Das Ineinandergreifen von Wirklichkeiten bei Borges

am Beispiel von “Pierre Menard, Autor des Quijote”.

(Ergänzung zu meinem Gastbeitrag auf Benjamins Steins Turmsegler.)

Schon als Kind las ich gerne. Ich kann mich noch sehr gut daran erinnern, wie ich das erste Mal die kleine Schulbibliothek des Internats in Belém betrat und sie stolz mit meinem ersten, selbstausgeliehenen Buch wieder verliess. Wie ich es langsam verschlang (ich las nicht besonders schnell) und ungeduldig auf den Samstagmorgen wartete (sie öffnete nur einmal in der Woche, wir waren insgesamt kaum zwanzig Kinder, die sie nutzten). Die Bücher waren in Alterskategorien unterteilt. Dadurch gewann das eigene Alter, der nächste Geburtstag eine immense Bedeutung: Sehnsüchtig blickte ich auf die Buchrücken, hinter denen ein sich mir noch verwehrter Inhalt verbarg. Ich las gerne. Die Bücher entführten mich in fremde Welten, zeigten mir unbekannte Wirklichkeiten, ermöglichten mir zum Beispiel die Freundschaft mit Tom Sawyer und lehrten mich Furcht vor dem Mississippi. Schloss ich das Buch, stellte ich fest, dass meine eigene Welt bunter, reicher geworden war. Ich blickte auf den gewaltigen Strom des Amazonas mit anderen Augen. Ich sah in ihm den Mississippi, den Mississippi stellte ich mir in etwa vor wie den Amazonas.

Das Verhältnis zwischen Fiktion und Wahrnehmung der Welt, die Frage danach, wie das eine das andere beeinflusst, hat mich immer fasziniert. Anhand von Borges’ “Pierre Menard, Autor des Quijote” möchte ich die Prozesse und Verquickungen zwischen Fiktion und dem, was wir als real empfinden, kurz skizzieren.

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[Abb.1]

Machen wir uns daran, ein Buch zu lesen, sind wir in der Regel darauf gefasst, in eine fremde Welt entführt zu werden. Wir wissen, dass wir jederzeit in “unsere” Welt zurückkehren können, indem wir das Buch zuklappen. Meine Welt (WL - die Welt des Lesers) ist eine andere als die Welt des Textes (WT). Ein mehr oder weniger stabiler Einband trennt die beiden Welten sauber voneinander. Der Buchrücken schützt meine Welt. Mit diesem Wissen bewehrt, glaube ich mich ungefährdet zwischen die Buchdeckel begeben zu können. Leider ist es nicht so einfach.
Wenn ich in die Welt eines Textes eintrete, begleitet mich meine Welt (WL) auf Schritt und Tritt. Wenn im Text von einem Tisch die Rede ist, muss er mir nicht erklären, was das ist. Ich greife auf meinen reichen Erfahrungsschatz, den ich in WL angesammelt habe, und ergänze daraus die benötigten Informationen.
Doch ich greife vor.

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[Abb.2]

Bevor ich mit der Lektüre von Borges’ Erzählung “Pierre Menard, Autor des Quijote” beginne, bevor ich also die Welt des Textes überhaupt betreten habe, geht mein Blick hinüber zum Büchergestell und fährt über die Buchrücken. An einem besonders dicken Buch bleibt er hängen: Es ist Miguel de Cervantes’ “Don Quijote”. Aus meiner Schulzeit weiss ich, dass es einen spanischen Autor gegeben hat, der Miguel de Cervantes geheissen und den weltberühmten “Don Quijote” verfasst hat. Dieses Wissen gehört zu meiner Welt (WL) und mir fiele es nicht im Traum ein, daran zu zweifeln, dass Miguel de Cervantes (MWL(1)) existiert und den “Don Quijote” (MWL(2)) geschrieben hat. Diese zwei Attribute oder Merkmale meiner Welt (WL)sind miteinander verknüpft und voneinander abhängig. Entferne ich zum Beispiel MWL(1) aus WL (sollten wissenschaftliche Untersuchungen zum Beispiel ergeben, dass MWL(1) eine Erfindung des 20. Jahrhunderts ist), hat dies weitreichende Folgen für mein Verständnis von MWL(2). Oder sollte sich herausstellen, dass MWL(2) nicht aus der Feder von MWL(1) stammt, sondern das Produkt eines gewaltigen Komplotts darstellt, die Geschichte der Weltliteratur zu verfälschen, muss ich meine Meinung bezüglich MWL(1) gründlich revidieren.
Und noch etwas zeichnet Cervantes (MWL(1)) und seinen Quijote (MWL(2)) aus: Sie sind, anders als ein Tisch, der tausendfach in verschiedensten Formen in meiner Welt (WL) vorkommen kann, Einzelexemplare, kommen nur einmal vor. Ich meiner Welt haben ein Tisch aus dem 17. Jahrhundert und ein anderer aus dem 21. problemlos Platz. Die Information, Cervantes sei um 1970 gestorben ist hingegen inakzeptabel.

