Er kann nicht aufstehen.

Die Sporthalle war bereits am Nachmittag zum Brechen voll, obwohl der Kampf erst am Abend beginnen würde. Links vom Eingang nahm das Nachbardorf Platz, rechts liessen sich die Einheimischen auf den Sitzen nieder. In der Mitte der Halle, etwas erhöht, stand der Boxring. Beschimpfungen flogen von links nach rechts, Flüche wurden mit wüsten Schmähungen quittiert. Endlich betrat Bob Storm unter lautem Jubel die Arena, überwand beschwingt die Seile und liess sich in der linken Ecke nieder. Die Rechte wartete nun auf den Einzug von Twister Jack. Er kam nicht. Als der Kampfrichter Bob Storms Forfaitsieg ausrufen wollte, schüttelte dieser energisch den Kopf und meinte, er habe noch nie gegen einen Feigling gekämpft.
Sheriff Luke fuhr zu Jack nach Hause. Sandy, Jacks Frau, öffnete ihm die Tür. Jack sass auf der Couch im Wohnzimmer, schweissüberströmt und erschöpft. Er trug Boxershorts und seine Hände waren bandagiert. “Er hat den ganzen Abend lang gekämpft”, sagte Sandy. “Armer Kerl”, meinte Luke. Der Fernseher lief. Ein letztes Mal versuchte Jack aufzustehen. Er stützte sich mit beiden Armen auf, doch seine Beine wollten ihn nicht mehr tragen. “Bereiten Sie dem ein Ende, Sheriff”, bat Sandy leise. Luke begann, ihn auszuzählen.

Verlorene Schnipsel |
Markus A. Hediger am 31.05.2007
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Es regnet in Miraflores. Liebe Tante. Die 8. Postkarte

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Liebe Tante,

Ich wende mich an Dich mit der Bitte, mich wissen zu lassen, was Mutter daran hindert, mir zu schreiben. Sie antwortet nicht auf meine Briefe. Ich mache mir Sorgen und befinde mich zur Zeit in Miraflores. Eine verregnete Stadt ist dies und feucht. Tritt man vor die Tür, steht man bis zu den Knöcheln im Wasser und ruiniert sich die Schuhe. Ausserdem ist man im Nu klatschnass, was es gänzlich unmöglich macht, vor den Frauen der Stadt eine gute Falle zu machen. Bitte erzähle Mama nicht, wie ungehalten mich ihr Schweigen macht.

Ich stehe im Regen,
Dein Neffe

[Bild: Rittiner & Gomez]

El viaje |
Markus A. Hediger am 30.05.2007
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Mister Woo’s: Erinnerungen (5)

Wenn doch bloss mein Geist zur Ruhe käme! Ein Gedanke jagt den anderen, selbst wenn ich schlafe, sucht mein Körper einen Ausgleich für die ihm durch Changs Tod auferlegte Untätigkeit. Rastlos verschiebt er sich zwischen den Laken, bis er am Morgen – des nächtlichen Kampfes müde – erschöpft und schweissüberströmt erwacht. Still sitzen fällt ihm schwer. Ein Buch am Stück zu lesen ist mir unmöglich. Nebenan tobt eine Schlacht auf Leben und Tod. Woher nimmt die alte Frau die Kraft, sich so resolut gegen den Tod zu stemmen? Weshalb ist ihr das Leben so erhaltenswert? Wenn ich könnte, liefe ich meinem Bruder nach. Das Leben ist eng geworden ohne ihn.
Wir haben es nie lange im Haus ausgehalten, mein Bruder und ich. Als Kinder, bis in die Pubertät hinein, verbrachten wir die Tage im Freien. Nachts, wenn wir nicht schlafen konnten, schlichen wir uns aus dem Schlafzimmer. Wir hatten von den Stierrennen in Pamplona gehört. Durch unsere Stadt lief eine achtspurige Transitautobahn. Wir liefen vor die Autos, schreiend und kreischend wichen wir ihnen aus und wenn wir den Mittelstreifen erreichten, warfen wir uns ins Gras, keuchend und lachend, und schöpften Kraft für die letzten vier Spuren. Indem wir unsere Körper in Bewegung hielten, schlugen wir unseren Erinnerungen ein Schnippchen.
Jetzt bin ich ihnen schutzlos ausgeliefert und begreife allmählich, weshalb die Richter kein Todesurteil mehr aussprechen. Es gibt keine schlimmere Strafe, als einen Monat, zwei Jahre, drei Jahrzehnte allein in einer Zelle zu verbringen.
Chang, der ältere von uns beiden, war der erste, der einen Sinn für sein Leben suchte. Wir ruhten uns gerade auf dem Mittelstreifen aus, als Chang meinte, wir seien zu alt für solchen Leichtsinn. Ob ich mich an Professor Romer erinnern könne. „Er ist wieder aktiv“, sagte Chang.
Ich habe Kröten nie gemocht. Aber was der Professor mit ihnen machte, ging auch mir zu weit.

Mister Woo |
Markus A. Hediger am 29.05.2007
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