Der Besuch
Der Strand ist weder Land noch See. Es ist nicht Land, weil sich hier nichts anpflanzen lässt. Es ist nicht Land doch auch nicht See, obwohl die Wellen, die täglich drüber hinwegfahren, in den Sand ihren Schwung in Form ihrer Gestalt hineindrücken. Wie die Meereswellen sind auch diese Bodenwellen unbeständig und bewegen sich mit dem Wind. Der feine streifen Sand zwischen hohen Klippen (Land) und Brandung (See) ist Hoheitsgebiet der Strandsegler und der Seefahrer. Die Strandsegler erblickten den Schiffbrüchigen zuerst. Sie warnten die Seefahrer mit ihrem Geschrei. Als das Floss in greifbare Nähe geschwemmt war, zogen es die Seefahrer an den Strand. Sie boten dem erschöpften und dehydrierten Makaken etwas Wasser an. Dieser verdrehte die Augen in Dankbarkeit und kratzte sich das Fell. Er erzählte seinen Rettern von der Überfahrt, von der Hitze bei Flaute und von der Verzweiflung im Sturm. Den Seefahrern war ihr Misstrauen gegenüber dem Primaten anzumerken. Erst als er ihnen berichtete, dass er nur durch einen dummen Zufall, durch eine unverzeihliche Unachtsamkeit aufs Meer geraten war, akzeptierten die Seefahrer den Makaken als einen der ihren.
Niemandsland
Der Strand, ein feiner Sandstreifen zwischen Brandung und steilen Klippen - ausser einigen wenigen Seeleuten ist niemand da. Niemand will den Strand. Niemand erhebt Anspruch auf ihn, niemand verteidigt ihn. Die Kanonen oben auf den Felsen sind auf das Meer gerichtet. Gelingt es nicht, den Feind auf dem Wasser schon zurückzuschlagen, wird die Schlacht im Landesinnern geschlagen. Nicht am Strand. Die Fischer, wenn sie von ihren nächtlichen Ausfahrten zurückkehren, eilen so schnell es geht mit ihrer Schmugglerware über den Sand und verschwinden zwischen den Palmen. Niemand mag den Strand. Der Strand ist eine Zone der Unentschiedenheit, weder Land noch Meer. Deshalb halten sich die Seefahrer hier so gerne auf. Hier sind sie in Sicherheit.
Wozu es dient
Der Chronist Matthias Walder hat sich ganz der Liebe verschrieben. Er geht durch die Gassen und Strassen der Stadt und lädt Ehepaare, Liebespaare, Liebhaber und ihre Liebhabereien zu sich nach Hause ein. Er befragt, bewirtet sie. Man fühlt sich wohl bei Matthias Walder und geniert sich seiner Liebe nicht. Manchmal braucht es einiges an Überredungskunst, bis sich die Gäste dazu bewegen lassen, ins Terrarium zu steigen. Doch ist man einmal drin, verfliegen die Bedenken rasch. Das Terrarium ist ein Liebesnest. Wenn dann auch noch die Nacht hereinbricht und kein anderes Licht mehr brennt als die Wärmelampe des Terrariums, vergisst man rasch, dass die Wände allesamt aus Glas gefertigt sind und Matthias Walder mit seinen wachen Augen jedes Liebesspiel aufmerksam verfolgt, womit man sich aneinander zu schaffen macht.
Die Beliebigkeit der Erinnerungen
Am nächsten Tag begibt sie sich auf den Friedhof. Sie betritt die kleine Kapelle. An ihrer Unsicherheit und an ihrem Alter erkennt der Priester den Grund ihres Besuchs. Er führt sie an die endlosen Regale heran, in denen die zahllosen Kassetten bereits Verstorbener aufgebahrt sind. In wenigen Worten erklärt er ihr die Funktionsweise des Kassettenrekorders, reicht ihr einen Kopfhörer und lächelt ihr aufmunternd zu. Dann lässt er sie allein.
Kristin verbringt den Tag damit, wahllos Tonbänder abzuspielen. Sie will wissen, was möglich ist, hofft auf Inspiration. Die ersten Erinnerungen der Toten hört sie sich noch ganz an. Vier Stunden, vier Leben. So komme ich nicht weit, denkt sie, während sie auf ihrem mitgebrachten Sandwich herumkaut. Nach der Mittagspause geht sie dazu über, in die Kassetten nur hineinzuhören, vorzuspulen, zwei Minuten den manchmal enthusiastisch, manchmal müde vorgetragenen Leben zu lauschen. Ein Leben knüpft nahtlos an das andere an, es ist völlig egal, wer da spricht, was der da erzählt, der nicht mehr ist.
Als sie entdeckt, dass es unter den Toten auch solche gibt, denen die Zeit nicht gegeben war, sechzig Minuten lang zu sprechen, erinnert sie sich an die Worte ihrer Mutter. Für diese sprechen die Angehörigen, die Freunde, die Hinterbliebenen. Es sei denn, der Verstorbene habe eine Verfügung unterzeichnet, wonach die Kassette nicht zu besprechen sei. Schiebt man sie in das Abspielgerät, hört man nur ein Rauschen, ein elektromagnetisches Schnaufen, willkommene Ruhe.
Das grosse Vergessen
Im Durchschnitt sind einem Leben auf Labrador 26’280’000 Minuten gegeben. Wie, fragt sich Kristin nun, ist es möglich, mehr als 26 Millionen gelebter Minuten auf eine Stunde zu reduzieren? Ich bin jetzt achtzehn, was in etwa 9,5 Millionen bereits gelebten Minuten entspricht. Müsste ich in diesem Moment meine Erinnerungen auf Band sprechen, kämen auf jede erinnerte Minute ca. 158’000 weitere, die dem Vergessen geopfert werden müssten. Das, schreibt Kristin, ist ein zu grosses Opfer. Es käme dem Eingeständnis gleich, dass ich mein Leben (mit Ausnahme der fraglichen 60 Minuten natürlich) umsonst gelebt hätte.
Selbstverständlich weiss sie aber auch, dass es kein Entkommen gibt: Das Band ist das einzige legale, erlaubte und gesetzlich anerkannte Erbe, das ich hinterlassen darf. Ob ich will oder nicht, eines Tages werde ich meine Wahl treffen müssen: welche 60 Minuten erinnert und welche 26’279’940 vergessen werden sollen.