Julio Cortázars “Boby”. Inferentielle Spaziergänge
Gemäss Umberto Eco unternimmt der Leser während der (und angeregt durch die) Lektüre zahlreiche solcher Spaziergänge in seinen Wissens- und Erfahrungsschatz, womit er den Text bereichert und ergänzt. Wie weit diese Spaziergänge vom Text wegführen können und wie wenig Kontrolle der Autor über diese hat, hier ein Beispiel. In Julio Cortázars Erzählung “Boby” wird die Geschichte eines Buben erzählt, der seiner Mutter wiederholt vorwirft, böse mit ihm zu sein, obwohl diese sich aufopfernd und liebevoll um das Wohl ihres Sohnes sorgt. Darauf unter Anführung zahlreicher Beispiele für die mütterliche Fürsorge angesprochen, antwortet Boby, das wisse er doch. Aber nicht am Tag sei die Mutter böse, sondern in der Nacht. Dann trifft der Leser auf folgende Stelle: “[...] ich ging zu dem kleinen Zimmer von Boby und betrachtete ihn mir, er lag auf dem Bauch, wie er schon als Kleinkind gern schlief, die Bettücher hatte er bereits zu Boden gestrampelt, und ein Bein hing aus dem Bett, aber das Gesicht im Kopfkissen vergraben, schlief er ganz friedlich. Hätte ich ein Kind gehabt, ich hätte es auch so schlafen lassen, doch warum an so etwas denken."*
Angenommen, der Leser ist heute morgen sehr früh aufgestanden. Sein eigenes Kleinkind schläft noch friedlich auf dem Rücken(!). Er liest die Erzählung ziemlich genau dreissig Jahre nach der ersten Publikation des Textes. Darüber ist er sich durchaus im Klaren. Doch als er auf die oben zitierte Stelle stösst, kann er nicht anders. Er macht Bobys Mutter Vorwürfe. Dass sie das Kind (womöglich als Säugling noch) auf dem Bauch hat schlafen lassen! Diese Schlafposition begünstigt den plötzlichen Kindstod. Vielleicht, sagt sich der Leser, wusste man das zu jener Zeit noch nicht. Aber er weiss es, weiss Gott wie oft hat man es ihm und seiner Frau schon vor der Geburt ihres Kindes gesagt: Das Kind muss auf dem Rücken schlafen. Dann die Vorstellung, nicht nur Bobys Mutter, sondern auch seine Tante, hätte sie denn ein eigenes Kind gehabt, liesse sein Kind auf dem Bauch schlafen!
Der Leser sagt sich, redet sich ein, der Autor könne nichts dafür, es waren andere Zeiten mit anderen vorherrschenden Erkenntnissen, zudem ein Mann, der die Erzählung schrieb, du tust dem Text Unrecht. Dieser inferentielle Spaziergang sei unangemessen, ein Text sei immer auch im Licht seiner Entstehungszeit zu lesen usw usf. Warum also an so etwas denken? Aber die vorwurfsvolle Lektürehaltung ist nun mal da und er wird sie nicht mehr los. So dass er, als er das Ende der Erzählung erreicht, sich nicht einmal darüber aufregt, dass ihm nicht gesagt wird, was die Mutter dem armen Boby in der Nacht (während beide schlafen) nun denn Böses tut.
Der Spaziergang, zu dem Cortázar den Leser hat animieren wollen (nämlich sich furchtsam in die trüben und beängstigenden Unwahrscheinlichkeiten der Nacht und ihrer Zwischenwelten zu wagen) wurde verdrängt durch einen anderen, den ein ängstlicher Vater stattdessen unternahm.
* Julio Cortázar, Beleuchtungswechsel, Suhrkamp, Frankfurt am Main 1998, Seite 882
