Zwei Augenpaare
"Die Kunst der Atemlosigkeit.” Ein Buch über das Innehalten. Leise Worte, diese aber in einem derart hohen Tempo vorgebracht, dass der Leser den Verdacht nicht loswird, da laufe jemand davon. Nicht alles, was geschrieben ist, fördert das Zusammensein.
Wir machen grosse Augen. Das war sie schon, die Nacht? Wir liegen uns in den Armen.
22. Januar 2007. Ohren
Wir tun so, als ob.
“Wir”: in diesem Fall meine Eltern. Mein anfängliches Erstaunen über die sehr ruhige Reaktion meines Vaters, als er von unseren Auswanderungsplänen hörte, erklärte sich gestern bei einem Familientreffen. Ich redete mit meinem Schwager (ein Brasilianer) über Verdienstmöglichkeiten in Brasilien. Er äusserte grosse Vorbehalte gegenüber unseren Plänen (er selbst will mit Familie nach Europa ziehen - ich riet ihm davon ab). Während diesem Gespräch meinte er: “Deine Eltern wollen über euren möglichen Wegzug aus der Schweiz nichts wissen. Sie ignorieren jede Anspielung, jeden Hinweis.” Obwohl wir gar nicht deutlicher sein könnten. Wir sprachen am Tisch von einem möglichen Termin (September, Oktober). Meine Eltern meinten, Oktober sei eine gute Zeit, um Ferien in Brasilien zu machen (nicht mehr Winter, noch nicht Sommer).
Das macht es mir nicht einfacher. Wir werden Klartext reden müssen, bald schon, und es wird Diskussionen geben.
Die Gespräche, die ich in dieser Rubrik mit meinem Vater führe, sind fiktiv. Das wird mir immer deutlicher. Oder besser: Es sind Gespräche mit einem anderen, wiewohl existenten Vater, der gegenwärtig zurückgedrängt ist. Wovon? Er hat sich, ins Alter gekommen, in eine Welt zurückgezogen, die so für ihn stimmig ist. Veränderungen bedrohen sie. In seiner Welt lebe ich in der Schweiz.
Es macht die Sache nicht einfacher.
Die Liebe zum Land, zur Erde Brasiliens aber teilt er mit mir und wenn ich von dieser Liebe spreche, versteht er mich.
Nach jedem Vorfall, jedem Zweifel, der von aussen (nebst allen Zusprüchen, die es auch gibt, vor allem von jenen, die mich viele Jahre lang in der Schweiz erlebt haben) an uns herangetragen wird, wieder Gespräche mit meiner Frau: Ist es das, was wir wirklich wollen? Es ist ein Risiko, es kann schief gehen, vor allem in finanzieller Hinsicht… Wollen wir es eingehen?
Und sie: Könntest Du Deinen Traum von Ilha Bela aufgeben?
Ohne Sand
Ich solle doch versuchen, es mal so zu sehen:
meinte Vater.
“Du tust dir Unrecht, wenn du deiner Kindheit das Land nimmst. Nimmst du dir die Erde, auf der du gewachsen bist, bleibst du Idee, ein Konzept.”
Das waren seine Worte.
Er sagte “bleibst”.