Worthülsen
Im “Handbuch für Selbsterhaltung”, das jeder Grenzsoldat am Tage seiner Vereidigung erhalten hat, finden sich - eingebettet in die Geschichte des Gewehres - folgende Zeilen:
“Das uns bedrohende Unbegreifbare wird durch unsere Sprache isoliert, verdichtet und geformt, bis es greifbare Gestalt annimmt. So verfahren wir mit allem, das unser Gemüt bedrängt und wofür wir keine Worte finden: Wir schneiden es mit scharfer Zunge wie einen Tumor aus unserem Innern, wir legen es vor unser Auge, geben ihm einen Namen und schiessen darauf. Das Gewehr ist eine Worthülse.”
“Das Gewehr”, schreibt auch Bellelli in seinem Tagebuch, “ist eine Worthülse. Ich habe sie aufgebrochen und darin nichts gefunden. Sara heisst die Frau, die mich besuchte. Ich verstand ihren Namen nicht, doch als sie ihn mir öffnete, fand ich darin Gase, die sich verflüchtigten und sich meinem Zugriff entzogen.”
Ich liege mit dem Rücken auf der Oberfläche. Von den Hängen in der Ferne murmelt der Wind herab. “Versucht nicht, den Wind zu verstehen”, heisst es an anderer Stelle im Handbuch. “Er gaukelt euch vor, es gebe eine andere Sprache als die unsere. Achtet auf den Feind, der aus dem Norden kommt.”
Der Heissluftballon
Es war an einem Donnerstag. Ich sass im Klassenzimmer und blickte auf endlose Zahlenreihen an der Tafel, als es an der Tür klopfte, der Schuldirektor den Kopf hereinsteckte und mit der Lehrerin einige Worte wechselte. Sein Gesicht war ernst und immer wieder ging sein Blick zu mir. Die Lehrerin nickte schliesslich, seufzte und rief mich zu sich. Vor dem Schulzimmer warteten meine Eltern. Sie wirkten etwas bleich und wortlos führten sie mich hinaus zu unserem Wagen.
Zuhause lag bereits Wäsche für mich bereit: Stiefel, alte, zerrissene Hosen und ein T-Shirt, das ich nicht mochte. Mein Vater wartete im Wagen, ich zog mich widerwillig um.
“Was ist passiert?” fragte ich, als wir alle wieder im Wagen sassen.
“Das haben wir dir doch schon so oft erklärt, Junge!” antwortete meine Mutter. An ihrer Stimme merkte ich, dass sie angespannt war und keine weitere Diskussionen wünschte.
Der Wagen hielt vor dem Altersheim. Mutter stieg aus und verschwand im Gebäude. Ich blieb mit meinem Vater im Wagen und erzählte ihm einen Witz, den ich in der Schule gelernt hatte. Er lachte nicht.
Endlich tauchte Mutter wieder auf. An der Hand hielt sie meinen Grossvater. Er versuchte, sich von ihr loszureissen. Tränen liefen ihm über die Wangen. Zusammen gelang es meinen Eltern, Grossvater in den Wagen zu stossen.
“Ich will nicht wegfahren!” wimmerte Grossvater. “Mir gefällt es im Altersaheim! Wohin bringt ihr mich?”
“Wir haben doch schon so oft darüber gesprochen, Papa!” antwortete meine Mutter. Ihr Stimme klang jetzt noch angespannter. Wir hatten die Stadtgrenze bereits hinter uns gelassen und Grossvater weinte noch immer. Mein Vater fuhr den Wagen an den Strassenrand, hielt an und drehte sich zu Grossvater um: “Du musst jetzt stark sein, Vater. Bitte mach die Sache nicht noch schwieriger, als sie es ohnehin schon ist.”
Wir fuhren weiter. Grossvater beruhigte sich und erzählte mir von der ersten Nacht mit Grossmutter.
“Halt den Mund, Papa!” rief meine Mutter. Ich war erst acht Jahre alt.
“Schon gut, Grossvater”, sagte ich, “du hast mir die Geschichte schon oft erzählt. Weisst du das nicht mehr?”
Der Wagen kam an einem Waldrand zum Stehen. Wir stiegen aus. Da erinnerte sich Grossvater plötzlich wieder an den Zweck unserer Reise und brach erneut in Tränen aus.
“Wir sind spät dran”, sagte mein Vater. “Beeilt euch!”
