Mister Woo’s: Trekkingsitten (3)

Tage des Wartens auf Charles Übersetzung des russischen Obduktionsberichts: Ich liege im Bett, höre, wie Grossmutter im Schlafzimmer nebenan eine Kommode verschiebt. Sie ist alt, aber für ihr Alter noch recht robust und gut auf den Beinen. Von draussen poltert Vater gegen die Tür und verlangt Einlass.
Damit endlich etwas Ruhe im Haus einkehrt und Vater wenigstens vorübergehend von seinen Bestrebungen ablässt, Grossmutter aus dem Haus zu werfen, bitte ich ihn, mir einige Bücher, die ich für meine Arbeit benötige, aus der Stadtbibliothek zu beschaffen. „Deine Grossmutter verbarrikadiert sich in ihrem Zimmer“, brummt er, als er mit den angeforderten Büchern und Zeitschriften zurückkehrt. „Wieso lässt du sie nicht in Ruhe?“ frage ich. „Ist dir ein Todesfall in der Familie nicht genug?“ Doch so leicht ist mein Vater von seinem Vorhaben nicht abzubringen: „Hat diese Frau denn ihr Leben noch nicht satt?“ fragt er so laut, dass es Grossmutter hören muss. Ich erwarte eine Schimpftirade von nebenan, doch es bleibt ruhig, was selbst meinen Vater überrascht. „Dieses Teufelsweib führt etwas im Schild“, schnauft er und stürmt aus dem Zimmer.
Wo soll ich beginnen? Chang ist tot. Chang war nicht allein zum Nordpol unterwegs.
In „Dirty Boots“, einer amerikanischen Zeitschrift für Abenteuertouristen, lese ich, dass die Mitglieder einer Trekkinggruppe ihre Habseligkeiten mit dem eigenen Namen anzuschreiben pflegen. Das gegenseitige Misstrauen ist gross und nirgends wird so viel geklaut. Stress und Hunger strapazieren das Kollegialitätsprinzip und die grosse Distanz zur nächsten Ordnungskraft stellt Integrität und Rechtschaffenheit des Einzelnen auf eine harte Probe. Nach einer kalten, durchfrorenen Nacht im improvisierten Camp wird beim Zusammenpacken eine Zahnbürste leicht übersehen und liegengelassen. Ersatz findet sich in Salomes Rucksack.
Chang, die ehrliche Haut, ein Dieb?

[Mister Woo’s “The Art of Dying in a Room"]

Mister Woo |
Markus A. Hediger am 26.05.2007
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Das Ineinandergreifen von Wirklichkeiten bei Borges

am Beispiel von “Pierre Menard, Autor des Quijote”.

(Ergänzung zu meinem Gastbeitrag auf Benjamins Steins Turmsegler.)

Schon als Kind las ich gerne. Ich kann mich noch sehr gut daran erinnern, wie ich das erste Mal die kleine Schulbibliothek des Internats in Belém betrat und sie stolz mit meinem ersten, selbstausgeliehenen Buch wieder verliess. Wie ich es langsam verschlang (ich las nicht besonders schnell) und ungeduldig auf den Samstagmorgen wartete (sie öffnete nur einmal in der Woche, wir waren insgesamt kaum zwanzig Kinder, die sie nutzten). Die Bücher waren in Alterskategorien unterteilt. Dadurch gewann das eigene Alter, der nächste Geburtstag eine immense Bedeutung: Sehnsüchtig blickte ich auf die Buchrücken, hinter denen ein sich mir noch verwehrter Inhalt verbarg. Ich las gerne. Die Bücher entführten mich in fremde Welten, zeigten mir unbekannte Wirklichkeiten, ermöglichten mir zum Beispiel die Freundschaft mit Tom Sawyer und lehrten mich Furcht vor dem Mississippi. Schloss ich das Buch, stellte ich fest, dass meine eigene Welt bunter, reicher geworden war. Ich blickte auf den gewaltigen Strom des Amazonas mit anderen Augen. Ich sah in ihm den Mississippi, den Mississippi stellte ich mir in etwa vor wie den Amazonas.

Das Verhältnis zwischen Fiktion und Wahrnehmung der Welt, die Frage danach, wie das eine das andere beeinflusst, hat mich immer fasziniert. Anhand von Borges’ “Pierre Menard, Autor des Quijote” möchte ich die Prozesse und Verquickungen zwischen Fiktion und dem, was wir als real empfinden, kurz skizzieren.

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[Abb.1]

Machen wir uns daran, ein Buch zu lesen, sind wir in der Regel darauf gefasst, in eine fremde Welt entführt zu werden. Wir wissen, dass wir jederzeit in “unsere” Welt zurückkehren können, indem wir das Buch zuklappen. Meine Welt (WL - die Welt des Lesers) ist eine andere als die Welt des Textes (WT). Ein mehr oder weniger stabiler Einband trennt die beiden Welten sauber voneinander. Der Buchrücken schützt meine Welt. Mit diesem Wissen bewehrt, glaube ich mich ungefährdet zwischen die Buchdeckel begeben zu können. Leider ist es nicht so einfach.
Wenn ich in die Welt eines Textes eintrete, begleitet mich meine Welt (WL) auf Schritt und Tritt. Wenn im Text von einem Tisch die Rede ist, muss er mir nicht erklären, was das ist. Ich greife auf meinen reichen Erfahrungsschatz, den ich in WL angesammelt habe, und ergänze daraus die benötigten Informationen.
Doch ich greife vor.

