Er und sie
05.11 - 05.29
Er war da, sie war da. Sie sass bereits, er suchte sich noch einen Tisch. Sie sah ihn, er sah sie. Er fragte, ob. Sie meinte, lieber nicht. Er setzte sich, sie ärgerte sich. Sie trank aus, zahlte, ging. Er ging ihr hinterher. Er fragte, wollen wir nicht. Sie meinte, lieber nicht. Er gab nicht auf.
Er war da, sie war da. Er sass bereits, sie suchte ihn noch. Ihre Blicke kreuzten sich, sie lachte erleichtert. Er lachte wenig später auch, beide hatten ihren Spass. Sie bestellte ein Dessert, er lehnte dankend ab. Er kam mit zu ihr. Sie gab sich hin. Er kam. Sie schlief ein, er wollte mehr. Sie erwachte, er war schon wach. Sie bereute, sie warf ihn hinaus, sie wollte ihn nie wieder sehen.
Er rief an, er verfolgte sie, er fand sich nicht ab, er schrieb ihr, er schickte Blumen. Sie verklagte ihn, änderte ihren Namen, zog in eine andere Stadt.
Er kam nie über sie hinweg.
Sie heiratete, änderte ihren Namen, hatte Kinder, hatte Kummer, hatte genug. Sie verzichtete auf Perücke, Schminke, Lachen. Sie liess sich scheiden, änderte ihren Namen, dachte gelegentlich an ihn. Sie wusste es aber besser.
Er suchte sie. Er schlief in Hotels, arbeitete unter freiem Himmel, träumte von ihr. Er ass in Restaurants.
Sie sass bereits, er suchte sich noch einen Tisch. Sie sah ihn, er sah sie. Er erkannte sie nicht. Sie erkannte ihn. Sie fragte, ob. Er meinte, lieber nicht.
1/n. An Perkampus
Lieber Michael,
Hier also >>> der erste Text, den ich in unsere kleine Runde werfe.
Gespannt, was Du daraus machst.
Grüsse von W. nach W.
Markus A.
8. Juni 2007. Abschied (1)
Ich habe mir vorgenommen, in der Zeit, die mir in der Schweiz noch bleibt, nach und nach all die Plätze - vor allem in Winterthur und Umgebung -, die mir während den letzten siebzehn Jahren bedeutend wurden, nochmals aufzusuchen und mich von ihnen zu verabschieden. Eine Loslösung in Raten, sozusagen, nichts Heftiges.
Heute lief ich mit meinem Hund an der Töss entlang in den Wald hinein, der gleich hinter den Eisenbahnschienen beginnt, zurück an jene Stelle, an der ich vor einem Jahr im Unterholz nahe am Waldweg eine Manesse-Ausgabe von Rudyard Kiplings Meistererzählungen aus dem Jahre 1996 fand. Es war früher Frühling, noch sprossen Bäume und Büsche nicht. Mein Hund, neugierig wie immer, kam vom Weg ab, scharrte etwas im wintermorschen Laub herum und förderte besagtes Buch zu Tage. Zu gebrauchen, geschweige denn zu lesen, war es nicht mehr. Seine Seiten waren zu einer einzigen Masse verklebt. Nur dank des hervorragend verarbeitenden Einbands liess sich der Titel gesäubert entziffern. Ich habe mir das Buch neu beschafft. Es ist mir lieb geworden.
Wie wirft man ein solches Buch einfach weg?
Heute hatte ich auf meinem Spaziergang Italo Calvinos “Der Baron auf den Bäumen” dabei. Immer wieder habe ich dieses Buch während meinen Schweizer Jahren gelesen und noch immer kann ich es nicht auswendig dahersagen. Wenn ich es wiederlese, erlaubt es mir nicht, auf seine Worte zu achten. Es hebt mich von der Erde in die Bäume. Von dort oben schauen Worte aus wie Viola und wie Cosimos Liebschaften sonst noch alle hiessen. Einmal versuchte ich, dieses von mir zerlesene Buch einer guten Freundin zu schenken. Sie schlug es auf, hob es an ihre Nase, roch daran, schlug es zu, und gab es mir zurück mit den Worten: “Es riecht zu sehr nach dir.”
Lange habe ich auf meinem heutigen Spaziergang nach einer Stelle gesucht, an der ich den “Baron” unbeabsichtigt in die Büsche werfen konnte. Viele Hunde benutzen diesen Waldweg und so stehen die Chancen gut, dass eine feine Spürnase meinem Duft erliegt.