Das Alibi

Auch Unschuldigen widerfährt Böses.
So soll’s aussehen.
Die Schachteln in meiner Garage sind sorgfältig angeordnet. Es steckt minutiöse Planung dahinter. So und so viele Schachteln, jede mit zwölf Kanten, acht Ecken, sechs Aussenflächen. Unzählige Kombinationsmöglichkeiten. Nur eine davon erzählt die Geschichte meiner Unschuld. Mein Alibi.
Unschuld muss fortgeschrieben werden, sie muss sich gegen Anklagen des Lebens behaupten. Deshalb musste ich immer und immer wieder weitere Schachteln hinzufügen. Doch jede neue Schachtel verschob das bestehende Gefüge. So sah ich mich gezwungen, die Garage auszuräumen und sämtliche Schachteln neu anzuordnen. Jetzt ist die Garage voll.
Sie hat ja recht, wenn sie sagt, jetzt ists genug. Das Auto ist weg.

Suburbia |
Markus A. Hediger am 04.11.2006
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Der Farbenkreis

Es ist nicht das erste Mal, dass ich das Garagentor öffne.
Für jede Schachtel, die hinzukam, sollte eine hinaus. So war es vereinbart gewesen. Ich habe es nie übers Herz gebracht.
Jetzt ists genug, hat sie gemeint, das Auto ist weg.
Staub, hörte ich, besteht zum grössten Teil aus menschlichen Hautpartikeln. Ich wische ihn vorsichtig von einem Schachteldeckel.
Klappe auf: Notizen aus einem Gestaltungsseminar, das ich damals beschwingt verliess. Empowered, sagen die Amerikaner dazu. Regeln für die Blattaufteilung, Richtlinien für die Schriftwahl, Tipps für die Bildersuche, Anmahnung zum sparsamen Umgang mit Illustrationen: Alles schien so einfach. Primäre, sekundäre, tertiäre Farben. Die Beziehungen monochrom, analog, komplementär. Regeln für das Zusammengehen. Doch die Ernüchterung, als ich merkte, als ich anwandte, was ich gelernt hatte, als es mir vorkam, als hätte ich, was ich machte, schon mal gesehen. Meinen Entwürfen unterliegt der Farbenkreis. Vergilbt und von Schimmel befallen. Aber wegwerfen? Die Luft ist feucht. In Miami, während ich auf den Anschlussflug wartete, verliess ich den Terminal für eine Zigarette. Der Rauch blieb hängen, so schwül war’s da. Die Farben waren kräftig. Und scherten sich einen Dreck um Abstimmung und Gesetze, die das Wohl des Auges regieren. Ich verliess Miami gern, flog weiter nach Kalifornien. In Küstennähe war Kalifornien wie in den Filmen gezeigt. Kindlich, hat sie es genannt, deine Sehnsucht nach Regeln. Nicht, weil sie sie abgelehnt hätte. Kindisch, sagte sie nicht kindisch? : Die Unordnung in der Garage. Es ist alles in Schachteln verpackt, sagte ich.
Staub besteht zum grössten Teil aus menschlichen Hautpartikeln.
Das Gefährliche am Staub sei sein Anteil an zerstäubtem Rattendreck.

Suburbia |
Markus A. Hediger am 03.11.2006
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Suburbia und die Schachteln. I

Hartmut Abendschein hat die Angewohnheit, sehr gute Texte zu schreiben. Bisweilen finden sich (Text-)Reihen darunter, die, in anderen Köpfen eingereiht, neue Ordnungen schaffen: als verschöbe sich die Sprache in ein neues Gefüge. Das geschah mir bereits einmal mit “die stadt - kein zyklus”. Ich schrieb dazu “Die Stadtstreicher”, schliesslich entstand aus dieser Ko-Respondenz das Projekt “urban studies”, das voraussichtlich im Frühjahr 2007 als kleines Büchlein erscheinen wird.
Nun ist es wieder geschehen. Abendschein hat “Schachteln” gefunden, geöffnet und ich habe hineingeschaut. Wohin das diesmal führt, keine Ahnung. Mein Auto ist weg, ich stehe vor der Garage (sie selbst eine Schachtel) dazu verdonnert, sie auszuräumen.

Suburbia |
Markus A. Hediger am 02.11.2006
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