Mercedes. Aus den Reiseskizzen.
Mercedes. Hier lacht sie ausnahmsweise mal nicht. Ihr verging das Lachen während dem Stillsitzen für das Porträt. Sie ist eine sehr aktive Frau. Lachen und Bewegung sind für sie Synonyme.
[Bild von Rittiner & Gomez]
Mercedes. Hier lacht sie ausnahmsweise mal nicht. Ihr verging das Lachen während dem Stillsitzen für das Porträt. Sie ist eine sehr aktive Frau. Lachen und Bewegung sind für sie Synonyme.
[Bild von Rittiner & Gomez]
Im letzten Sommer (ist es tatsächlich schon fast ein Jahr her?) näherte sich die Isla Volante nach der stürmischen Umschiffung des Kaps der Guten Hoffnung in den kalten Wassern des Humboldt-Stroms nördlich von Chile dem südamerikanischen Kontinent so sehr, dass ich am Strand Robben und einige Tierschützer ausmachen konnte. Eine Biologin - Mercedes hiess sie, wie ich später erfahren sollte - winkte mir zu. Es war Ebbe und so lief ich die kurze Strecke von der Insel hinüber nach Südamerika. Aus Mercedes und mir wurde nichts, wir unterhielten uns zwar sehr angeregt, lachten viel und verstanden uns ganz prächtig, aber ich verliebte mich nicht in sie sondern in den Kontinent, den ich seither nun bereise. Gelegentlich schreibe ich heim, Mama ist auf Isla Volante geblieben und ich mache mir - wie jeder anständige Sohn - Sorgen um ihr Wohlergehen. Mütter lassen ihre Söhne nur ungern ziehen.

Am nächsten Montag, um ca. 8.00 Uhr, wird die erste Postkarte sowohl hier auf Hanging Lydia als auch im Logbuch der Isla Volante veröffentlicht und danach die übrigen in unregelmässigen Abständen. Die Postkartenmotive sind von Rittiner & Gomez gemalt, die Texte stammen von mir. Einige der Postkarten werden an der Werkschau #3 in Bern am 1. September einem Publikum präsentiert. Wer weiss wird daraus vielleicht auch mal ein kleines Büchlein. Ganz wunderschön.
Regelbrüche (aus meiner Sicht): die Gesetze, nach denen ich die letzten 19 Jahre gelebt habe, sind aufgehoben. All das verpackt in erotische Bilder, eine heftige, einnehmende aber merkwürdige Affäre mit einer meiner Schülerinnen in Rio. Brasilien, weiss ich noch, spielte eine Rolle. Liebe in Brasilien. Ich als Person war völlig in Frage gestellt. Ein Traum, der mich er- und zugleich furchtbar aufregte, so dass es nicht zum Höhepunkt kommen konnte. Diese Stimmung hält an, ich bin unruhig. Das Unwohlsein macht sich im Magen bemerkbar.
Während den letzten Wochen und Monaten war wenig Zeit für den inneren Abschied von der Schweiz. Die Frage, wo in Brasilien wir leben werden, hat viel Zeit in Anspruch genommen, Diskussionen, Abklärungen. Vorgestern dann Tränen bei meiner Frau, sie wolle nun doch in Rio leben, dort sei ihre Familie, ihr Freundeskreis. Ich sagte ihr, ich könne mich überall arrangieren (die Folgen eines Lebens als Sohn eines Wanderpredigers), also kein Grund zur Aufregung. Mit der Gewalt in Rio werden wir klarkommen. Aber es ist offensichtlich, dass das Leben in Rio ein anderes sein wird als, sagen wir, in Brasília oder Teresina, auch was meine beruflichen Möglichkeiten, das Verwirklichungspotential unserer Projekte angeht. Wir werden ein bisschen umdisponieren müssen.
Ob Rio, Brasília oder Teresina: in Brasilien gelten andere Regeln, andere Gesetze, die - will ich nicht (wie einer meiner Kollegen, der den Schritt ins Ausland wagte) nach sechs Monaten wieder in der Schweiz aus dem Flugzeug steigen - tief in die Seele hineingreifen werden. Jedes Land verlangt einen anderen Menschen. “Niemand wandelt ungestraft unter Palmen”, schrieb ich vor einiger Zeit in dieser Rubrik. Und natürlich überkommt mich gelegentlich das nackte Grauen, weil ich nicht weiss, schlicht nicht voraussehen kann, welchen Menschen die Geliebte zu Gesicht bekommen wird, wenn ich mich ihr ganz ohne Kleider zeigen werde. Eine Alternative aber sehe ich nicht: Der Mensch, den die Schweiz von mir fordert, gefällt mir nicht. Ich mag nicht sein Freund sein. Aber es scheint, als hinge ich an seinen Kleidern. 19 Jahre in diesen winterfesten Klamotten - auch das prägt den Menschen.