Auf den Schultern eines Riesen

Dein Gesicht ist der Grabstein deines Gehirns, hatte Myrtha auf einen Zettel geschrieben und diesen auf dem Küchentisch liegen lassen, als sie zur Arbeit ging.
Als sie am Abend nach Hause kam, meinte Tiller: “Sowas solltest du nicht schreiben. Nicht, ohne es in einen Kontext einzubetten.”
Myrtha hatte sich tatsächlich nichts dabei gedacht. Der Satz war ihr beim Frühstück eingefallen, zugefallen, aus dem Nichts, hinein in ihre morgendliche Unbekümmertheit, und sie hatte ihn schnell hingekritzelt, um ihn nicht zu verlieren, wie es ihr oft geschah, wenn sie nicht achtgab. Doch jetzt ging ihr Blick von Tillers Gesicht in die Wohnung, die voller Blumen war, seit er von seinen Schulter- und Nackenschmerzen geheilt worden war. Überall Blumen, weisse Blumen in weissen Vasen, Blumen neben dem Sofa, auf dem Couchtisch, dort wo früher der Fernseher stand, in der Küche auf dem Herd, auf dem Küchentisch natürlich und eine weisse Rose an der Tür zur Toilette. Eine Giesskanne im Flur. Myrtha verlor ihre Fassung nicht. Auch dann nicht, als ihr Blick auf die beiden Engel fiel, die - gestützt auf ihre Schwerter - auf Tillers Schultern standen. Der eine links, der andere rechts seinem Gesicht zugewandt.


Markus A. Hediger am 31.01.2007
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30. Januar 2007. Avenida Perdida

Die Erstfassung von Avenida Perdida ist geschrieben, ein Büchlein von achtzig Seiten wirds, eine kleine absurde, bisweilen pathetische Geschichte mit viel Drama und ohne tieferen Sinn. Die moralische Schlussnote, sollte sie bis in die Endfassung überdauern, lässt den Leser zwischen die Zeilen fallen. Eine erste Durchsicht macht jedoch klar, dass die Zweitfassung nicht weniger Aufwand abverlangen wird als die erste, in der es nur darum ging, mir die Geschichte von der Seele zu schreiben. Aber die Story, der Plot, steht.
Damit bin ich einem der grossen Ziele, die ich mir für die verbleibende Zeit in der Schweiz gesteckt habe, näher gerückt. Der Kopf, merke ich, ist leichter, freier, die zu bewältigenden Hürden bis zur Ausreise scheinen nicht mehr ganz so hoch. Es ist zu bewältigen.
Heute ist ein guter Tag.


Markus A. Hediger am 30.01.2007
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Furchtbar

fühlt es sich an, wenn Jonathan Isliker erwacht. Viel zu früh zum Aufstehen, wie immer. Isliker wirft einen Blick auf den Wecker, zwei Stunden sollte er schon noch liegen bleiben, obwohl er weiss, dass mit Schlafen nichts mehr ist. Um fünf ist er auf, geduscht, angezogen, schnell noch einen Kaffee. Er schlüpft hinter das Steuer, lässt den Motor an, beugt sich weit vor, dass er die Kälte der Windschutzscheibe spüren kann. Ihretwegen liebt er sein Auto. Die Welt hinter Glas. Es regnet, er wird nicht nass. Das Tal zieht vorbei, Kühe muhen, Menschen sprechen an der Bushaltestelle miteinander, andere Autos kommen ihm entgegen, doch er hört nichts. Alles wegen dieser Scheibe. Hier, von ihr geschützt, kann ihm die Welt nichts anhaben. Die Kritik der Kollegen an seiner Person - hier trifft sie ihn nicht. Der Leistungsdruck am Arbeitsplatz - hier kann er darüber nur lachen. Isliker drückt aufs Gas. Die Welt zieht an ihm vorbei. Die Welt ist schön. 


Markus A. Hediger am 30.01.2007
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Cybertod

Am 14. Januar ging ein Aufschrei durch die brasilianische Bloggerszene: Meg, Betreiberin des Weblogs sub rosa, war tot. In einigen Emails, die ich von ihr letztes Jahr erhielt, hatte sie ihre Krankheit angedeutet, nie aber durchscheinen lassen, wie ernst es um sie stand. Dann, am 15. Januar, schrieb mir Juliana vom “Depois da Queda”, die mir bei der Übersetzung der Texte für Avenida Perdida geholfen und mir von Meg empfohlen worden war, entsetzt und völlig verzweifelt von Megs Krebstod. Auf sub rosa gingen Hunderte von Kommentare ein. Beileidsbekundungen, Dankeschöns für die Freundschaft einer Frau, die kaum jemand persönlich kennengelernt hatte - ausser eben per Email. (Vom Krankenbett aus hatte Meg ein ausführliches Interview mit meiner Frau und mir geführt, sie war hartnäckig gewesen, bisweilen nervend bohrte sie nach.) Am 23. Januar publizierte Megs Lebenspartner eine bewegende Liebesgeschichte unter dem Titel: “Meine Frau ist tot.” Darin beschrieb er ihre letzten Lebenstage. Am 24. Januar, angeregt durch ebendiesen, posteten Dutzende von Weblogs eine Hommage an Meg. Rosen überall und Tränen. Ich las sie, mit einem dicken Kloss im Hals, alle. Auch die Kommentare. Als ich dann auf Fabios Weblog, das ich regelmässig lese und wo auch ein Beitrag zu Megs Tod gepostet worden war, einen bösen Kommentar las, der Megs Tod als Farce bezeichnete, dachte ich an einen schlechten, geschmacklosen Scherz. Cyberzeugs eben. Ich ging auf die Webseite des Kommentators, auch dort eher polemische Beiträge zum Thema.
Heute schliesslich fand ich auf Cora Ronais Weblog (sie ist angesehene Journalistin in Rio, eine der ersten, die über Weblogs und Webentwicklungen in Brasilien schrieb) einen Aufruf, das leidige Thema um Megs Tod endlich fallen zu lassen. Meg sei krank, psychisch krank. Und dass ihre Krankheit ebenso unser Mitgefühl verdiene wie ihr angeblicher Tod.
Geht man heute auf sub rosa, findet man dort drei Beiträge auf lateinisch. Gepostet von einem “Leo Grutas”.
Meg lebt. Sub rosa ist tot.

(Engel haben keine Lippen.)

[Das Web hat seine eigenen Gesetze, seine eigene Realität. Über Kyberrealität finden Sie >>> hier vieles, vieles mehr.]


Markus A. Hediger am 27.01.2007
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Blendwerk

Traut den Engeln nicht. Glaubt nicht ihren Trompeten und Posaunen, wenn sie das Ende verkünden. Misstraut ihren Harfen und Lauten, wenn sie von der Liebe künden. Denn von Liebe verstehen sie nichts. Engel gibt es nicht.


Markus A. Hediger am 26.01.2007
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