David und Jonathan. Relativiert.
Wir sind die Cherubim. Vor die Tore Edens sind wir gestellt.
Mit flammendem und hauendem Schwert wehrten wir den Ansturm von Adams Nachkommen ab, die auf die Geburtsstätte ihres Vaters Anspruch erhoben. Es waren viele. Wir hatten zu tun und mit Blut (nicht dem unseren) tränkten wir die Erde. Wir verbreiteten Furcht und Schrecken. Wer uns und Eden zu nahe kam, starb. Doch der Tod hat seinen Stachel verloren.
Daher verkleideten wir uns und erschienen den Menschen als liebliche Engel. Wir erzählten Geschichten, wir lenkten ab. Wir erwählten einzelne und gaben ihnen die Macht, Grosses zu tun. Aus David, dem Hirten und Lautenspieler, machten wir einen König. Ihr braucht das Paradies nicht, sagten wir damit, seid Mensch! Seht, was möglich ist! David war uns treu. Um uns immer in seiner Nähe zu haben, liess er die Bundeslade in die Hauptstadt bringen. Wir kauerten über den Steintafeln, verbargen unsere Gesichter unter unseren Flügeln und taten so, als sei’s uns egal. Doch innerlich jubelten wir. Unsere Wahl erwies sich als Volltreffer. David war einer unserer besten Schergen. Mit seinen Kriegen, seinen Affären und Familienproblemen lenkte er ab vom Paradies. Die Menschen redeten über ihn!
David. Ich erinnere mich kaum noch an ihn.
Das war der, über den sich das Volk wegen seiner Freundschaft mit Jonathan das Maul zerriss. Ein absolutes Highlight!
Heute sind diese Geschichten nichts besonderes mehr. Die Boulevardblätter sind voll davon. Eintagesgespräch.
Warst du das, der diese Zeitungen erfand? Keine schlechte Idee, dachten wir damals, doch der Stress, jeden Tag neue Gerüchte zu streuen, macht mich langsam fertig.
Wir brauchen eine neue Strategie, sagt ein Engel.
6. Januar 2007. Spread the word
Wir tun so, als läge es in unserer Hand.
Gestern, als wir über die Geburt unserer Tochter am Weihnachtstag sprachen und wieder einmal etwas erstaunt konstatierten, wie unseren Wünschen (allen!) entsprochen werden konnte (meine Frau hatte sich eine Wassergeburt gewünscht, noch am 24. Dezember waren alle mit einer entsprechenden Badewanne ausgestatteten Zimmer belegt, als wir aber am 25. eintrafen, war es eben frei geworden; wir hatten auf eines der beiden umkämpften Familienzimmer gehofft, damit ich bei meiner Familie im Krankenhaus übernachten könnte, auch dies klappte), sagte ich: So müssen wir’s machen, damit es auch mit Brasilien klappt (denn konkrete Vorstellungen von oder gar konkrete Angebote für einen Job bzw. eine Verdienstmöglichkeit fehlen noch): dafür sorgen, dass die Menschen wissen, was wir wollen und brauchen. Wie wir’s im Fall von Isabellas Geburt taten: bei jeder Gelegenheit vor der Geburt erwähnten wir die Badewanne, das Familienzimmer, in allen Unterlagen waren unsere Wünsche vermerkt, so dass alle Bescheid wussten, als die Fruchtblase schliesslich platzte.
Eine Garantie, dass es klappen würde, gab es nicht (und man sagte es uns auch immer wieder). Aber wir taten so, als gäbe es eine Chance.
Im Herbst reisen wir aus. Wir tun so, als gäbe es Ilha Bela.
David und Jonathan
Es standen Schergen in unseren Diensten für das Grobe. Sie lenkten ab.
Erinnerst du dich an David? Den Möchtegernkönig?
Er ist noch da, hörte ich. Spielt sich auf. Vorbei sind die Zeiten, da er sich mitten in den Kugelhagel der feindlichen Maschinengewehre stellte und seine Soldaten anfeuerte. Heute sind es Raketen, die fallen. Intelligente Bomben. Präzisionswaffen. Der Krieg ist gefährlich geworden. Keine klaren Fronten mehr. Also nimmt er an Sondereinsätzen teil. Begleitet die Eliteeinheiten auf gefährlicher Mission. Die Soldaten murren. David setze ihr Leben unnötig aufs Spiel, sagen sie. Untrainiert und schlecht ausgebildet wie er sei. Er ist - munkelt man - in sein Nachtsichtgerät verliebt.
Schöne Zeiten waren das, als er sich noch für die Frauen seiner Feldherren interessierte. Er brach Regeln, scheuchte Propheten auf, dem Volk mangelte es nicht an Themen für ihren täglichen Schwatz auf dem Markt. David lenkte ab. Aber heute? Was ist bloss mit David los?
Im Namen Gottes zieht er in den Krieg, aber keiner nimmt ihm das mehr ab. Man tötet für eine Lüge. Aber keiner mag mehr für sie sterben.
Wenn es so einfach wäre.
Was ist mit Jonathan? Wir sollten ihn bitten, ein Gespräch unter vier Augen mit David zu suchen. Ist er nicht sein bester Freund? Vielleicht zerrissen sich die Leute so wieder mal das Maul über ihren König: Was? David und Jonathan? Wir müssen die Leute wieder glauben machen. Nichts eignet sich dafür besser als ein König, der das Volk mit seiner Unmoral vor den Kopf stösst.
Jonathan ist tot, wirft einer der Engel ein.