Von der Leichtigkeit und vom Gewicht

Die Welt ist eine Linie, das Gelebte aber ein Körper.

Verlorene Schnipsel |
Markus A. Hediger am 04.03.2007
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Bis zur Leichenblässe

„Sichverlieben durch blosses Hören ist in der persischen und arabischen Literatur sehr geläufig. Man braucht nur eine Königin geschildert zu hören – ihr Haar, das den Nächten des Getrenntseins und der Vertreibung gleicht, das Gesicht aber gleich dem Tag der Wonne, Brüste wie Elfenbeinkugeln, die den Monden Licht spenden, ein Gang, der die Antilopen beschämt und die Weidenbäume zur Verzweiflung bringt, gewichtige Hüften, die ihr verwehren, sich auf den Füssen zu halten, Füsse schmal wie Lanzenblätter – dies hören und sich bis zur Leichenblässe und bis zum Sterben verlieben ist eines der gängigen Motive in den Märchen von Tausendundeiner Nacht.“*

Sich bis zur Leichenblässe und bis zum Sterben verlieben
in Worte.
Worte, die allergrössten Teile von ihnen, werden in Abwesenheit des Gegenstandes geäussert, auf den sie sich beziehen.
Worte wecken Vorstellungen, nicht den Gegenstand.
Worte weisen nie die Existenz des vorgestellten Gegenstandes nach.
Sichverlieben in ein Vorgestelltes.
Das haben Perser und Araber begriffen:
Das Geliebte ist immer auch Fiktion. Liebe nicht.

(Dieser Gedanke hat mich fasziniert: Dass es möglich ist, mit Worten echte Liebe zu wecken für eine Fiktion. Und dass diese Liebe so stark sein kann, dass man für die Schönheit der Worte zu sterben willens ist - oder nicht anders kann.)

[* Gefunden bei J.L.Borges, „Geschichte der Ewigkeit“, in: Gesammelte Werke. Der Essays zweiter Band, München Wien 2005, Fussnote Seite 17.]

[[Randnote: Seit bald zwanzig Jahren lese und lese ich Borges Erzählungen - vor allem diese -, hingerissen von der Genauigkeit seiner Sprache, die auf wenigen Seiten einen Stoff ausschöpfend ausarbeitet. Zu Erzählungen wie dem “Aleph”, “Das Sandbuch” oder “David Brodies Bericht” gibt es nichts hinzuzufügen - auch wenn sie den Geist und die Träume des Lesers über Jahrzehnte hinaus beschäftigen. Diese Faszination für und Verliebtheit in die Erzählungen hat mich lange über Borges Essays hinweglesen lassen: Sie erschöpfen einen Gegenstand niemals, auch wenn in ihnen dieselbe Sorgfalt und derselbe Erfindungsreichtum auf die Sprache angewandt wird. Erst jetzt habe ich verstanden, dass die Essays Stoffspeicher sind. Anrisse kunstvoller Erzählungen, oft nur in einem Nebensatz oder in einer Fussnote zur Sprache gebracht.]]

Varia |
Markus A. Hediger am 04.03.2007
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QRK: How do you receive me?

In einer geschäftigen Strasse der ohnehin engen Stadt wurde sie erstmals gesichtet, in der Luft auf einer Höhe von drei Metern zwischen Stromleitungen und plärrenden Lautsprechern wurde sie erblickt und ein heller Schein ist um ihren Schoss, worin sie ihre Hände nicht verschränkt hat, und den Kopf hat sie zurückgeworfen und lacht und lacht. Wie du dir vorstellen kannst, ist der Verkehr komplett zum Erliegen gekommen. Nie, noch nie, hatten wir in unserem Elend von einer Heiligen gehört, die ihre Haltung verliert. Stell dir vor.

QSL |
Markus A. Hediger am 03.03.2007
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