Das Krankenzimmer

Illusionen heilen. Hier liegen die Desillusionierten. Konsequenterweise sind die doppelt verglasten Fenster nicht getönt, die Rahmen aus modernen Leichtmetalllegierungen nicht beschriftet. Die Kranken sollen sich ernstgenommen fühlen. Was hier zählt, sind ihre eigenen Geschichten.
Die Krankengeschichten sind auf die Aussenwand geschrieben. Jeder, der vorbeikommt und durch das Fenster blickt, soll wissen, wer darin liegt. Und weshalb. Dem “Selber schuld” werden leise gefauchte Geschichten entgegengehalten. Wisst ihr, zischt es von den aufgeschlagenen Fensterläden, von dem Leid, das ihr uns zufügt? Ihr tätet es nicht, wenn ihr von dem Elend wüsstet, das wir gesehen haben. Ihr läget neben uns.
In einem Raum, der an Bettenmangel leidet. Oder an chronischer Überbelegung. Wie man’s nimmt. Folge einer verfehlten Gesundheitspolitik.
Gebt den Kranken Stifte in die Hand und schiebt ihre Betten unter die Fenster, hat der Maurer den Ärzten zugeflüstert, es muss ja keiner was davon erfahren. Natürlich weiss er, dass es Zeit braucht und die Aneignung gewisser Fertigkeiten. Aber Geld für externe Experten ist ja nicht vorhanden, die Gesundheitskosten explodieren, die dringend benötigte Innenraumexpansion wurde aus dem Budget gestrichen. Weshalb also nicht…
... die Patienten dem eigenen Schicksal überlassen? haben da die Ärzte gefragt.
Nein. Das Schicksal in ihre Hände geben.
Diesen Unterschied versteht kaum einer. Da mag der Maurer den Ärzten keinen Vorwurf machen. Er hat versucht, es ihnen zu erklären, doch jetzt muss er weiter und eilt davon. Und hinter ihm her eine Meute von fünf sechs. Einer von ihnen ist krank.

Timbuktu |
Markus A. Hediger am 26.10.2006
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Das Refektorium

Was bei aller Beschreibung schnell vergessen geht: Die Meute von vier fünf, die dem Maurer dicht auf den Fersen folgt, ist hartnäckig und lässt sich nicht so schnell abschütteln. Zu gross sind die Verlockungen des Unbekannten.
Also reiht er sich in der Schlange hinten ein, verbirgt den Eimer voller Mörtel unter einem Tablett. Er vertraut ganz auf die Wirkung der Düfte, die unter den Fenstern des grossen Raumes beschrieben sind. Tisch reiht sich an Tisch an der Wand entlang, leises Murmeln der Vorleser ist zu hören. Langsam schiebt sich die Schlange am Buffet vorbei, Unansehnliches häuft sich auf den Tellern. Aber diese Düfte! Als strömten sie durch die offenen Fenster herein. Als sei die Welt ein Kochtopf, in dem sich alle Kräuter und Gewürze wunderbar zusammentun.
Die Nase isst mit. Gerüche öffnen den Appetit. So heisst es doch im Volksmund. Still lacht der Maurer in sich hinein. Auf diesen Raum ist er ganz besonders stolz. Es sind die Gedanken, die kochen. Menüs, die er an die Fensterrahmen schrieb, verzaubern die Gäste und lassen vergessen, dass es eine Kantine ist, in der man sitzt. Andächtig werden Augen geschlossen, Nasen in den lauen Wind gehoben, der durch die Fenster strömt.
Ruhig ist’s. Geniessend isst sich’s inmitten klangvoller Rezepte. Dass der alltägliche Kampf um Eigenraum nur eine Tür entfernt weiter tobt – daran denkt hier keiner mehr.
Dass die Meute von vier fünf, nun verteilt an verschiedenen Tischen unter diversen Fenstern, auch den Eimer mit Mörtel auf seinem Schoss vergisst – das erhofft sich der Maurer, der, um der eigenen Versuchung nicht zu erliegen, für dieses eine Mal nichts liest.
Doch wer isst, wird satt. Ein voller Bauch erträgt Gerüche, die Speisen preisen, nicht. Er braucht Bewegung.

Timbuktu |
Markus A. Hediger am 26.10.2006
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Das Hinterzimmer

Die Wand, die der Maurer aus Weiden flicht und mit Mörtel verputzt, ist nur Vorwand. Ein Mittel zum Zweck. In eine Wand gehört ein Fenster, um das Fenster ein kunstvoll erdichteter Rahmen. Deshalb ist ihm das dunkle Zimmer verhasst, das man betritt, indem man zuerst im Restaurant eine üppige Mahlzeit zu sich nimmt, danach die Küche inspiziert und als Vorwand Vorfreude nennt, um nun auch Vorratskammer zu begutachten, und schliesslich hinter einem Regal jene Luke findet, die in besagtes fensterlose Zimmer führt.
Hier Tagen die Politiker. Hier hecken sie die Wahlslogans aus, hier malen sie ihre Schlagworte an die Wände und überprüfen ihre Wirksamkeit. Die Stadt muss befriedet werden. Man ist sich einig. Grund allen Übels sind die unterschiedlichen Aussichten auf die Welt. Sie erzeugen Neid, Missgunst, Habgier und Klassenunterschiede. Nichtssagend muss den Einwohnern von Timbuktu die Welt erscheinen, dann wird ein Raum ihnen nur das sein, was er ist: ein Raum und den anderen gleich.
Also schwärmen sie aus und übertünchen die Fensterläden mit Kalk, warten, bis er trocknet, und kopieren dann darauf die Worte von den Wänden ihres Sitzungszimmer.
Das Problem ist: Niemand will ihnen glauben. Kaum sind die Politiker verschwunden, engagiert Timbuktus Bevölkerung ihre Dichter, die der politischen Weltfremdheit die Fremde nehmen. Wir fördern die Kunst, sagen daher die Politiker, ohne uns wären unsere Schriftsteller arbeitslos. Doch der Maurer schüttelt traurig nur den Kopf und denkt mit Wehmut an all die Welten, die unter dem Kalk schon verblichen sind.

Timbuktu |
Markus A. Hediger am 26.10.2006
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