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[Abb.3]

Borges’ Erzählung hinterfragt diese Fakten nicht. Cervantes’ (MWL(1)) Autorschaft des “Quijote” (MWL(2)) wird nicht hinterfragt. Aber in der Welt des Textes (WT) taucht nun ein Autor (MWT(1)) auf, der sich an das ungeheure Unternehmen macht, den bestehenden “Quijote” (MWL(2)) neu zu schreiben.

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[Abb.4]

Pierre Menard will jedoch nicht eine neue, aktualisierte, modernere Version des “Quijote” (MWL(2)) verfassen. Sein Ziel ist es, über eine ausgeklügelte Methode dasselbe Produkt hervorzubringen - ohne das Original einfach zu kopieren, auch nicht durch den Versuch, Cervantes (MWL(1)) zu werden. Pierre Menard (MWT(1)) bringt dieses Kunststück zumindest in Teilen fertig. Sehr feinfühlig beschreibt Borges, worin der “Quijote” (MWL(2)) von Cervantes sich von Pierre Menards Werk (MWT(2)) unterscheidet, obwohl beide an der Textoberfläche identisch sind. Der Leser lernt, den “Quijote” (MWL(2)) von Cervantes (MWL(1)) so zu lesen, als sei er von Pierre Menard (MWT(2)) geschrieben worden. MWL(2) wird zu (MWT(2)).

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[Abb.5]

Ich schlage das Buch zu. Mein Blick geht zum Büchergestell, fährt über die zahlreichen Buchrücken. An einem besonders dicken Buch bleibt er hängen. Und da steht er, der “Quijote” (MWT(2))von Pierre Menard (MWT(1))…

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[Abb.6]

Natürlich “weiss” ich, dass in meiner Welt (WL) der “Quijote” von Cervantes geschrieben wurde. Aber der “Quijote” hat sich durch die Lektüre von Borges’ Erzählung verändert. Von nun an wird jedes Mal, wenn ich den “Quijote” aus dem Gestell nehme und ihn aufschlage, mein Blick immer wieder auch auf den Namen des Autors gehen, um mich davon zu vergewissern, wer dieses Buch geschrieben hat. Und immer werde ich mir bei der Lektüre überlegen, wie die entsprechende Passage aus der Feder Pierre Menards zu verstehen ist. Ich bin durch die Lektüre von meiner Welt (WL) in eine andere Welt (WT) eingetreten. Dort habe ich etwas (MWL(2)) aus meiner Welt wiedergefunden, habe zugesehen, wie es einer Veränderung unterzogen wurde, und habe es (MWT(2)) nach der Lektüre in meine Welt mit zurückgebracht. Es sind zwei “Quijotes”, die jetzt in meinem Büchergestell stehen.
Meine Welt ist reicher geworden.

