Pfütze im Sand
Von der Sehnsucht hervorgebrachte Bilder zeichnen sich schärfer ab als die Erinnerungen. Erstere überlagern kraftvoll das vermeintlich Erlebte. Es gilt, sie auseinanderzuhalten. Was aber, wenn es Erinnerungen an die Sehnsucht sind, die diese Bilder erzeugen? Woher kommt diese Sehnsucht?
Die Lagerhalle
Wo unzeitgemässe, aus der Mode gekommene Räume eingelagert werden. Sie werden nicht eingerissen, nein, Mode durchläuft bekanntlich Zyklen. Kehren kunstästhetische Strömungen wieder, bedarf es nur geringer Restaurierungs- und Modernisierungsarbeiten, um einen Raum wieder gesellschaftsfähig zu machen. Sprache entwickelt sich ja.
Eine Bibliothek? fragt die Philosophin.
Er schlendert voraus, sie öffnet eine andere Tür, schliesst sie hinter sich. Selten bleibt sie an einem Fenster stehen. Dann blickt sie hinaus, geniesst die Aussicht, wie jene auf die Industrieanlagen mit ihren dampfenden Schornsteinen. In diesem Zimmer verbrachte sie die ersten Jahre ihres Lebens. Erinnerungen steigen auf. Sie weicht in einen anderen Raum aus. Da ist das Schifffahrtsmuseum, das sie bewog, nach den Gründen zu fragen.
Vor einem Fenster, unter dem die Worte
Sonnenuntergang im Frühling
geschrieben stehen, setzt sie sich hin. Es klopft an die Tür, der Maurer steckt seinen Kopf hinein.
Ach, da bist du also.
Er setzt sich zu ihr.
Schön, nicht wahr.
Doch die Philosophin antwortet nicht. Sie steht auf, tritt ans Fenster und mit den Fingernägeln kratzt sie die Sonne aus dem Satz.
Schweigend beobachten beide, wie sich der Ausblick verändert.
Das kann’s doch nicht sein, oder? meint sie und geht.
Der Salon
Woher kommen die Texte für die Fensterrahmen? Oder für die Wände, wo keine Fenster sind? fragt die Philosophin.
Ich bin kein Poet, sagt der Maurer.
Es ist deine Handschrift. Woher also?
Er legt den Ursprung ihrer Fragen als Neugierde aus, versteht sie als kaschiertes Interesse an seiner Person.
Hinter einer Tür ist angeregtes Plaudern zu hören. In der Regel reicht das, um Unbefugte davon abzuhalten, sie zu öffnen. Den Unachtsamen und Überhasteten zuliebe wurde das Schild angebracht: Zutritt verboten.
Es ist kein schöner Anblick: Auf einer einem Fenster nachempfundenen Projektionsfläche überschlagen sich Bilder einer phantastischen, unerträglichen Welt. Im Raum verteilt kauert die Avantgarde der Dichtergilde über Tastaturen, in die sie ihre Sprachexperimente tippen. Interessante Ansätze werden von einer Kulturkommission auf ihre Massentauglichkeit hin überprüft und diskutiert. Passiert ein Weltbild diese Hürde, wird der entsprechende Satz per Kurier in ein Nebenzimmer gesandt, wo Auftragsschriftsteller ihn in eine allgemein verträgliche Form bringen. Von da geht es in ein Ablagefach, das der Maurer regelmässig leert.
Die Philosophin zeigt sich sichtlich verstört und der Maurer fragt sich, ob es nicht vielleicht ein Fehler war, sie herzubringen.
Die allermeisten dieser Sätze schaffen es nie an eine breite Öffentlichkeit, sagt er, aber sie werden benötigt, um einer eventuellen Stagnation in der Entwicklung unseres Weltbilds entgegenzuwirken.
Das ist alles?