Die letzten Tage (4). Das Geschlecht der Engel

Ich taufte den Engel auf den Namen Madalena, weil Madalena ein so hübscher Name war und der Engel so schön.
Pedro und ich waren die einzigen, die sich nicht beirren liessen. Dass Madalena nicht viel sagte, störte uns nicht. Meist glitt sie nur wenige Meter über dem Boden durch die Strassen der Innenstadt. Nie schien sie ein festes Ziel zu haben. Sie flog, wohin der Wind sie trug. Manchmal, an windstillen Tagen, bewegte sie sich kaum durch die Luft. Oft beobachteten wir sie dabei, wie sie vor dem Fenster eines Schlafzimmers schwebte und manchmal neugierig, manchmal verträumt hineinschaute. Fegte ein Sturm durch die Strassen der Stadt, entschwand sie unseren Blicken. Einige Flügelschläge genügten und sie verschwand in den tieffliegenden Wolken. Pedro meinte, sie suche ruhigere Luftschichten in der Höhe auf, denn kaum war der Sturm abgeklungen, fanden wir sie in einer der vielen Gassen unserer Stadt wieder.
Nur einmal gerieten Pedro und ich einander wegen Madalena in die Haare. Das war, als mir der Name, auf den ich den Engel getauft hatte, in einem Moment der Unachtsamkeit entglitt.
“Wie kannst du einem Engel einen Frauennamen geben!” echauffierte sich Pedro. “Engel sind weder Frau noch Mann!”
“Schau dir Madalena doch einmal an”, erwiderte ich.
“Sie ist hübsch”, gestand Pedro ein.
Das meinte ich nicht. Madalena trug ein enges Kleid aus weissem Leinenstoff. Darunter zeichneten sich sehr deutlich Brüste ab, wie nur Frauen sie haben. “Ausserdem”, meinte ich, “hat sie so zierliche Füsse, wie ich sie bei keinem Mann je gesehen habe.”
“Der Engel braucht sie ja auch nicht”, gab Pedro zurück. “Er ist ja ständig in der Luft.”
So ging das hin und her. Währenddessen flog Madalena weiter und wir hätten sie fast aus den Augen verloren.
Pedro liebte Madalena, weil er das Fliegen liebte. Ihre Figur interessierte ihn nicht, vielmehr fesselten in ihre Flugtechniken und aerodynamischen Eigenschaften. Er schien fasziniert von der Tatsache, dass Madalena sich in der Luft halten konnte, ohne unablässig mit den Flügeln zu schlagen.
Ich liebte Madalena, weil der Name so gut zu ihr passte.

Madalena |
Markus A. Hediger am 28.07.2007
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Die pflastersteine edens. Der “Wendeltreppe” 8. Kapitel

An der Wendeltreppe wird weitergezimmert. Michael Perkampus und ich haben ordentlich vorgearbeitet, so dass wir die Leser während den nächsten zwei Monaten noch gut versorgen können, auch wenn wir in dieser Zeit keinen weiteren Nagel einschlagen sollten. Was aber sehr unwahrscheinlich ist. Wenn alles klappt, schreibe ich heute das 16. Kapitel mit dem Titel “Brotjob”.

(Selbst im schlimmsten Fall, dass die Umstände ein Weiterschreiben nicht erlauben sollten, ist bereits so viel Material zusammengekommen, dass wir Ende 2008 in Brasilien drei Romane aus dem Bestehenden entwickeln könnten.)

Das 8. Kapitel, “Die pflastersteine edens”, können Sie auf “in progress” herunterladen.
Und hier, wie immer, das Kompendium.

Die Wendeltreppe |
Markus A. Hediger am 28.07.2007
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Die letzten Tage (3). Der schweigende Himmelsbote.

Die Bewohner von Ushuaia versuchten, die Anwesenheit des Engels zu ignorieren. Es gefiel ihnen nicht, dass der Engel ausgerechnet diese ruhige Stadt am südlichen Ende der Welt für sein Erscheinen ausgewählt hatte. Man war abergläubisch in Ushuaia und die Allgegenwart des himmlischen Boten an ihrem Himmel machte die Leute nervös.
“Bote?” schimpften etwa die Fischer. “Dieser Engel schweigt, sagt nichts, schaut uns nur über die Schultern und in die Schlafzimmer, fliegt weiter und sagt gar nichts! Das kann ja nichts Gutes bedeuten!”
Auch der Priester störte sich daran. Engel erschienen dem Menschen in der Regel nur, wenn sie eine Botschaft vom Heiland zu überbringen hatten. Dieser Engel aber schwieg. Was bedeutete das? Dass der Allmächtige nichts mehr zu sagen hatte? Um Himmels willen.
Das Lokalfernsehen, dem einige Minuten hervorragender Aufnahmen vom Engel im sanften Flug gelungen waren, strahlte die Bilder nicht aus. Ebenso schwiegen sich die Radiostationen über das Thema aus. Die Nachricht hätte sich wie ein Lauffeuer um die Welt verbreitet und zahllose Touristen angelockt – aber die Angst wog schwerer als die Aussicht auf schnelles Geld. Ein schweigender Engel galt als schlechtes Omen. Es wurde gemutmasst, das Ende sei nahe. Die Beziehungen zwischen den USA und der Sowjetunion waren angespannt, seit letztere vor wenigen Monaten ein Handelsabkommen mit Kuba abgeschlossen und die USA daraufhin jegliche Geschäftemacherei mit Fidel verboten hatte.
Der Engel über Ushuaia, ein Todesengel? Allein dieser Verdacht machte seine Nähe unerträglich.
Einige versuchten, ihn mit Lärm, andere mit bösen Blicken zu vertreiben – vergeblich. Keiner getraute sich, Gewalt anzuwenden – mit einem Besen nach ihm zu schlagen etwa, oder gar mit einer Harpune aus dem Wahlfängermuseum auf ihn zu schiessen. Also versuchte man, ihn nicht weiter zu beachten. Aber es dauerte eine Weile, bis man nicht mehr erschrak, wenn man gerade zu Mittag ass und ein Engel lautlos am Fenster vorüberglitt.

Madalena |
Markus A. Hediger am 27.07.2007
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