Wie Mandrake in die Schachtel kam.

Anfangs machte Mandrake die ungewohnte Körperlage Mühe. Keine Viertelstunde war seit seiner Verräumung vergangen, da machte sich sein gekrümmter, zum Zerreissen gespannter Rücken mit heftigen Schmerzen bemerkbar. Mandrake versuchte sich zu strecken, aber da war nichts zu machen. Die Schachtel war eng. Seine jüngste, unrühmliche Vergangenheit nahm ihm auch den letzten Platz, den es hier drin noch gegeben hätte. Das zerknüllte Papier seiner verunglückten Memoiren stopfte kompakt jeden Freiraum aus.
Mandrake gab sich keinen Illusionen hin. So gründlich hatte er in seiner letzten Mission versagt, dass für Zweifel an der Dauerhaftigkeit seines jetzigen Zustands schlicht kein Platz war. Auch dafür nicht. Er hatte es sich so gründlich mit allen verdorben, einschliesslich seines Chronisten, der seine Arbeit immer aufmerksam verfolgt und – manchmal, das sei zugegeben, etwas schönfärberisch - aufgezeichnet hatte, dass eine Reaktion hatte kommen müssen.
Mandrake hatte sie erwartet, geradezu provoziert, weil er der aufgetakelten Witwen vermögender Unternehmer, der aufgeblasenen, arroganten Sprösslinge jungreicher Familien, der Art und Weise, wie diese mit Menschen aus bescheideneren Verhältnissen umgingen, so müde war, dass er ihnen nicht länger als Anwalt zu Diensten sein mochte. Für Geld konnte man sich alles kaufen? Nun denn, Mandrake hatte sie eines Besseren belehrt, hatte sich kaufen lassen und dafür die sich so sicher wähnende Geldnobilität Rio de Janeiros tüchtig aufgemischt. Die Reaktion erfolgte denn auch tatsächlich prompt, aber – immer dieses “aber”, das, wann immer es in einer Geschichte auftaucht, eine bedrohliche Wendung im weiteren Verlauf der Ereignisse verspricht… – es kam dann doch nicht so, dass er eines Morgens dank einer geschickt durch seinen Kopf geschickten Kugel nicht mehr erwachte oder auf offener Strasse am helllichten Tag von obskuren Gestalten in einen Wagen mit abgedunkelten Scheiben gestossen, ausserhalb der Stadt verfrachtet und auf einem verlassenen Acker ohne Federlesens exekutiert wurde, sondern so. Die schlimmste aller Möglichkeiten: ausrangiert, im Keller verstaut, nicht weggeworfen.
Es gibt Menschen, die hängen an nutzlosen Dingen.

Mandrake |
Markus A. Hediger am 24.07.2007
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Mandrake wird verschachtelt

Mandrakes besten Jahre sind vorbei. Seit langem. Er selbst ist nur noch Geschichte, verblassende Erinnerung. Seine Karriere nahm vor langer Zeit ein abruptes Ende, als das Schild mit seinem Namen von der Tür seiner Anwaltskanzlei geschraubt wurde und er den Befehl erhielt, sich auf den Boden zu legen, die Augen zu schliessen und sich ganz locker zu machen. Dann ging alles sehr schnell. Er spürte, wie er ohne jede Sentimentalität zusammengefaltet wurde, der Oberkörper auf die Schenkel, der Kopf zwischen die Knie, die Arme an den Rumpf, dann die Beine angewinkelt, als sollte er in die Hocke. Schliesslich griff jemand von hinten um seinen Körper, packte ihn – Mandrakes Rücken an seinen Bauch gepresst – an den Schienbeinen und hob ihn an. Nur kurz, dann wurde er herabgesenkt. Am Scheitel, an den Fusssohlen (man hatte ihn, bevor er sich hinzulegen hatte, gebeten, die Schuhe auszuziehen) und an den Armen, spürte er einen Widerstand wie von Karton, der auf Druck etwas nachgab. Bleib so, hiess man ihn, es war plötzlich eng geworden und Mandrake konnte sich eh nicht bewegen. Er hörte, wie Papier zerknüllt und in die wenigen Leerräume gestopft wurde, die zwischen Rumpf und Gliedern noch vorhanden waren. Es musste sich beim Papier um das Manuskript seines letzten, völlig missratenen Falles handeln, denn etwas anderes wäre in seinem Anwaltsbüro nicht zu finden gewesen, ausser vielleicht den alten, liebevoll gerahmten Zeitungsauschnitten an der Wand hinter seinem Schreibtisch, die von Mandrakes Erfolgen aus besseren Zeiten erzählten.
Deckel geschlossen und verklebt, steht die Schachtel jetzt im Keller zwischen anderen Schachteln voller Dinge, von denen keiner genau sagen kann, weshalb sie nicht längst entsorgt worden sind. 

Mandrake |
Markus A. Hediger am 23.07.2007
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Die Nacht, die das Ende brachte.

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[Bildquelle: Alma carioca]

Blick aus dem Fenster am Morgen danach.
“Mandrake spielt Schach” ist fertig geschrieben. Obwohl recht konventionell erzählt, enthält die Erzählung einige Elemente, die ihr Gelingen unsicher scheinen lassen.
Mandrake erzählt sie. Der Ich-Erzähler widersteht jedoch nicht der Versuchung, sich gelegentlich mit ihm zu identifizieren. Darin versuche ich, eine Serie mysteriöser Mordfälle zu lösen, die sich für eine Detektivgeschichte nicht eignen. Sie entziehen sich jeder Regel, die eine gute Erzählung dieses Genres ausmachen. Das wird so sogar explizit zur Sprache gebracht, doch Mandrake akzeptiert diesen Einwand nicht. Er ist Detektiv. Was soll er anderes tun, als weiter zu ermitteln und so auf das Unvermeidliche zuzusteuern?
Ich habe eine unruhige, schlechte Nacht hinter mir. Zur für mich sehr unüblichen Zeit von 1 Uhr morgens ging ich zu Bett, kurz nach fünf war ich wieder auf. Als ich auf den Balkon hinaustrat, erwartete ich Schnee auf den Dächern zu sehen. Ich irrte. Es regnete. Jetzt scheint die Sonne.

Mandrake |
Markus A. Hediger am 22.07.2007
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