Im Gespräch |
Markus A. Hediger am 25.05.2007
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Sommerfrische in Zarumilla. Flora. Die 7. Postkarte

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Ich konnte nicht, Mama,

länger auf Deinen Brief warten. Die Lage spitzte sich zu sehr zu in Eldorado. Lunas Eltern beaufsichtigten jedes unserer Treffen. Worauf das hinausläuft, weiss man ja. Ich nahm den Nachtbus nach Zarumilla, das in einer Meeresbucht liegt. Hier versammeln sich im Sommer die Inseln des Pazifiks und suchen Schutz vor der Hitze. Es ist Winter und im Wasser liegt nur eine Insel, die letztes Jahr aus purem Leichtsinn auf Grund gelaufen ist. Mit Flora sitze ich am Strand. Vor uns im Meer versucht die Insel vergeblich, sich freizustrampeln. Flora erzählt von ihrem Geliebten, der einmal im Jahr auf seiner Insel zur Sommerfrische vorbeikommt. Voller Sehnsucht ist sie nach ihm

und ich nach Dir.
Dein Sohn

[Bild: Rittiner & Gomez]

El viaje |
Markus A. Hediger am 25.05.2007
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Mister Woo’s: Statistiken (2)

Vor mir liegt der Obduktionsbericht, verfasst von der zuständigen russischen Behörde (Chang starb in der Nähe einer russischen Forschungsstation im Polareis). Dem Bericht sind Fotos beigefügt, die Fundort und Leiche zeigen. Ich habe es noch nicht übers Herz gebracht, mir die Fotos anzusehen. Immer wieder versuche ich mir einzureden, dass die Fotos nicht meinen Bruder zeigen. Die Leiche ist nur vereiste Hülle. Doch was sah ich von ihm, als er noch lebte? Eine Hülle, die sich bewegte und die mit mir auf Krötenjagd ging. Dem Obduktionsbericht beigelegt sind Changs Reisepass und Portemonnaie. In letzterem finde ich nebst einem Bild, das Chang und mich mit einem Ochsenfrosch auf den Armen vor der Golden Gate Bridge in San Francisco zeigt, ein zusammengefaltetes Blatt. Darauf sind in der eleganten Handschrift meines Bruders die Städte Sydney, Seattle, São Paulo und Singapur vermerkt. In dieser Reihenfolge. Daneben die Zahlen 426, 265, 1389 und 557. Dass wir in São Paulo mehr Kröten fingen als anderswo, lag nicht etwa an einer höheren Tierdichte, sondern an der ungewöhnlichen Länge jener brasilianischen Nacht. 
Der Obduktionsbericht ist in Russisch abgefasst.
Charles, ein Übersetzer der britischen Botschaft, sitzt an meinem Schreibtisch und blättert darin.
„Changs Tod kam nicht unerwartet“, sagt er jetzt. „Auch in Russland ereignen sich 99% der Todesfälle im Freien.“
„Was ist mit dem letzten Prozent?“ frage ich.
„Im Gegensatz zu uns haben die russischen Statistiker die Hoffnung noch nicht aufgegeben.“
Er blättert weiter, ein Foto fällt zu Boden. Er hebt es auf und sein Blick bleibt daran hängen. Während er es neugierig betrachtet, fragt er: „Wie willst du jetzt vorgehen?“
„Zunächst benötige ich eine komplette und genaue Übersetzung des Obduktionsberichts.“
„In wenigen Tagen hast du sie.“ Charles nimmt ein anderes Foto zur Hand, dann noch eins.
„Dann gilt es in einem ersten Schritt, Indizien zu sammeln, die für die offizielle Version sprechen“, antworte ich.
„Erhoffe dir nicht zuviel von diesem Bericht“, warnt Charles. „Die Lage scheint mir ziemlich klar zu sein. Chang hielt sich im Freien auf. Ausserdem ist es im näheren Umkreis des Nordpols – soweit mir bekannt ist – eisig kalt.“
„Das wird mir meine Arbeit erleichtern“, sage ich mit einem traurigen Lächeln.
Charles will gerade die Fotos zurück in den Umschlag geben, als er stutzt und nochmals genauer hinschaut.
„Du solltest dir dieses Foto ansehen“, meint Charles nachdenklich.
„Wozu?“ frage ich voller Widerwillen.
„Die Zahnbürste, die man in Changs Mund fand – sie gehörte Salome.“

[Mister Woo’s “The Art of Dying in a Room"]

Mister Woo |
Markus A. Hediger am 24.05.2007
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