Der Anruf
Es ist nicht immer gut, wenn man den Besuch einer eigenen Schöpfung beschwört und diese dann tatsächlich an die Tür klopft. Die Stippvisite Pedro Alfonso de Aguiars im Jahr 1999 war mir eine Lehre gewesen. Ich hatte um einen Besuch gebeten, weil ich mit seiner Geschichte (sie trug den Kinderbuchtitel “Der Pirat, der nur so tat") nicht weiterkam.
Da sass Pedro Alfonso de Aguiar, portugiesischer Seefahrer aus dem frühen 16. Jahrhundert, also in meinem IKEA-Sessel und sah ganz anders aus, als ich ihn mir vorgestellt hatte. Er sah gut aus.
Mit eindringlicher Stimme legte er mir die Gründe dar, weshalb er eine Geschichte mit Happy End verdient hätte. Die misslichen Folgen dieses Besuchs waren, dass ich nachgab und, anstatt ein kleines moralisches Lehrstück zu schreiben, einem feigen Jammerlappen zu Ruhm verhalf. Gerade überlege ich noch, ob ich Mandrake (der Plot steht aber ich habe keine Ahnung, wie ich den Held der Geschichte zu zeichnen habe) einladen und das Risiko eingehen soll, von meinen Plänen abgebracht zu werden, als das Telefon klingelt.
- Hallo?
- Senhor Hediger?
- Mandrake?
- Ich habe Beweise gegen Sie in der Hand.
Ich lache.
- Ich möchte Ihnen ein Geschäft vorschlagen.
Ich lache wieder.
- Ein Geschäft? Wozu denn? Ich habe Sie in der Hand. Buchstäblich!
Jetzt lache ich über meinen eigenen Witz.
- Wie Sie wünschen.
Mandrake legt auf.
Ich sitze noch eine Weile da, frage mich, wie Mandrake mir auf die Schliche hat kommen können. Doch dann, als ich mich daran erinnere, dass mein Name nicht Hediger sondern Doktor Bastos ist, beruhige ich mich wieder. Mandrake ist dem Falschen auf der Spur. Ich lache befreit in mich hinein.
Wie ich Astrid wiederfand
Unter Schachteln auf unserem Balkon, da flackerte sie. Meine Frau und ich hatten uns den Samstag freigehalten, um dort etwas Ordnung zu schaffen. Ich zerschnitt Kartons, packte sie in Abfalleimer, band alte Zeitungen zusammen, entsorgte alte Blumentöpfe. Erst tauchte ein ramponierter und sonnengebleichter Salontisch unter dem Müll auf. Als ich das Tischchen anhob, stand eine Petroleumlampe da, etwas verrostet, aber noch immer hübsch, ein bisschen nostalgisch. Ich hatte sie vor Jahren aus ausgemusterten Beständen des Schweizer Zivilschutzes (wo ich im Rang eines Leutnants diente, bis ich meinem Kommandanten die Meinung sagte und daraufhin klammheimlich aus dem Dienst entlassen wurde (eines Tages erhielt ich Post, worin ich aufgefordert wurde, bis dann und dann meine Uniform - am liebsten auf dem Postweg - vollständig und gewaschen zu retournieren)) für wenige Franken erstanden, weil sie mich an die Leuchten erinnerte, die wir in Brasilien verwendet hatten, als Elektrizität noch nicht überall zu haben war und von überhöhten Strompreisen niemand sprach.
Astrid, die Flamme, fand ich erst Monate später. Bei Freunden an einem Fest verliebte ich mich in diese feurige Frau (später erfuhr ich, dass sie verheiratet war, dass ihr Mann aber im Ausland arbeitete und die Tür ihrer Wohnung offen stand für gelegentlichen Männerbesuch). Wir verbrachten einige heftig schöne Abende und Nächte miteinander. Sehr heiss und leidenschaftlich war uns zumute. Ich liebte sie, sie liebte mich. Manchmal rief ihr Mann mitten in der Nacht an, und sprach auf den Anrufbeantworter, sie möge den verdammten Hörer abnehmen, hallo, ASTRID, verdammt, wo treibst du dich rum! Es waren die einzigen Momente, da es uns ein bisschen kalt wurde, nackt wie wir waren, und das schlechte Gewissen uns plagte. Astrid war eifersüchtig und ich musste acht geben, in ihrer Gegenwart nicht von verflossenen Lieben zu erzählen. Sie vertrat die Meinung, wer von einer Ex spräche, habe sie ganz offensichtlich noch nicht vergessen. Dann flog ich für zwei Wochen nach Amerika, und bat eine liebe Ex, meinen Katzen während dieser Zeit etwas Futter zu geben. Als ich zurückkam, fand ich einen Blumenstrauss in meiner Wohnung, übel zugerichtet, auf dem Boden verstreut die zerrissenen Überbleibsel einer Karte mit liebem Gruss. Wie sich später herausstellte, hatte Astrid mir eine Überraschung machen wollen und war dabei auf den unschuldig gemeinten Willkommensgruss meiner Ex gestossen. Astrid war nicht zu beruhigen. Sie stand in Flammen, so eifersüchtig war sie. Nicht einmal meine Uniform (die sie ganz wild machte), vermochte sie abzulenken. Da griff ich zur Petroleumlame. Irgendetwas sagte mir, dass sie dem Angebot nicht würde widerstehen können. Ich hob das Glas an, Astrid sprang an den kerosingetränkten Docht, ich senkte das Glas und stellte die Lampe auf den Balkon unter das besagte Tischlein, wo sie ein sehr angenehmes Hintergrundleuchten erzeugte.
Die Postkarten von San Benito. Malú. Die 12. Postkarte
Vater,
San Benito würde Dir gefallen. Um am Postkartengeschäft zu partizipieren, haben die hiesigen Stadtoberen sämtliche Fassaden postkartengerecht herrichten lassen. Genau so schaut es aus in San Benito, sagen jetzt die Postkarten. Touristen finden sich jetzt vor allem an den Kiosken, wo die Postkarten verkauft werden. Niemand muss mehr durch die Stadt laufen, um die Sehenswürdigkeiten zu sehen. Das spart Zeit und Geld. Neben dem Kiosk ist eine Wand, worauf einige Attraktionen gemalt sind. Vor der Wand steht die hübsche Malú. Für wenig Geld kann man sich mit ihr fotografieren lassen.
Doch ich schreibe Dir nicht wegen Malú, die Dir sicherlich ganz gut gefallen hätte, sondern weil ich hoffe, Du könnest mir sagen, wie es Mama geht.
(Trotz allem noch immer)
Dein Sohn