Vorankündigung. Lesung in Bern.
Markus A. Hediger
liest aus
“Avenida Perdida”
am Samstag, 31. März 2007, um 16.00 Uhr
in der Galerie Artdirekt in Bern
im Rahmen der Ausstellung von Rittiner & Gomez und Nick Röllin
Markus A. Hediger
liest aus
“Avenida Perdida”
am Samstag, 31. März 2007, um 16.00 Uhr
in der Galerie Artdirekt in Bern
im Rahmen der Ausstellung von Rittiner & Gomez und Nick Röllin
Seine Welt mit wenigen Schritten durchmessend, berechnete Raimaran, dass 85 kleine Dinge darin Platz fänden. Das war nicht viel. Für einen kurzen Moment erfasste ihn Panik, als ihn der Gedanke streifte, die 85 Dinge, aus der sich seine Welt ergeben sollte, wollten aus der unendlich grossen Auswahl, die ihm zur Verfügung stand, sorgfältig und überlegt ausgewählt sein. Doch Raimaran war ein pragmatischer Mensch. Er glaubte an den Zufall und an die Neugierde. So trat er vor die Tür und an den Haufen Krempel, den er tags zuvor hinausgeschafft hatte, und holte den Fernseher wieder herein. Auf Discovery Channel, erinnerte er sich, wurden alle Dinge dieser Welt gezeigt. Eine elegante Methode, dachte er, den räumlichen Beschränkungen seiner Welt ein Schnippchen zu schlagen und die Erde und alles, was auf und in ihr war, in seine Wohnung zu holen. Er schaltete das Gerät ein, legte sich auf seine Pritsche und sah sich erst eine Sendung über Erdmännchen an, dann eine andere über die gewaltigsten Stürme der Erdgeschichte. Als schliesslich Bilder verschiedener Entwicklungsstadien des menschlichen Embryos über den Bildschirm flatterten und Raimaran sich gewahr wurde, dass er das, was über die Erdmännchen eine Stunde zuvor gesagt worden war, bereits wieder vergessen hatte, merkte er, dass das nicht die Welt war, wie er sie sich wünschte. Er wollte sie um sich haben, sie anfassen und jederzeit beschauen können. Das aber, erkannte er, würde ihn zwingen, sich zu beschränken und seiner Auswahl Selektionskriterien zugrundezulegen. Denn Wolken, zum Beispiel, hatten keinen Platz in seiner Welt.
Eine Welt aus kleinen Dingen. So stellte Raimaran sich seine Erde vor. Kleine Dinge in ausreichend grosser Zahl machen eine grosse Welt. Daraus ergab sich für Raimaran das erste Problem: Die maximale Ausdehnung seiner Welt war gegeben: Sie bestand aus vier Wänden, die im rechten Winkel zueinander standen, jede so breit wie hoch, und mit dem Dach hatte man es sich ebenso einfach gemacht: eine fünfte Wand war’s, auf die stehenden vier draufgelegt. Raimarans Welt war klein und sah aus wie ein Würfel. Von innen wirkte sie noch kleiner. Um Platz für seine Welt zu schaffen, räumte Raimaran nach seiner Rückkehr aus Katha seine Wohnung erst mal aus und liess darin nur das Notwendigste stehen: seine Pritsche, den Holzherd, einen Tisch und ein Regal, worauf er die Sehenswürdigkeiten seiner Welt auszustellen gedachte (der Abort befand sich in einem separaten Gebäude im Garten).
Und die Erde, Raimarans kantig kleine Erde, war wüst und leer. So brach aus Abend und Morgen der erste Tag.