Unsterblichkeit. Tote ohne Namen.
"Ich habe die letzten zwanzig Jahre der angelsächsischen Dichtung gewidmet, ich weiss viele angelsächsische Gedichte auswendig. Nur die Namen der Dichter kenne ich nicht. Aber was bedeutet das? [...] Er lebt in diesem Moment in mir, ich bin dieser Tote. Jeder von uns ist gewissermassen alle Menschen, die vor uns gestorben sind."*
Auch darüber sprachen wir gestern am Tisch: Ich, dass ich am liebsten Bücher publizieren würde, jedes unter einem anderen Namen, und so, dass sie unmöglich mir zugeordnet werden könnten. Wen, ausser mich, kümmert’s, wer was geschrieben hat? Wenn ich tot bin, ist Erinnerung keine Kategorie mehr, auf die ich Wert legte. Aber vielleicht wiederholt jemand einen Satz, den ich einst schrieb, vielleicht schreibt er ihn besser, als ich es je vermochte, und schreibt seinen eigenen oder irgendeinen anderen Namen drunter. Namen multiplizieren sich.
[Gefunden bei J.L.Borges, “Die Unsterblichkeit”, in: Gesammelte Werke. Der Essays vierter Teil, München Wien 2004, Seite 29]
