Der 6. Lautsprecher

Schweigt. Vielleicht, weil er einsehen musste, dass selbst bei voller Lautstärke er bei jenem lieben Menschen, dem seine Nachricht gilt, nicht Gehör finden wird. Vielleicht ist der Sohn zu weit weg. Vielleicht in einer grossen Stadt, wo der Lärm all der anderen Lautsprecher (Musik, Sonderangebote, Durchsagen der Polizei) seine ganze Aufmerksamkeit verlangt: Heraushören, was wichtig ist, um sich in die angemessene Richtung bewegen zu lassen. Deshalb schreibt sie ihm einen Brief: Lieber Sohn.

[Briefträger sind Unglücksboten. Jeder Brief zeugt von Schrecklichem. Die Worte mögen hell und freundlich, liebevoll und voller Sehnsucht sein. Doch immer versteckt sich darin auch das Dunkle. Der Empfänger eines Briefes nimmt sich in der Regel sehr viel Zeit für die Lektüre. Er liest ihn wieder. Nochmals. Hat er auch alles richtig verstanden? Nichts übersehen? Briefe sind so selten geworden, es muss einen trifftigen Grund dafür geben, dass Mama mir schrieb. Im Gegensatz zum Lautsprecher, der munter weiterplaudert und sich einen Deut darum schert, ob auch alle seine Worte genau verstanden wurden, verstummt der Brief nach dem Abschiedsgruss. Das war ein kurzer Brief, mag der Sohn denken, und liest ihn also nochmals. Und schon findet er all die Sorgen, die er sich um seine Mutter machte, in zufälligen Wörtern bestätigt. “Wie geht es Dir, mein Sohn?” steht z.B. da. Er liest: “Wie geht es Dir, Mama?"]

Stichwort: Lieber Sohn

Sounds |
Markus A. Hediger am 19.04.2007
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Herr Kandells Rendezvous

Wie ein Terrarium. So steht das Glashaus mitten in der Berner Innenstadt. Herr Kandell hat Glück gehabt. Den ganzen Tag ist er durch die Stadt gefahren. Gegen Abend dann, Herr Kandell wollte schon aufgeben, da stand sie plötzlich vor der Glasscheibe und lachte ihn an. Wie schön doch die Bernerinnen sind, denkt er. Als es Nacht wird, zündet er ein Lichtlein an und richtet die Lampe auf die schöne Frau. Sie klopft an die Scheibe und macht ihm mit Gesten klar, dass sie gerne zu ihm hinein möchte. Etwas hilflos zuckt Herr Kandell mit den Schultern. Sie lächelt noch immer.
Herr Kandell haucht die Scheibe an und schreibt ans beschlagene Glas in spiegelverkehrter Schrift: Wie heisst du? Worauf sie ihm auf die selbe Weise Antwort gibt: So gut kennen wir uns noch nicht. Lass mich rein.
Endlich versteht er. Er bedeutet ihr, ihm zu folgen. Während er auf der Innenseite die Glaswände abgeht, folgt sie ihm von aussen. Als sie an den Ausgangspunkt zurückkehren, versteht auch sie: Das Glashaus hat keine Tür. Jetzt verschwindet auch das Lächeln von ihrem Gesicht.
Ich will dich nur anschauen, schreibt er an die Wand.
Das reicht mir nicht, antwortet sie und geht.
Herr Kandell klebt an der Scheibe und schaut ihr kopfschüttelnd nach. 

Emmental |
Markus A. Hediger am 18.04.2007
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“Hanging Lydias Schaukelblätter” (XV). Sierra Madre. Für Perkampus

"Wettstreit der Dichter” heisst die kurze Erzählung, die aus den Sierra Madre-Fragmenten hervorgegangen ist. Sie beginnt auf Seite 19.
Auf den Seiten davor finden sich sämtliche, zuvor schon auf diesem Weblog publizierten Vorstufen der Erzählung.
Da muss noch einiges daran gearbeitet werden, dazu aber später, die Schaukelblätter sind ja ein Archiv für Ideen. Perkampus, dem dieser Text gewidmet ist (>>> hier ein schöner Einblick in das Wesen, das ihn m.E. zu einem Menschen macht, den man als Freund nicht missen mag), hat mir bereits weitere Anstösse gegeben.

Das fünfzehnte Schaukelblatt also >>> hier als PDF.

Schaukelblätter |
Markus A. Hediger am 18.04.2007
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