so nennt, nie anerkennen kann.
Dass das Fleisch der grösste Feind des Glaubens sein sollte, hat mir - selbst als ich noch glühender Anhänger einer solchen Religion war - nie richtig einleuchten wollen. Denn das einzige, was das Wort wirklich bedrohen kann, ist ein anderes Wort. Der Teufel, liebe Alice, steckt im Wort.
Diese Religion nennt sich Religion des Wortes. Sie behauptet, es zu verehren und es zu ehren. Das ist die grösste Lüge, denn wäre dem Christentum das Wort auch nur einen Pfifferling wert, wäre Christentum Kunst. Das Wort will alles und drängt in die Welt.
Es ist kein Zufall, dass ich Alice traf, als ich mit dem Schreiben begann. Die Entdeckung, dass das Wort nicht nur eine Bedeutung besitzt, weckte in mir den Verdacht, dass auch die Welt nicht nur eine Wahrheit kennt. So entdeckte ich Lippen, die nicht nur die Fingerkuppe zu nässen wissen, und eine Zunge, die nicht nur die Bibel lesen sondern auch schlecken und lecken kann.
Dass ich damit in Teufels Küche kam, davon soll im nächsten Brief die Rede sein.
Dein
M.
Die über die letzten Monate hinweg von Rittiner & Gomez gemalten und von mir geschriebenen Postkarten werden am 1. September in Bern an der Werkschau zu sehen sein. Rittiner und Hediger in persona natürlich auch.
Ausserdem aus dem litblogs-Universum in Bern mit dabei:
Hartmut Abendschein und Michael Perkampus.

Liebste Mama,
Meine Reise neigt sich dem Ende zu. Soeben haben wir die Inseln von Fernando de Noronha (die Legende sagt, hier überwinterten die Sirenen, Gott sei Dank schliefen sie, als wir die Inseln passierten) hinter uns gelassen und nehmen Kurs auf Isla Volante. Carla und ich lieben uns und wollen uns sputen, damit wir Dein Hochzeitsfest nicht verpassen und mit den Vorbereitungen für das unsere beginnen können. Ich bin sehr gespannt auf meinen neuen Vater. Hoffe aber, dass es in Deinem Leben weiterhin Platz haben wird für zumindest einen weiteren Mann –
Deinen Sohn
[Bild Rittiner & Gomez]
Liebe Alice,
Du schreibst: “Angenommen, es ist kein Zufall, dass Deine Lieben (mit einer Ausnahme) alle Alice hiessen, dann muss es Gründe für diese Annahme geben. Weshalb beginnst Du nicht damit, mit dem Anfang also? Wer war Alice?”
Ich lernte Alice an einem Fest am Ufer eines Stausees kennen. Es war ein warmer Sommerabend, sie lag im Wasser, mit den Füssen hielt sie sich am Landesteg fest. Wie ich mir hätte denken können, war sie Spanierin, ich verliebte mich in diese iberische Halbinsel in einem Schweizer See, in Schweizer Wassern liebten wir uns ganz mediterran. Von aussen betrachtet muss das ganz natürlich ausgesehen haben, ein Körper findet da in den anderen und beide bereiten einander Freude. Für mich aber war es das erste Mal, dass ich meinen Kopf verlor. Ich, der ich immer ganz Kopf gewesen war, verlor in jener Nacht alles, was ich je zu besitzen geglaubt hatte. Eine eigentümliche Ruhe befalle jene, die alles verloren haben, heisst es, doch die erste nasse Nacht mit Alice markierte das Ende meiner ruhigen Nächte, denn sie nahm mir zwar meinen Kopf, bewies mir aber auf eindrückliche Art, dass ich etwas anderes besass, von dessen Existenz ich bislang nichts geahnt hatte: Alice nahm mir meinen Kopf und gab mir dafür meinen Körper.
Mit ihrer Hitze entfachte sie das Feuer in mir, kopflos rannte ich herum und setzte selbst alles in Brand. Wir kehrten an den See zurück, Alice wollte, dass ich meinen Kopf wiederfände ("Nur so ganz Körper, das hältst du nicht lange durch, denk doch mal"). Am Ufer beim Steg fanden wir eine Wasserleiche. Ich weinte um den Toten, Alice mit den Angehörigen des Toten. Deutlicher hätte sich der Abgrund zwischen uns beiden nicht auftun können: Alice wandte sich den Lebenden zu, ich mich dem Leben.
Es war eine schwierige Zeit, liebe Alice. Mit der Verbannung der Bilder aus ihren Kirchen hat der Protestantismus jeder Sinnlichkeit abgeschworen. Wer als Protestant aufwächst, ist schlimmer dran als der Katholik, dem die Angst vor dem Fegefeuer den Schlaf raubt. Der Protestant glaubt nicht an das Fegefeuer, weil er sich nicht vorstellen kann, wie schlimm es ist, wenn der Leib in Flammen steht. Als Alice mich mit ihren heissen Lippen küsste, glaubte ich mich in der Hölle. (Das Wort, für sich genommen, ist immer wahr.)
Verzeih, liebe Alice, wenn ich heute nicht weiter schreiben mag und Dich und Deine Frage auf morgen vertrösten muss. Nur so viel noch: Meinen Kopf fand ich wieder, der Tote im Wasserbad hatte sich ihn unter den Arm geklemmt.
Dein
M.