Die letzten Tage (5). Sub umbra alarum.

Ungetrübt war die Zeit meiner ersten Liebe nicht. Ich war 14 und steckte mitten in der Pubertät. Ich liebte Madalena abgöttisch, litt aber gleichzeitig wie alle 14-jährigen unter Minderwertigkeitskomplexen.
Wenn ich mit Pedro nicht hinter ihr herlief, lag ich im Bett auf meinem Zimmer und träumte wach von ihr. Ich fragte mich, ob Engel Schamhaare hatten wie normale Frauen und stellte mir Madalena ganz ohne vor. In Gedanken konnte ich mit ihr alles tun und sie tat in meinem Kopf bereitwillig mit. Just in diesem Augenblick flog Madalena an meinem Zimmer vorbei und nickte mir grüssend zu. Am liebsten wäre ich im Boden versunken. Es wurde mir schmerzhaft bewusst, dass ich nie den Mut finden würde, Madalena in mein Zimmer zu bitten.
Schlimmer aber als das Bewusstsein meiner eigenen Feigheit waren die verbalen Attacken meiner Schwester, der meine Schwäche für Madalena nicht entgangen war.
“Dummkopf”, stichelte meine Schwester, “hast dich in einen Engel verliebt und bist doch ein Mensch!”
Gott sei Dank eilte mir meine Mutter zu Hilfe, tröstete mich und verwies auf das Buch Genesis.
“Engel teilen das Bett seit Urzeiten mit unsereins, weshalb solltest ausgerechnet du es mit Madalena nicht auch tun dürfen?”
Meine brennendste Frage aber beantwortete Mama nicht. Weshalb, fragte ich mich, sollte Madalena es ausgerechnet mit mir tun wollen?
Und so begnügte ich mich damit, nur in Gedanken im Schatten ihrer Flügel zu liegen.

Madalena |
Markus A. Hediger am 29.07.2007
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Die Schleier von Neblina. Barbela. Die 15. Postkarte

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Liebe Franziska,

Ich weiss, dass Du Papa sehr liebst, auch wenn ich nie ganz verstanden habe, weshalb. Es hat mich nun in eine Ortschaft namens Neblina verschlagen, wo immer Nebel herrscht. Die Häuser sind auf hohen Stelzen errichtet, aber trotzdem müssen die Bewohner auf die Dächer steigen, wenn sie die Sonne sehen wollen. Ganz vernebelt ist mein Blick von Barbela, dem Mädchen, das aussieht, als trüge es immer einen Schleier. Es ist, als ginge ich auf Wolken. So leicht ist mir zumute, dass ich über Papa gar nicht reden mag.

Der Sohn
Deines Liebhabers

[Bild: Rittiner & Gomez]

El viaje |
Markus A. Hediger am 29.07.2007
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Die letzten Tage (4). Das Geschlecht der Engel

Ich taufte den Engel auf den Namen Madalena, weil Madalena ein so hübscher Name war und der Engel so schön.
Pedro und ich waren die einzigen, die sich nicht beirren liessen. Dass Madalena nicht viel sagte, störte uns nicht. Meist glitt sie nur wenige Meter über dem Boden durch die Strassen der Innenstadt. Nie schien sie ein festes Ziel zu haben. Sie flog, wohin der Wind sie trug. Manchmal, an windstillen Tagen, bewegte sie sich kaum durch die Luft. Oft beobachteten wir sie dabei, wie sie vor dem Fenster eines Schlafzimmers schwebte und manchmal neugierig, manchmal verträumt hineinschaute. Fegte ein Sturm durch die Strassen der Stadt, entschwand sie unseren Blicken. Einige Flügelschläge genügten und sie verschwand in den tieffliegenden Wolken. Pedro meinte, sie suche ruhigere Luftschichten in der Höhe auf, denn kaum war der Sturm abgeklungen, fanden wir sie in einer der vielen Gassen unserer Stadt wieder.
Nur einmal gerieten Pedro und ich einander wegen Madalena in die Haare. Das war, als mir der Name, auf den ich den Engel getauft hatte, in einem Moment der Unachtsamkeit entglitt.
“Wie kannst du einem Engel einen Frauennamen geben!” echauffierte sich Pedro. “Engel sind weder Frau noch Mann!”
“Schau dir Madalena doch einmal an”, erwiderte ich.
“Sie ist hübsch”, gestand Pedro ein.
Das meinte ich nicht. Madalena trug ein enges Kleid aus weissem Leinenstoff. Darunter zeichneten sich sehr deutlich Brüste ab, wie nur Frauen sie haben. “Ausserdem”, meinte ich, “hat sie so zierliche Füsse, wie ich sie bei keinem Mann je gesehen habe.”
“Der Engel braucht sie ja auch nicht”, gab Pedro zurück. “Er ist ja ständig in der Luft.”
So ging das hin und her. Währenddessen flog Madalena weiter und wir hätten sie fast aus den Augen verloren.
Pedro liebte Madalena, weil er das Fliegen liebte. Ihre Figur interessierte ihn nicht, vielmehr fesselten in ihre Flugtechniken und aerodynamischen Eigenschaften. Er schien fasziniert von der Tatsache, dass Madalena sich in der Luft halten konnte, ohne unablässig mit den Flügeln zu schlagen.
Ich liebte Madalena, weil der Name so gut zu ihr passte.

Madalena |
Markus A. Hediger am 28.07.2007
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