Schreiben im Netz
1. Das Weblog favorisiert die kurze Form.
2. Die kurze Form verlangt eine eigene Sprache.
3. Es ist eine verkürzte Sprache.
4. Nicht alles wird gesagt.
5. Die Inhalte verschieben sich vermehrt in die Leerstellen zwischen den Worten und hinter die Sätze.
6. Die Schrift spinnt ein Netz, in dem der Inhalt zappelt.
7. Bläst sich der Inhalt zu sehr auf, reisst das Netz.
8. Der vorsichtige Leser ergreift rechtzeitig die Flucht.
(9. Für den Autor kommt jeder Versuch, dem Text zu entkommen, in der Regel zu spät.)
Der Heilige und die Liebe, III (BdV)
Sie leben auf den Mülldeponien von Antananarivo, dreckige Gestalten zwischen Abfallbergen. Ratten nennt man sie in der Stadt, doch fragt man sie, wehren sie sich gegen diese romantisierende Bezeichnung. Die Ratten, sagen sie, lieben den Gestank.
Wer auf den Mülldeponien von Antananarivo landet, hat seinen Glauben längst verloren. Es gibt für sie kein besseres Leben als dieses, niemand glaubt noch an Hilfe aus der Stadt, ihre ganze Hoffnung ruht auf dem nächsten Müllwagen, der ihnen – wenn sie Glück haben – den verschmähten Brei eines verzogenen Bengels oder die blau verfaulten Poulets mit abgelaufenem Verkaufsdatum aus dem Supermarkt vor die Füsse kippt.
Gemeinsam mit den Ratten haben diese Menschen nur die Nahrung, die sie mit ihnen teilen.
Zwischen den stinkenden Bergen von Antananarivo wandelt der Heilige Onófrio Honwana einher und predigt Liebe in Zeiten der Cholera.
27. März 2007. Countdown
Ein übelgelaunter Tag war das gestern. Noch sechs Monate habe ich, während denen ich mich mit meiner Arbeitgeberin herumschlagen muss. Ein erster Stichtag ist jedoch bereits in weniger als drei Monaten: Da werde ich bei den Stadtverwaltern vorsprechen müssen, um meine Ausreisebewilligung zu beantragen. D.h.: die Steuern für das laufende Jahr auf den Tisch legen. Dieses Papier ist notwendig, um Verträge auch ausserterminlich auf Ende September oder Oktober kündigen zu können.
Die grosse Unbekannte, die das Ausreisedatum hinauszögern kann, ist die brasilianische Aufenthalts- und Arbeitsbewilligung. Als Vater einer Brasilianerin eine Formsache, dachte ich, doch meine neue Heimat verlangt einen Erwerbsnachweis in Brasilien. Sie will sicherstellen, dass ich dem Staat nicht auf der Tasche liege. Ein Problem, da ich in Brasilien nicht als Angestellter arbeiten will und folglich auch keine Arbeit suchen kann. Am Abend rief mein Freund an, der im Sommer nach Angola umziehen wird. Während dem Gespräch schlug er mir für das Problem eine offensichtliche Lösung vor. Wenn es zu klappen käme, müsste ich mich ohrfeigen, dass ich nicht von selbst darauf kam.
Doch das sind Äusserlichkeiten. Sie lassen sich regeln. Ich muss nur meinen Hintern bewegen.
Das ist das Gute an der Welt: Sie lässt sich anfassen und verändern.
Rose is a rose
Gedanken zur zyklischen Natur der Zeit. Kein Moment ist je verloren. Die Tage wiederholen sich.
Der Verdacht, dass Zeit eng an die Sprache gebunden ist, kam ihm, als sie zu ihm sagte: “So geht das nicht.” Das hatte er schon einmal gehört. Er ging dazu über, Gesagtes wiederzusagen. Erstellte Wortabfolgen, Satzsequenzen, verbale Handlungsabläufe, die sich nachsagen liessen. Es gelang ihm, Momente wiederzuerleben. Zimperlich war er nicht. “So geht das nicht”, hörte er sie von nun an jeden Tag sagen. Mag sein, dachte er dann immer, aber morgen wird es wiedergehen.
Herbert Turpitt, Telegraph
Nach einigen Monaten auf der Insel vergisst man den Friedhof. In der Bucht von Comfortless Cove befindet sich ein unbeaufsichtigter Hafen, wo monatlich ein Versorgungsschiff anlegt, etwas abseits die Gebäude der Eastern Telegraph Company, wo die Transatlantikkabel nach Südafrika, Sierra Leone, Buenos Aires, Rio de Janeiro und zu den Kapverden kurz aus dem Wasser tauchen, ein Relais durchlaufen oder in einen Telegraphenschreiber münden. Für jedes Kabel ein eigenes Häuschen. Herbert Turpitt, der einzige lebende Mensch auf der Insel, hat sich nie gefragt, weshalb. Obwohl dieser Umstand Hektik in sein Leben bringt. Turpitt bewohnt ein Cottage ganz in der Nähe seines Arbeitsplatzes. Es besitzt einen Garten. Eine Mauer grenzt ihn gegen den Bonetta Friedhof ab, der sich zu den Sister Peaks hin im Vulkangestein verläuft. Wo früher die Opfer verseuchter Schiffe begraben wurden und Spitzhacken unermüdlich Gräber ins Gestein schlugen, herrscht jetzt Ruhe. Herbert Turpitt geniesst sie. Nie hat er sich eingebildet, Stimmen von Verstorbenen zu hören. Sowas würde ihm den Verstand rauben.