Das Archiv

Die Kassetten, zwei mal dreissig Minuten, werden in der Friedhofskapelle aufgebahrt. Immer wieder sieht man Trauernde die sechzig Minuten Leben in ein Kassettengerät schieben und dem Klang einer verstorbenen Stimme lauschen. Wer mag, kann sich auch eine der unzähligen Kassetten von den Regalen pflücken, die an den Wänden des Gotteshauses entlang in die Ewigkeit laufen. Kopfhörer liegen bereit.
Die Kirche unterhält eine auf die Restaurierung von Tonbändern spezialisierte Abteilung. Kassetten sind sensible Tonträger. Feuchtigkeit setzt ihnen arg zu. Am meisten leiden die Kassetten unter dem gefürchteten Bandfrass. Wenn sich das Magnetband in den Rollen verfängt und in das Gerätinnere gespühlt wird, wo es sich um ineinander greifende Zahnräder wickelt und zerknittert. Seit langem liegt der Antrag auf die Einführung einer neuen Aufzeichnungstechnologie vor. 

Kiruna |
Markus A. Hediger am 15.11.2006
(0) Kommentare • (0) TrackbacksPermalink

Das Vermächtnis

Auf Labrador gibt es unter den Toten solche, denen die Zeit nicht gegeben war, sechzig Minuten lang zu sprechen. Für sie sprechen die Angehörigen, die Freunde, die Hinterbliebenen. Es sei denn, der Verstorbene habe eine Verfügung unterzeichnet, wonach die Kassette nicht zu besprechen sei. Schiebt man sie in das Abspielgerät, hört man nur ein Rauschen, ein elektromagnetisches Schnaufen, das allemal tröstlicher und ehrlicher tönt als das, was man am Grab sich so erzählt.
Sechzig Minuten darf das Vermächtnis dauern, das man hinterlässt. Die Kassette wird den Bürgern von Labrador am 18. Geburtstag zugestellt. Von da an lebt man für die eine Stunde, die man darauf sprechen wird. 

Kiruna |
Markus A. Hediger am 14.11.2006
(0) Kommentare • (0) TrackbacksPermalink

Ich kann nicht

"Lass mich sterben”, sagt der Mann, eingeklemmt hinter dem Steuerrad. Das Armaturenbrett drückt auf seine Oberschenkel. Er spürt seine Füsse nicht mehr. Die Frau beugt sich durch das geborstene Fenster vorsichtig zu ihm hinein. “Ich kann nicht”, sagt sie. Sie stabilisiert seinen Nacken. So gut es eben geht. Der Aufprall hat das Wageninnere eng gemacht.
“Ich kann nicht”, hat sie auch dem Polizisten gesagt, als er von ihr verlangte, die Namen der Verschwörer zu nennen. Spät in der Nacht hat er sie laufen lassen. Zu Fuss hat sie sich auf den Heimweg gemacht. So gelangte sie an die Unfallstelle.
“Ich kann nicht”, wiederholt sie. Nicht auszumalen, was geschähe, wenn sie es täte. Sie denkt an die Namen derer, die sie nicht kennt.

Los Alamos |
Markus A. Hediger am 14.11.2006
(0) Kommentare • (0) TrackbacksPermalink
Seite 6 von 12 « Erste  <  4 5 6 7 8 >  Letzte »