20061124
"Was ist das?” fragt Kristin.
“Heute ist dein achtzehnter Geburtstag”, antwortet der Vater liebevoll.
“Was ist das?” wiederholt Kristin mit Nachdruck.
Zwischen den Geschenken findet sie ein Tonband, daran befestigt eine Glückwunschkarte des Departements für Kultur und Gedenken.
“Dies”, sagt der Vater, “ist deine Hinterlassenschaft. Hierauf darfst du die sechzig Minuten deines Lebens sprechen, die man in Erinnerung behalten wird.”
Die übertriebene Sorge der Bevölkerung von Labrador um ihr erinnertes Fortleben nach dem Tod hatte das gesamte Land in einen Zustand der Lähmung versetzt. Die Angst, etwas zu tun, was in schlechter Erinnerung bleiben könnte, hatte eine Kultur der langweilenden Höflichkeit hervorgebracht. Man verzichtete auf ein interessantes Leben, weil man den Neid des Nachbarn fürchtete. Man vermied Veränderungen im Leben, mied gar Liebesabenteuer, um keinen Anlass für Hass oder Bitterkeit zu geben. Das Land befand sich in einem Zustand tiefsten Stillstands.
Die von der Regierung gefundene Lösung war denkbar einfach: Sie übertrug jedem Bürger das Recht, selbst zu bestimmen, wie er erinnert werden mochte. Um jedoch jeder Art von Missbrauch vorzubeugen, wurde der Umfang der zu hinterlassenden Erinnerungen auf die sechzig Minuten eines Tonbands beschränkt. Dieses Tonband würde dann während der Beerdigung abgespielt und gleich anschliessend in der Friedhofskapelle archiviert, zu der die Lebenden freien Zugang besassen und wo sie jederzeit die Erinnerungen an ihre geliebten Toten auffrischen konnten.
Das neue Gesetz zeigte innert kürzester Zeit ausserordentliche Wirkung. Das Volk von Labrador erwachte aus seiner Lethargie. Unternehmer, Erfinder und Künstler entdeckten ihre wahre Berufung wieder und strebten nach Erfolg. Herzen wurden wieder gebrochen. Verbrechen, von denen man seit Jahrzehnten nichts mehr gehört und die man ausgemerzt glaubte, versetzten das Land in Unruhe und Angst. Niemand kümmerte sich mehr um die Auswirkung seiner Handlungen auf das Leben seiner Mitmenschen. Auf die Erschaffung von fiktiven und glorreichen Erinnerungen spezialisierte Agenturen schossen wie Pilze aus dem Boden. Sie entfernten jeden dunklen Fleck aus der Biografie ihrer Kunden. Für jene, die es vermochten, standen sogar Schauspieler zur Verfügung, die mit ihren sonoren Stimmen den Erinnerungen den gebührenden Wohlklang verliehen.
Geduldig erklären die Eltern ihrer Tochter sämtliche Möglichkeiten, die ihr der Markt bietet.
“Überleg’s dir gut”, sagt der Vater. “Was du auf dieses Band sprichst oder sprechen lässt, wird auf ewig bestimmen, wie sich die Nachwelt an dich erinnert.”
“Überleg’s dir aber nicht zu lang”, sagt die Mutter. “Manch einer ist gestorben, da machte er sich noch Gedanken und das Band blieb leer.”
Kristin antwortet nicht. Sie hat Tränen in den Augen.
des Textes zu der Bilderserie “corte corto” von Rittiner & Gomez.
(Eben sah ich, dass die ursprünglich für den Text verwendete Bilderserie nun ebenfalls einige Änderungen erfahren hat. Bilder einer anderen Geschichte.)