3. Januar 2007. Das letzte Mal
Wir tun so, als sei es von Bedeutung. Das letzte Mal.
Das letzte Mal mit dieser Firma ins neue Jahr starten. Wir tun so, und es wird bedeutend: das Ende ist absehbar. Deutliche Erleichterung macht sich bemerkbar, noch überwiegt sie, wiegt schwerer als die Sorge, schwerer noch als der Respekt vor den Herausforderungen, die zu meistern sind, bevor es ans Kofferpacken gehen kann.
Wir fassen ins Auge, immer klarer jetzt, obwohl die Entscheidung bereits im letzten Jahr gefallen ist. Seit Jahresbeginn können wir jetzt aber sagen: Es ist der letzte Januar in der Schweiz, nun können wir ein Haus am Strand von Ilha Bela bauen.
Verdeutlichend: Wir tun.
Die Cherubim vor den Toren
Wir halten eine Farce aufrecht. Wir wahren den Anschein. Mit unseren flammenden und hauenden Schwertern bewahren wir den Garten vor der Erkenntnis. Gläubige lagern vor den Toren unseres Parks und hoffen auf einen Moment der Unachtsamkeit. Doch wir wachen und lassen niemanden herein. Niemand soll erfahren, wie es im Paradies wirklich aussieht. Sollen jene, die glauben wollen, weiterhin davon träumen, wie hinter unseren Rücken Lämmer und Löwen gemeinsam grasen, wie Honig in den Bächen fliesst und Äpfel reifen, die denjenigen, der von ihnen isst, um den Verstand bringen.
Wir sind die Cherubim. Wir achten darauf, dass die Lüge nicht auffliegt. Bulldozer und Kettensägen haben den Schutzwald, den wir um das Paradies herum anbauten, bereits gerodet. Planierraupen bedrängen nun schon die Mauern. In einem verzweifelten Versuch, den Menschen zurückzuschlagen, legen wir Feuer an die Maschinen und bringen Tod in die Arbeitersiedlungen. Aber wir wissen, dass der Mensch nicht aufzuhalten ist.
Wir sind die Cherubim. Wir wurden unter der falschen Annahme erschaffen, der Mensch sei ein leichtgläubiges und leicht zu verschreckendes Geschöpf. Wir donnern, brennen und töten noch immer, aber wir verbreiten keinen Schrecken mehr.
Vom Trost und anderen unwahrscheinlichen Dingen
Der dunkle Engel auf seinem Ross biegt sich vor Lachen. Er steht an der Startlinie, die Zügel straff in der Hand. Bald geht die Sonne auf. An seiner Zahl wird man ihn erkennen. Bald geht es los. Das Ende naht. Ich bin sein Geschöpf, erschaffen, um das Ende herbeizuführen. Mir gehen die Worte aus. Doch noch gebe ich mich nicht geschlagen. Ich wiederhole mich. Das ist besser, als zu verstummen. Ich liebe den Klang meiner Stimme, ich liebe die Worte, die mir über die Lippen kommen. Noch bin ich nicht am Ende. Auch wenn ich mich wiederhole. An der Ziellinie wartet bereits der Teufel.
Vom Engel auf dem hohen Ross ist Hilfe nicht zu erwarten. Er will mein Ende. Also wende ich mich an den Teufel. Anders als der Volksglaube nahelegt, interessiert sich der Teufel nicht für den Menschen. Es wird nach dem Ende keinen Kampf um ihre Seelen geben. Die Erde ist ihm eine Last, der Mensch ihm Langeweile, weil das Leben immer auf die gleiche Weise endet. Lasst euch was einfallen! In der Hölle geht es lustiger zu und her! Da sind Heulen und Zähneklappern! Der Teufel gähnt, als er mich sieht. Doch als ich ihm von meinem Leid erzähle, kullert eine Träne aus seinem Auge und kühlt die fiebrige Haut.
Ich sage dir das nur, weil ich den Engel mit seiner siegesgewissen Arroganz nicht ausstehen kann. Das Ende muss kommen, glaubt er, weil jeder Mensch ein Ende hat. Er sollte nachdenken und nicht alles glauben, was man ihm aus zweiter Hand erzählt. Als ich ihm einen Tee in den Sattel reichte, um seine Wartezeit zu verkürzen, suchte ich das Gespräch mit ihm, doch der Engel spricht nicht mit Gefallenen. Das Geheimnis des Lebens ist das einzige, was mich noch auf der Erde hält. Es besteht Hoffnung, sagt der Teufel. Entschuldige meine Neugier.
Auszüge aus einem Text, geschrieben für isla volante
1. Januar 2007. So als ob
Wir tun so, als liesse sich das Erlebte erzählen.
Wir tun so, als bliebe das Erlebte vom Erzählten unberührt.
Gestern, bei der Silvesterfeier mit der Familie, wurden Bedenken bezüglich eines Umzugs nach Rio geäussert. Ich brachte Ilha Bela ins Spiel. Ilha Bela - dieser Name evoziert einen hübschen Landstrich im Meer vor der brasilianischen Küste. Wir sprachen über Verdienstmöglichkeiten - jetzt habe ich eine Familie zu versorgen -, über Schulen für die Kleine, über Sicherheit für Leib und Leben. Die Miene meines Vaters, dessen Widerstand ich gegenüber unseren Auswanderungsplänen erwartet hatte, entspannte sich.
Ilha Bela ist ein erfundener Ort. Er kann irgendwo im Landesinnern liegen. Fernab der grossen Städte im Kriegszustand.
Erzähltes entbindet nicht von Erlebtem. Ganz im Gegenteil. Es ermächtigt. Dies ist unser letzter 1. Januar auf Schweizer Boden.