Der Hörsaal

Weshalb ist es nie Nacht in Timbuktu? fragt sie. Der Maurer und die Philosophin lassen sich etwas zurückfallen. Mit einem Nicken oder einem kurzen Fingerzeig weist der Maurer der Meute den Weg, wenn sie – unschlüssig, durch welche Tür nun zu gehen sei – stehenbleibt und sich ratsuchend an ihren Stadtführer wendet.
Müde?
Ich will die Sterne sehen.
Ein kleiner Umweg wird nicht schaden.
Still, seid jetzt still, bedeutet der Maurer seinen Begleitern. Dann öffnet er die Tür und führt die Philosophin an der Hand einen schmalen Gang entlang in völlige Dunkelheit hinein. Rechts und links ertastet sie Stühle, Bänke. Die Schritte hallen. Sie zwängen sich in eine Sitzreihe, setzen sich.
Wie soll ich hier Sterne sehen? fragt sie. Ich kann nichts lesen. Ich brauche Licht.
Schau hinauf. Er hält ihre Hand.
Es dauert eine Weile, bis das Gehör sich an die Dunkelheit gewöhnt.
Als die Lichter im Saal angehen und der über verschiedene, für ein Planetarium geeignete und andere, völlig ungenügende Projektionstechniken referierende Professor sichtbar wird, sind Tränen in den Augen der Philosophin.
Hast du die Sterne gehört?
Ich mag jetzt nicht reden, sagt sie.
Die Meute hat sich zwischen all den Studenten verlaufen und es kostet den Maurer einige Nerven, bis er die vier fünf wieder beisammen hat.

Timbuktu |
Markus A. Hediger am 27.10.2006
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Die Toilette

Versteht ihr denn nicht? Zur Erleichterung habe ich diesen Raum gebaut. Es ist der einzige, in dem man, benutzt man ihn, nicht an das Fenster sieht. Vorhanden ist es zwar und dringend benötigt wird es auch, aber wenn man sitzt und Zeit hat zu lesen, befindet es sich im Rücken, über dem Kopf. Deshalb habe ich an die Tür geschrieben.
Versteht ihr denn nicht? steht da. Und: Keine der Türen führt ins Freie. Jede Tür öffnet sich in ein Zimmer, aus dem eine andere Tür in ein anderes Zimmer führt. Die einzige Welt, die nachweislich existiert, ist Timbuktu. Timbuktu besteht aus Zimmern. Aus Timbuktu führt keine Tür ins Freie.
Und nach einer leerzeilenlangen Pause fährt es an der Türe fort: Man betritt ein Zimmer, um es wieder zu verlassen. Versteht ihr denn nicht?
Es ist eine Unart, dass man seine Bedürfnisse in Timbuktu auf Türschwellen verrichtet. Der Maurer hat sich dem Tempo der fünften sechsten angepasst, die von ihrer Krankheit geschwächt der Meute kaum folgen kann.
Wir warten vor der Tür, sagt er.
Als sie rauskommt, sieht er an ihren Augen, dass sie gelesen hat, was an der Türe steht. Er will ihr sagen, dass sie keine Angst haben muss, dass Raum genug für alle ist, dass kein Zimmer dem andern gleicht, weil jedes Fenster anders ist, nur in Wahlzeiten nicht, doch auch Wahlen gehen vorbei, will er ihr sagen, und nichts ändert sich an der Tatsache, dass jedes Zimmer dir eine andere Aussicht bietet, und, will er sagen, ich will mit dir durch die Zimmer reisen und dir die Welt zeigen, doch er schweigt, weil er weiss, dass sie noch schwach ist auf den Beinen und der Rest der Meute nicht von seiner Seite lässt.

Timbuktu |
Markus A. Hediger am 26.10.2006
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Das Krankenzimmer

Illusionen heilen. Hier liegen die Desillusionierten. Konsequenterweise sind die doppelt verglasten Fenster nicht getönt, die Rahmen aus modernen Leichtmetalllegierungen nicht beschriftet. Die Kranken sollen sich ernstgenommen fühlen. Was hier zählt, sind ihre eigenen Geschichten.
Die Krankengeschichten sind auf die Aussenwand geschrieben. Jeder, der vorbeikommt und durch das Fenster blickt, soll wissen, wer darin liegt. Und weshalb. Dem “Selber schuld” werden leise gefauchte Geschichten entgegengehalten. Wisst ihr, zischt es von den aufgeschlagenen Fensterläden, von dem Leid, das ihr uns zufügt? Ihr tätet es nicht, wenn ihr von dem Elend wüsstet, das wir gesehen haben. Ihr läget neben uns.
In einem Raum, der an Bettenmangel leidet. Oder an chronischer Überbelegung. Wie man’s nimmt. Folge einer verfehlten Gesundheitspolitik.
Gebt den Kranken Stifte in die Hand und schiebt ihre Betten unter die Fenster, hat der Maurer den Ärzten zugeflüstert, es muss ja keiner was davon erfahren. Natürlich weiss er, dass es Zeit braucht und die Aneignung gewisser Fertigkeiten. Aber Geld für externe Experten ist ja nicht vorhanden, die Gesundheitskosten explodieren, die dringend benötigte Innenraumexpansion wurde aus dem Budget gestrichen. Weshalb also nicht…
... die Patienten dem eigenen Schicksal überlassen? haben da die Ärzte gefragt.
Nein. Das Schicksal in ihre Hände geben.
Diesen Unterschied versteht kaum einer. Da mag der Maurer den Ärzten keinen Vorwurf machen. Er hat versucht, es ihnen zu erklären, doch jetzt muss er weiter und eilt davon. Und hinter ihm her eine Meute von fünf sechs. Einer von ihnen ist krank.

Timbuktu |
Markus A. Hediger am 26.10.2006
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