Wir durchquerten den Wald zu Fuss. Vater ging voraus. Mit einem Buschmesser schlug er einen Pfad ins Dickicht. Mutter bildete die Nachhut, um Grossvater im Auge zu behalten, der wiederholte Fluchtversuche unternahm.
Sie seufzte erleichtert auf, als der Wald sich schliesslich auftat und wir auf eine Lichtung traten, in deren Mitte sich ein riesiger Heissluftballon befand.
Zuhause hatten wir die Situation schon oft durchgespielt. Ich wusste, was ich zu tun hatte. Ich verabschiedete mich von Grossvater. Mit vereinten Kräften hoben meine Eltern Grossvater in den Korb und lösten die Leinen.
Der Ballon begann, langsam zu steigen. Grossvater versuchte, hinauszuspringen, doch schrak er zurück, als er sah, wie tief der Fall sein würde. Mit traurigen und leicht verwunderten Augen blickte er zu uns herab.
Als der Ballon schliesslich zwischen den Wolken verschwand, fuhren wir zurück und die Eltern setzten mich vor der Schule ab.
Oberflächensemantik
Die Beschaffenheit der Oberfläche ist unerforscht. Alles, was ich bisher an Erklärungsversuchen gehört habe, sind Spekulationen. Ich habe Modelle gesehen, die keinerlei Ähnlichkeit mit ihr aufweisen. Die Oberfläche verändert sich.
In seinem Tagebuch äussert Bellelli den Verdacht, die Vorgesetzten irrten sich. Sie, behauptet er, glaubten, dass die Oberfläche aus Wörtern besteht. Sprache sei ein engmaschiges Netz, durch das nur der Unvorsichtige falle. Deshalb auch die Angst vor dem Feind aus dem Norden. Er spricht eine andere Sprache. Doch nach seiner Begegnung mit jener Frau weist Bellelli die Theorie seiner Vorgesetzten zurück. “Diese Frau und das, was sie aus mir heraus wirkte, ist mit Worten nicht zu beschreiben”, schreibt er.
Ich teile Bellellis Auffassung nicht. Die Erklärung der Vorgesetzten dafür, dass es keine Kinder gibt, ist noch immer die beste, die ich bisher gehört habe. Ich gebe mein Gewehr nicht aus der Hand.
Kontraktionen
Man spürt sie. “Deutlich”, schreibt Bellelli. Die Vorstellung versagt mir ein klares Bild dieser Vorgänge.
Mit der offenen Hand fahre ich über die Oberfläche. Ich knie auf dem Boden und befühle die Erde. Sie ist geschmeidig, weich, weicht unter dem Druck meiner Hand zurück.
Zuerst, so Bellelli weiter, sei eine Verhärtung wahrzunehmen. Sehr plötzlich. Als schreite man auf fester Erde. Die Verhärtung, wahrscheinlich bewirkt durch ein Zusammenziehen, eine Verdichtung der Elemente, wölbt die Oberfläche und gibt ihr Gestalt. “Als ich der Frau meine Angst zu erkennen gab”, berichtet Bellelli, “bat sie um meinen Beistand.”
Vielleicht erkannte Bellelli die Gefahr nicht. In den Handbüchern wird sie nur angedeutet. Wie Samt fühlt sich die Erde an.
Oberflächenspannung
"Ich habe eine Frau kennengelernt”, schreibt Bellelli, der Deserteur. Am Zittern habe sie ihn erkannt.
Den Kopf an die Erde gedrückt, zuerst die Stirn, dann das Ohr, versuche ich, Veränderungen in der Oberflächenspannung wahrzunehmen. Auf das Augenlicht ist kein Verlass. Jeden Morgen, sobald die Sonne ihr Licht über die Falten und Verwerfungen der Ebene hinwegwirft, steige ich auf den Aussichtsturm und blicke in den Norden. Nichts Neues. Bellelli habe die Frau nicht kommen sehen, schreibt er. Plötzlich sei sie über ihm gewesen und habe sich ihm erklärt. Erst nach langen Gesprächen sei er in der Lage gewesen, sie zu erkennen. “Ich habe sie gesehen”, schreibt er. Und gleich darauf den Satz: “Ich finde mein Gewehr nicht wieder.”
Meine Vorgesetzten haben versucht, es der Liebe zuzuschreiben. Unter Strafandrohung ist das Verbot erlassen worden, sich mit Einheimischen einzulassen. Augenwischerei, denke ich.