Monologe. Bleib noch ein bisschen. (I)
Ich will wissen, wie es soweit hat kommen können. Was der Auslöser war.
Markus und ich schauen uns gemeinsam die Fotos aus dem Diaarchiv unseres Vaters an. Bilder aus unserer gemeinsamen Kindheit.
Markus sitzt widerwillig neben mir, er ist unruhig.
Erst als ich ihm sage: „Vielleicht hilft es auch dir aus deiner verfahrenen Situation“ und er „Wie denn?“ fragt und ich ihm antworte: „Vielleicht lasse ich dich danach gehen“, nimmt er das erste Dia auf und hält es gegen das Licht.
„Es konnte nicht gutgehen, das sah man damals schon und man sieht es noch immer auf diesem Foto“, sagt Markus zögerlich, als er sich das Bild anschaut. „Und ich sehe es erst jetzt.“
„Wünschst du, es wäre anders gewesen?“ frage ich.
„Wie könnte ich...“ antwortet Markus und schliesst die Augen.
[Fast wäre auch diese Rubrik im Archiv gelandet. Was bisher hier anhand des Bildarchivs meines Vaters untersucht wurde, wird nun weitgehend in der Rubrik “Ilha Bela” abgehandelt, aktueller erst noch und mit offensichtlicherem Bezug zu meinem Leben. Da erinnerte ich mich, dass ich auf dem ersten “Hanging Lydia"-Weblog (damals noch auf twoday.net) einst hiermit eine Geschichte begonnen, diese aber nie abgeschlossen hatte. Hier wird das Material überarbeitet wieder eingestellt und - wer weiss - sein Ende finden.
Addendum: Multiplizierungen des Ichs, schon damals ein Thema...]
Notizen eines Telegraphen (I)
Während ich dies in einer Weise niederschreibe, die für Sie auf Anhieb verständlich ist, muss ich die Zeichen in meinem Kopf erst in andere (in diese, die Sie hier lesen) übersetzen. Es kostet mich einige Anstrengung, dies zu tun, denn die Mittel, derer Sie sich für Ihre Verständigung mit Ihresgleichen bedienen, folgen einem anderen Rhythmus als meine Gedanken. Meinesgleichen gibt es nur wenige. Auch kommt die Plauderhaftigkeit Ihrer Sprache so gar nicht meinen Vorlieben und Bedürfnissen entgegen, doch ich sehe, dass ich mich ihr nicht entziehen kann. Es scheint unmöglich, Ihre Zeichensprache zu benutzen und nicht abzuschweifen. Als ob sie auf Geschwätzigkeit angewiesen wäre, um den Anschein von Gehalt und Tiefe aufrecht zu erhalten.
Papier sei geduldig, meinen Sie.
Auch dies ist eine Erfahrung, die wir nicht teilen. Haben Sie schon einmal einen Telegraphenschreiber bei der Arbeit beobachtet? Wie er unaufhaltsam Meter um Meter von der Papierrolle unter der Nadel hindurchzieht? Der Papierstreifen wartet nicht. Kommen Sie auf den Punkt.
Herr Kandell zurück im Emmental
Zurück aus den Ferien. Es waren schöne Ferien. Herr Kandell hat viel gesehen und ist wohlbehalten wieder heimgekommen. Sein Glashaus hat sich prächtig gehalten. Jetzt ist es an seinem gewohnten Platz am Berghang parkiert, die Handbremse ist angezogen. Der nächtliche Regen hat den letzten Reisestaub von den Scheiben gewaschen und das Tal erstrahlt goldig im Morgenlicht. Herr Kandell hat von der schönen Bernerin geträumt. Im Traum sassen sie einander gegenüber, zwischen sich nichts als eine Wand aus Glas, und beide waren glücklich.
Nun hat ihn der Alltag wieder. Tag für Tag steht er auf, macht sich eine Tasse Kaffee, blickt ins Tal hinab, isst, schaut ein bisschen fern, schläft. Sein Haus steht an einer verkehrsreichen Strasse in einer engen Kurve. Manchmal sieht er, wie ein Auto sehr schnell dahergefahren kommt und in der engen Kurve auf die andere Spur getragen wird. Wenn es knallt, ruft er bei der Polizei an. Hinschauen mag er nicht, wenn die Verletzten geborgen werden. Ein bisschen traurig macht es ihn, wenn er auf der Steilwiese hinter dem Glashaus die Kinder herumtollen sieht. Oder in einer lauen Sommernacht Liebespaare im frischgeschnittenen Heu entdeckt. Aber wenn dann die Touristen aus Deutschland, Österreich, Italien oder aus dem Unterland auf ihren Wanderungen an seinem Haus vorbeikommen und ihn anstarren, wie er da manchmal nackt in seinem Glashaus sitzt, ist er froh, dass eine Scheibe ist zwischen ihm und dem, was da draussen ist.