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[Abb.2]

Bevor ich mit der Lektüre von Borges’ Erzählung “Pierre Menard, Autor des Quijote” beginne, bevor ich also die Welt des Textes überhaupt betreten habe, geht mein Blick hinüber zum Büchergestell und fährt über die Buchrücken. An einem besonders dicken Buch bleibt er hängen: Es ist Miguel de Cervantes’ “Don Quijote”. Aus meiner Schulzeit weiss ich, dass es einen spanischen Autor gegeben hat, der Miguel de Cervantes geheissen und den weltberühmten “Don Quijote” verfasst hat. Dieses Wissen gehört zu meiner Welt (WL) und mir fiele es nicht im Traum ein, daran zu zweifeln, dass Miguel de Cervantes (MWL(1)) existiert und den “Don Quijote” (MWL(2)) geschrieben hat. Diese zwei Attribute oder Merkmale meiner Welt (WL)sind miteinander verknüpft und voneinander abhängig. Entferne ich zum Beispiel MWL(1) aus WL (sollten wissenschaftliche Untersuchungen zum Beispiel ergeben, dass MWL(1) eine Erfindung des 20. Jahrhunderts ist), hat dies weitreichende Folgen für mein Verständnis von MWL(2). Oder sollte sich herausstellen, dass MWL(2) nicht aus der Feder von MWL(1) stammt, sondern das Produkt eines gewaltigen Komplotts darstellt, die Geschichte der Weltliteratur zu verfälschen, muss ich meine Meinung bezüglich MWL(1) gründlich revidieren.
Und noch etwas zeichnet Cervantes (MWL(1)) und seinen Quijote (MWL(2)) aus: Sie sind, anders als ein Tisch, der tausendfach in verschiedensten Formen in meiner Welt (WL) vorkommen kann, Einzelexemplare, kommen nur einmal vor. Ich meiner Welt haben ein Tisch aus dem 17. Jahrhundert und ein anderer aus dem 21. problemlos Platz. Die Information, Cervantes sei um 1970 gestorben ist hingegen inakzeptabel.

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[Abb.3]

Borges’ Erzählung hinterfragt diese Fakten nicht. Cervantes’ (MWL(1)) Autorschaft des “Quijote” (MWL(2)) wird nicht hinterfragt. Aber in der Welt des Textes (WT) taucht nun ein Autor (MWT(1)) auf, der sich an das ungeheure Unternehmen macht, den bestehenden “Quijote” (MWL(2)) neu zu schreiben.

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[Abb.4]

Pierre Menard will jedoch nicht eine neue, aktualisierte, modernere Version des “Quijote” (MWL(2)) verfassen. Sein Ziel ist es, über eine ausgeklügelte Methode dasselbe Produkt hervorzubringen - ohne das Original einfach zu kopieren, auch nicht durch den Versuch, Cervantes (MWL(1)) zu werden. Pierre Menard (MWT(1)) bringt dieses Kunststück zumindest in Teilen fertig. Sehr feinfühlig beschreibt Borges, worin der “Quijote” (MWL(2)) von Cervantes sich von Pierre Menards Werk (MWT(2)) unterscheidet, obwohl beide an der Textoberfläche identisch sind. Der Leser lernt, den “Quijote” (MWL(2)) von Cervantes (MWL(1)) so zu lesen, als sei er von Pierre Menard (MWT(2)) geschrieben worden. MWL(2) wird zu (MWT(2)).

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[Abb.5]

Ich schlage das Buch zu. Mein Blick geht zum Büchergestell, fährt über die zahlreichen Buchrücken. An einem besonders dicken Buch bleibt er hängen. Und da steht er, der “Quijote” (MWT(2))von Pierre Menard (MWT(1))…

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[Abb.6]

Natürlich “weiss” ich, dass in meiner Welt (WL) der “Quijote” von Cervantes geschrieben wurde. Aber der “Quijote” hat sich durch die Lektüre von Borges’ Erzählung verändert. Von nun an wird jedes Mal, wenn ich den “Quijote” aus dem Gestell nehme und ihn aufschlage, mein Blick immer wieder auch auf den Namen des Autors gehen, um mich davon zu vergewissern, wer dieses Buch geschrieben hat. Und immer werde ich mir bei der Lektüre überlegen, wie die entsprechende Passage aus der Feder Pierre Menards zu verstehen ist. Ich bin durch die Lektüre von meiner Welt (WL) in eine andere Welt (WT) eingetreten. Dort habe ich etwas (MWL(2)) aus meiner Welt wiedergefunden, habe zugesehen, wie es einer Veränderung unterzogen wurde, und habe es (MWT(2)) nach der Lektüre in meine Welt mit zurückgebracht. Es sind zwei “Quijotes”, die jetzt in meinem Büchergestell stehen.
Meine Welt ist reicher geworden.

Im Gespräch |
Markus A. Hediger am 25.05.2007
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Sommerfrische in Zarumilla. Flora. Die 7. Postkarte

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Ich konnte nicht, Mama,

länger auf Deinen Brief warten. Die Lage spitzte sich zu sehr zu in Eldorado. Lunas Eltern beaufsichtigten jedes unserer Treffen. Worauf das hinausläuft, weiss man ja. Ich nahm den Nachtbus nach Zarumilla, das in einer Meeresbucht liegt. Hier versammeln sich im Sommer die Inseln des Pazifiks und suchen Schutz vor der Hitze. Es ist Winter und im Wasser liegt nur eine Insel, die letztes Jahr aus purem Leichtsinn auf Grund gelaufen ist. Mit Flora sitze ich am Strand. Vor uns im Meer versucht die Insel vergeblich, sich freizustrampeln. Flora erzählt von ihrem Geliebten, der einmal im Jahr auf seiner Insel zur Sommerfrische vorbeikommt. Voller Sehnsucht ist sie nach ihm

und ich nach Dir.
Dein Sohn

[Bild: Rittiner & Gomez]

El viaje |
Markus A. Hediger am 25.05.2007
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